Kultur


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Die Welt im Jahr 2035, gesehen von der CIA Sind wir noch zu retten?

Die Welt ist kompliziert geworden, die Politik schwer berechenbar. Wer traut sich da noch, Prognosen abzugeben? Der National Intelligence Council hat im Namen der CIA den Blick in die Zukunft gewagt – und zeichnet ein düsteres Bild.

Von: Andreas Trojan

Stand: 12.12.2017

Symbole - adpic CD36 | Bild: adpic/M. Baumann

Den "National Intellegince Council", kurz "NIC" genannt, gibt es seit 1979. Seine Aufgabe ist es, von Zeit zu Zeit Szenarien für die politische, ökonomische und soziale Zukunft der Welt zu ermitteln. Der Bericht dient der CIA als Basis für mögliche Entscheidungen und wird dem jeweiligen Präsidenten der USA vorgelegt. Doch da es sich nicht um eine Geheimakte handelt, darf auch die Weltöffentlichkeit das Dokument lesen.

Die Arbeit an Zukunftsszenarien

Man hat es sich beim NIC nicht leichtgemacht, wie ihr Vorsitzender Gregory Treverton berichtet: "Wir besuchten mehr als 35 Staaten, wir holten uns bei mehr als 2500 Menschen überall auf der Welt und aus allen möglichen sozialen Schichten Ideen und Feedback. Wir entwickelten eine Vielzahl von Szenarien, um uns vorzustellen, wie zentrale Unsicherheitsfaktoren in alternativen Zukunftsvisionen resultieren könnten. Schließlich sammelte und verfeinerte das NIC die unterschiedlichen Informationsströme zu dem Ergebnis, das Sie in Händen halten."

Weniger extreme Armut, mehr Demokratiemüdigkeit

Beim schnellen Durchblättern des Berichts "Die Welt im Jahr 2035" könnte man meinen: Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Oder: Was da geschrieben steht, weiß man eigentlich schon – die Welt ist nicht zu retten. Doch bei intensiverer Lektüre lassen sich die feinen Unterschiede ausmachen. Freilich, einige gravierende Faktoren werden uns bis ins Jahr 2035 verfolgen: Ströme von Migranten, die aus armen und von Kriegen gebeutelten Regionen in reichere Länder ziehen. Kriege sind stets möglich, auch solche mit Nuklearwaffeneinsatz. Klimaerwärmung und Umweltbelastung bleiben weiterhin heiße Themen.

Doch gerade hier zeigt das NIC die feinen Unterschiede: Länder, die neue Umwelttechnologien entwickeln werden, haben auf jeden Fall die Nase vorn. Ein Staat, in dem es noch viel nachzuholen gibt, hat das schon erkannt: China. Die Wirtschaftsreformen im Reich der Mitte, aber auch in anderen Großstaaten wie Indien haben zu einem historischen Anstieg des Lebensstandards für mehr als eine Milliarde Menschen geführt. Weltweit ist der Anteil der Menschen, die in "extremer Armut" leben, die also weniger als 2 US-Dollar am Tag zur Verfügung haben, von 35 auf rund 10 Prozent gesunken. Gleichzeitig wird in den reichen Industriestaaten die Demokratiemüdigkeit immer offensichtlicher. "Die Demokratie selbst wird zunehmend angezweifelt", heißt es im Bericht. "Einige Studien haben herausgefunden, dass unter den Jugendlichen in Nordamerika und Europa die Unterstützung für die Meinungsfreiheit schwächer ausgeprägt ist als in der Generation ihrer Eltern."

Die Überforderung von Mensch und Politik

Gerade in den reichen Industrieländern blühen Populismus und Nationalismus auf. Dieser Unsicherheitsfaktor wird auch die nächsten Jahre mitbestimmen und demokratische Strukturen erschüttern. Die Faktoren, die zu dieser Entwicklung führen, sind bekannt: Zuwanderung durch Migrantenströme, die Digitalisierung des öffentlichen wie privaten Lebens ängstigt viele Menschen. Da Computertechnologien, angewandte Künstliche Intelligenz oder Biogenetik in fast alle Lebenslagen eindringen werden, fühlen sich viele Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Sie sind, wie zum Teil auch ihre Politiker, vom raschen Anwachsen der Technologien schlichtweg überfordert. Hier, gerade innerhalb der EU, bedarf es eines klugen Krisenmanagements und einer besonnenen Weitsicht. An dieser Stelle ist der NIC voll des Lobes für Angela Merkel und die deutsche EU-Politik: "Obwohl die anderen europäischen Länder nicht glücklich über Deutschlands Rolle sind, kann man sich kaum eine andere Führungspersönlichkeit vorstellen, die so gut in der Lage wäre, die Interessen und Reaktionen der Region auszugleichen."

