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Kommentar zum Oscar-Kandidaten Auf Nummer Sicher mit "Aus dem Nichts"

Regisseur Fatih Akin soll den Oscar für den "besten fremdsprachigen Film" holen. Zwar keine falsche, aber eine wenig mutige Entscheidung, findet Filmkritiker Moritz Holfelder.

Von: Moritz Holfelder

Stand: 24.08.2017

Diana Kruger in Fatih Akins NSU-Drama "Aus dem Nichts"  | Bild: Warner Bros./Festival de Cannes/dpa

Man reibt sich die Augen, aber plötzlich ist das Filmfestival von Cannes zum Gradmesser für das deutsche Kino geworden. Jahrelang schimpfte die Branche nur noch auf die hochnäsigen Franzosen, weil diese keine Filme aus l‘Allemagne mehr in den Wettbewerb einluden. Doch dann kam letztes Jahr Maren Ades „Toni Erdmann“ – und die Croisette lag der deutschen Regisseurin zu Füßen. Dieses Jahr wurde sie in die Jury berufen – und konnte so mitbestimmen, wie man mit Fatih Akin umgehen würde, der mit dem Drama „Aus dem Nichts“ ebenfalls im Wettbewerb startete. Der Thriller wurde gut aufgenommen – und die famose Hauptdarstellerin Diane Krüger mit einer Palme als beste Schauspielerin ausgezeichnet.

Cannes-Effekt wie bei "Toni Erdmann"?

Der Cannes-Effekt: Maren Ade wurde letztes Jahr mit "Toni Erdmann" als deutscher Beitrag für den Oscar ausgewählt – und dieses Jahr ist es eben Fatih Akin. Der Reflex erscheint nachvollziehbar: Wer es in das Haupt-Programm von Cannes geschafft hat, wird weltweit beachtet. Doch es ist diesmal eine Nominierung ohne allzu großes Risiko. Kein Fehler, aber auch keine positive Überraschung. Akins Film ist respektabel, allerdings nicht so fulminant wie sein großes politisches Liebesdrama „Gegen die Wand“ von 2004, damals Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale.

Thriller, der politisch punkten kann

Mutig wäre es gewesen, wenn die Auswahljury für eine Produktion gestimmt hätte, die dieses Jahr ebenfalls in Cannes gezeigt wurde, allerdings nur in einer Nebenreihe und nicht im Wettbewerb. „Western“, der erst dritte Spielfilm von Valeska Grisebach und gerade in den Kinos angelaufen, ist ein Meisterwerk, eine kluge Erkundung kultureller Unterschiede: Ein Trupp deutscher Arbeiter soll in Bulgarien ein Wasserkraftwerk bauen und gerät mit der dortigen Landbevölkerung aneinander. Der Film sprengt, anders als „Aus dem Nichts“, Genrekonventionen – er wurde mit Laien gedreht. Aber er ist eben auch stiller, näher an der Wirklichkeit, nicht so spektakulär wie ein Thriller, der politisch punkten kann. In Fatih Akins „Aus dem Nichts“ geht es um einen Mord an einem Kurden durch ein junges Neonazi-Pärchen. Das mag im traditionell linken, von Donald Trump geplagten Hollywood den Ton der Zeit treffen.

Solche Überlegungen werden eine Rolle gespielt haben. Aber die Konkurrenz schläft nicht. Die Schweden haben gestern „The Square“ für den Oscar ausgewählt, eine Gesellschaftssatire über Egozentrik und Moral. Der Film von Ruben Östlund gewann dieses Jahr in Cannes die Goldene Palme.


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