Kultur


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Édouard Louis "Im Herzen der Gewalt"

Frankreichs Literaturstar Édouard Louis erzählt in seinem neuen Roman von einer dramatischen Nacht. Kunstvoll verschachtelt schildert er, wie er vergewaltigt wurde – und sucht nach den Ursachen der Gewalt.

Von: Iris Buchheim

Stand: 24.08.2017

Édouard Louis | Bild: Jerome Bonnet/moods

Am Weihnachtsmorgen 2012 eilt Édouard Louis mit der Bettwäsche, auf der er ein paar Stunden zuvor mit Reda geschlafen hat, in einen Pariser Waschsalon. Der Mann, der sich Reda  nannte, ist ihm gefolgt, als er in der Nacht von seinen Freunden kam. Schließlich hat Édouard ihn mit nach Hause und ins Bett genommen.

Die Zärtlichkeit kippt in totale Gewalt um

Die beiden Männer haben sich von ihren Familien erzählt, Reda über seinen Vater, der in den 60ern aus Algerien nach Frankreich kam, Edouard über das armselige Leben in der Picardie, das er mit seinem Studium in Paris hinter sich gelassen hat. Nach wiederholtem Beischlaf ist die Stimmung des gut 30-jährigen Mannes abrupt in Gewalt umgekippt: Er strangulierte Édouard, vergewaltigte ihn und bedrohte ihn schließlich mit einer Pistole. Nicht ob, sondern wie er ihn wohl umbringen werde, war die einzige Frage, die sich Édouard in seiner Todesangst stellte. Doch es gelang ihm irgendwann, Reda so einen Hieb zu versetzen, dass er die Fassung verlor und endlich die Wohnung verließ.

Selbst erlebt - die kunstvoll konstruierte Handlung

Fakt oder Fiktion? Der Skandal

Kurz nach Veröffentlichung des Buches ist Reda wegen eines Drogendelikts verhaftet worden – und wurde bald als Figur des Vergewaltigers im Buch identifiziert. Reda sagt, er habe Edouard Louis nicht vergewaltigt - er klagte gegen den Autor und den Verlag wegen Verletzung des Persönlichkeitsrechts. In dem Vergewaltigungsprozess verzichtete Edouard Louis, als Zeuge auszusagen und zog schließlich seine Anzeige zurück. Quelle: Dirk Fuhrig, kulturWelt

Aus der eigenen Vergewaltigungserfahrung hat Éduard Louis einen so packenden wie hochreflektierten und kunstvoll komponierten Roman gemacht. Er dringt in der Tat in das Herz von Gewalt vor, und schafft es, Ursachen, Bedingungen und die horrenden Folgen des brutalen Exzesses auszumachen. Der Autor erzählt das Geschehen mehrfach verschachtelt – mal als eigene Erinnerung an das unmittelbar Erlebte/ Resümierte, mal als Erinnerung an die furchtbaren Ermittlungen der Polizei, an die Reaktionen der Krankenschwestern und Ärzte, sowie die Reaktionen seiner beiden Freunde, des Soziologen Didier Eribon und des Philosophen Geoffroy de Lagasnerie. Letztere – auch im wirklichen Leben mit Édouard Louis eng befreundet, im Roman nur mit Vornamen genannt – haben den 24-jährigen Schriftsteller ziemlich bearbeiten müssen,  damit er überhaupt Anzeige gegen Reda erstattet. Er weigerte sich zunächst – zum einen aus Angst vor der Rache seines Vergewaltigers, zum anderen aus Wissen um die Sinnlosigkeit von Gefängnisstrafen, aber vor allem, weil er die Horrornacht im Zuge der Ermittlungen nicht wieder und wieder hervorholen und durchleben wollte. Dem Opfer wird das Ansinnen der Freunde, den Täter anzuzeigen zu einer einzigen Zumutung - zu einer weiteren Vergewaltigung.