Mögliche Eskalation eines nuklearen Konflikts

Ein einiges, starkes Europa wäre wichtig, denn die politische Weltlage wird in Zukunft alles andere als sicherer. Glaubt man den Prognosen des NIC, so wird weltweiter Terrorismus auch noch bis ins Jahr 2035 unser Leben mitbestimmen. Doch es kommt noch schlimmer: Neben den USA, Russland und China werden andere Staaten – zum Teil Atommächte wie Indien und Pakistan – ein aggressiveres Verhalten an den Tag legen, um ihre eigene Position auf der Weltbühne zu verbessern. An dieser Stelle halten die NIC-Experten ein Horrorszenario für den Leser bereit: 2028 könnte der Konflikt zwischen Indien und Pakistan so sehr eskalieren, dass in begrenztem Maße Atomwaffen zum Einsatz kommen – 83 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki: "Unterstützt von China unternahmen die USA rasche Schritte, um die Krise zu entschärfen – wir hatten Glück. Die Eskalation des Konflikts zu einem regelrechten Atomkrieg wurde in letzter Minute abgewendet."

Wie agieren die Menschen der Zukunft?

Der Schock sitzt tief bei diesem Szenario. Russland selbst wird umfangreiche Rüstungskontrollvereinbarungen anstreben. Im Rückblick aus der näheren Zukunft sieht das so aus: "Putins Nachfolger unternahm auch große Anstrengungen, Russlands Beziehungen zu Europa zu reparieren – sehr zum Nutzen der russischen Wirtschaft." Doch das ist nicht alles. Auch die Mächtigen in den Vereinigten Staaten reagieren nun anders: "Der nächste Präsident der USA wird es mit einer Welt zu tun haben, in der geopolitische Konkurrenz zwar noch existiert, in der aber die großen Mächte gelernt haben, im Interesse der Selbsterhaltung auf Gebieten gemeinsamer Interessen miteinander zu kooperieren. Ohne den Schock, den wir alle bei der Beinahe-Katastrophe in Südasien erlebten, hätten die Entscheidungen, die der Präsident und andere zu treffen hatten, zu einem ganz anderen Ergebnis führen können."

Mit solchen Worten wird einer der wichtigsten Punkte der Studie "Die Welt im Jahr 2035" angesprochen: Die Experten des NIC können zwar auf den Gebieten der Politik, Ökonomie und des Sozialwesens Prognosen liefern, die möglicherweise eintreffen, doch die Reaktion auf diese Szenarien bleibt den Menschen in der Zukunft vorbehalten. Und damit gewinnt die Studie für jeden denkenden Bürger an Bedeutung. Nicht nur Politiker, sondern jeder von uns hat es in der Hand, seinen Teil zu leisten, damit die Welt eine lebbare bleibt. Rückzugsgefechte aufs Nationale, auf den eigenen Vorgarten, nützen da wenig.

So wie die Staaten nach dem fiktiven Atomkonflikt zwischen Indien und Pakistan lernten, verstärkt "miteinander zu kooperieren", so müssen auch Bürger verstehen, dass viele Konflikte nicht mehr allein auf nationaler oder gar regionaler Ebene zu lösen sind. Trotzdem gibt es weiterhin die Möglichkeit, regionale Identitäten zu bewahren: Kunst und Kultur – bis hin zu Essen und Festlichkeiten – sind dafür ideale Träger. Leider: Diese Elemente werden in der Studie des NIC überhaupt nicht beachtet. Und dennoch sollte das Buch "Die Welt im Jahr 2035" jeder lesen, der an der Gestaltung der näheren Zukunft teilhaben möchte.

"Die Welt im Jahr 2035. Gesehen von der CIA und dem National Intelligence Council" ist im Verlag C.H. Beck erschienen.


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