Kultur


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74. Filmfestspiele Venedig Annette Bening setzt auf politische Themen und Stars

Venedig, ältestes Filmfestival der Welt, ist inzwischen wichtiger für die Oscars als Cannes. Die Jury um Annette Bening hat sechs US-Produktionen in den Wettbewerb geladen, mit Jane Fonda und Robert Redford bekommen zwei altlinke Stars einen Ehrenlöwen.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 31.08.2017

Der Himmel ist hellblau und das Meer etwas dunkler blau. Wie immer liegen die italienischen Großfamilien am Strand, Kinder kreischen und vor der Eisdiele steht man Schlange. Da denkt kaum einer an den 4. März 2018, an die Veranstaltung im Dolby Theater in Hollywood. Gut sechs Monate ist es noch bis dahin. Trotzdem hat gestern in Venedig auf dem Lido die Oscarsaison 2018 begonnen. Wer das älteste Filmfestival der Welt in den letzten Jahren eröffnet hat, spielte bei den Oscars eine Rolle und gehörte dort meist zu den großen Gewinnern: Ob es nun das Weltraum-Abenteuer "Gravity" war oder das Theater-Drama "Birdman" oder - im letzten Jahr - das New Musical "La La Land".

Konkurrenz mit Toronto

Vor ein paar Jahren noch wurde vermutet, das Festival von Venedig sei auf Dauer nicht überlebensfähig. Intern chronisch unterfinanziert und von den wichtigen Hollywood-Produktionen gemieden, weil mit allen entstehenden Nebenkosten einfach zu teuer für die Amerikaner – Atlantik-Flüge, Hotels, Aufenthalt, Promotion, Logistik: Wer aus den USA kam, um in Venedig einen Film samt Stars zu präsentieren, musste deutlich über eine halbe Million Dollar ausgeben. Außerdem gab es ja das Festival im kanadischen Toronto, das sich ab 2009 neu aufstellte und plötzlich als wichtig galt. Für die US-Amerikaner ist es dorthin nur ein Katzensprung. Doch dann erwies sich Toronto als eine eher kommerzielle Drehscheibe – ohne kuratierten Wettbewerb und ohne Sensibilität für künstlerisch anspruchsvolle Filme.

Politische Themen und große Stars

Nachdem sich inzwischen viele wichtige US-Regisseure dem europäischen Autorenkino näher fühlen als den Hollywood-Blockbustern, die fast nur noch aus krachenden Comicverfilmungen bestehen, gewann Venedig wieder an Bedeutung. Jetzt ist es sogar wichtiger als Cannes, zumindest in Bezug auf die Oscars.

Robert Redford und Jane Fonda in "Barfuß im Park" (1967)

Dieses Jahr sind sechs US-Produktionen im Wettbewerb – und so viele Stars wie noch nie werden erwartet: George Clooney, Jennifer Lawrence, Michelle Pfeiffer, Julianne Moore, Matt Damon, Ethan Hawke, Frances McDormand, Woody Harrelson und noch einige andere. Klug auch der Schachzug, in Zeiten Donald Trumps zwei altlinken Stars und politisch ewig aufrechten Schauspielern einen Ehrenlöwen für das Lebenswerk zu verleihen: Morgen Abend werden Jane Fonda und Robert Redford gemeinsam auf der Bühne des Palazzo del Cinema stehen, für je einen Leone d‘Oro. Davor ist als deutsche Coproduktion der Dokumentarfilm "Human Flow" des chinesischen Künstlers Ai Weiwei im Wettbewerb zu sehen, eine Bestandsaufnahme internationaler Migrationsbewegungen. So punktet Venedig mit politischen Themen und den passenden Stars dazu.

12,7 Zentimeter gegen den Klimawandel

Eröffnet wurde die 74. Ausgabe der Filmfestspiele von Venedig dann gestern Abend mit "Downsizing" von Alexander Payne. Matt Damon, wie er das vor der Weltpremiere sagte, spielt in der Science-Fiction-Satire einen Mann, der sich wegen des Klimawandels und der Überbevölkerung der Erde auf eine Körpergröße von 12,7 Zentimetern schrumpfen lässt, weil das nachhaltiger ist.

Matt Damon bei der Ankunft am Lido

Der Film hat lustige Szenen, doch schöpft Payne das politische Potential seiner Geschichte nicht aus, sondern setzt ab der Hälfte des Films zunehmend auf eine Romanze. "Downsizing" ist nett anzuschauen, aber auch etwas langweilig inszeniert. Da darf man sich von den neuen Filmen von George Clooney, Darren Aronofsky oder Guillermo del Toro mehr erwarten, eben auch in Bezug auf die Oscars 2018. Jury-Präsidentin Annette Bening wurde gestern Abend dann noch die übliche Quotenfrage gestellt: Nur einer der 21 Wettbewerbsfilme wurde von einer Frau inszeniert. Viel zu wenig, oder? Bening meinte, sie sei begeistert, hier der Jury vorzusitzen – und sie habe dafür vorher nicht alle Frauenfilme gezählt. Es sei einfach noch ein weiter Weg zu gehen.


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