"Sie sind wie Reda. Sie sind Reda. Wenn Reda der Name dessen ist, was du hast erleben müssen und nicht hast erleben wollen, wenn Reda der Name von Entbehrung, Schweigen und deiner Abwesenheit ist, der Name des Augen­blicks, in dem du hast tun und durchmachen und sein müssen, was du nicht hast tun und durchmachen und sein wollen, dann hilft das alles nichts, ich dachte: Dann hilft das alles nichts, ich sehe keinen Unterschied, ich sehe nichts dergleichen, sie verlängern Reda, sie sind Reda, ich sah sie nicht mehr an, um ihre Gesichter neu zu entdecken, ich dachte: Sie sind Reda, sie sind Reda, Reda hat dir gestern die Reda hat dir gestern die Gewalt über deine Bewegungen geraubt, Reda hat dir eine Stunde lang jede Entscheidungsmöglichkeit geraubt, die Entscheidungen über deine Bewegungen, über deinen Körper, und sie tun nun genau dasselbe, und ebenso wie Reda flehst du sie an, dich zu verschonen. Du flehst sie an aufzuhören, aber sie hören nicht auf, sie erwürgen dich, ersticken dich, du flehst sie an aufzu­hören, aber sie hören nicht auf. Und Didier sagte: 'Wenn du nicht Anzeige erstattest, tut er dasselbe anderen an, er tut es anderen an, das wird er, es ist eine elementare Pflicht, schon aus Solidarität, alle zu schützen, die …' – Aber warum soll ich den Preis dafür zahlen? Reicht es nicht, dass ich es habe durchmachen müssen?"

Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt

Der zweite Roman über wahre Begebenheiten

Diese mehrfachen Verschachtelungen des Erinnerten ergänzt Édouard Louis noch durch eine weitere Perspektive: die seiner Schwester Clara, der er von der Horrornacht erzählt hat und die wiederum davon ihrem Mann berichtet, was er wiederum belauscht und kommentiert. So wird das Gegebene vielfach gebrochen und der Gewaltakt in seiner ganzen Komplexität aufgeschlüsselt: die Angst, die das Opfer nach der Tat in den Augen seines Vergewaltigers erblickt, die Reflexion der eigenen rassistischen Affekte und vor allem die der Polizei, die Reda gleich als "Maghrebinischen Typus" abstempelte, die Sicht der anderen auf die Tat, die vermeintliche Mitschuld des Opfers und seine eigenen Überlegungen über die Motive des Täters. „Er will dich für sein Begehren büßen lassen. Er will sich selber glauben machen, dass ihr das alles nicht getan habt, weil er dich begehrt, sondern als Vorwand für das, was er jetzt tut, ihr habt nicht miteinander geschlafen, sondern das war nur das Vorspiel zum Raub“ .

Schon seine Debüt „Das Ende von Eddy“, mit dem  Édouard Louis zum Shootingstar der französischen Literatur avancierte, war ein autobiographischer Roman. Darin erzählt der Schriftsteller, der im bürgerlichen Leben Eddy Bellegueule heißt, vom Aufwachsen als Schwuler in einem verarmten und bornierten Dorf nahe der belgischen Grenze : Er schreibt über Homophobie, Ausgrenzung, Missbrauch, Gewalt, über das lange Verschweigen und Verleugnen des Anderssein, aus Scham und der Angst, nicht dazuzugehören. Inzwischen lebt Édouard Louis in Paris und sitzt an seiner philosophischen Dissertation. Er hat die prekären Verhältnisse seiner Kindheit und Jugend längst hinter sich gelassen, aber begegnet mitten in der Hauptstadt wieder übelster Gewalt. Da in seinen Augen die Politiker zu wenig gegen ihre Ursachen unternehmen, begegnet er ihr auf seine intellektuelle Art: bestens gerüstet mit klug eingesetzten literarischen Mitteln.

Édouard Louis: "Im Herzen der Gewalt". Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer Verlag, 224 Seiten, 20 Euro


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