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Musikplattform Demotapes "Demokratie ist nicht selbstverständlich"

Kann man mit Musik einen speziellen Beitrag leisten, um die Demokratie zu verteidigen? Anne de Wolff und Torsten Eichten sind sich sicher – und haben dafür die Plattform "Demotapes" gegründet.

Stand: 17.08.2017

Anne De Wolff spielt Geige, Bratsche und eine Reihe weiterer Instrumente, sie tourt gerade mit Anna Depenbusch und hat schon mit Rosenstolz, Wir sind Helden, Calexico, BAP und vielen anderen musikalisch zusammengearbeitet. Zusammen mit dem Filmemacher Torsten Eichten hat sie die Internetplattform Demotapes.org initiiert. Christoph Leibold hat mit ihnen gesprochen.

kulturWelt: Der Name der Initiative beruht auf einem Wortspiel - Demotapes, das sind ja eigentlich Aufnahmen, mit denen noch unbekannte Bands Kunst und Können nachweisen. Sie laden alle Musiker, gern auch namhafte, ein, sich bei Demotapes zu beteiligen. Was sollen die denn dort demonstrieren?

Anne De Wolff: Wir wollten gern eine Plattform gründen, die mal ausschließlich Musik mit sozialer und politischer Relevanz zeigt. Das findet, unserer Meinung nach, sehr wenig statt im deutschen Radio. Und gerade jetzt vor der Wahl wollten wir zeigen, dass die deutsche Musikszene dazu doch auch genügend Stimmen hat.

Torsten Eichten

Torsten Eichten: Das Projekt ist entstanden in der Zeit, als Donald Trump die ersten Wochen im Amt war und sehr viel im Weißen Haus "gewütet" hat, würde ich mal sagen. Die Nachrichten waren bedrohlich, dass man dachte, das ist jetzt ein ganz neuer Ton, der sich jetzt hier in die Weltpolitik mischt. Und da haben wir miteinander telefoniert. Aus der Sorge heraus: "was wird jetzt, was kommt als Nächstes und was kann man tun?" entstand die Idee, eine Plattform zu gründen, über die man Musiker auffordert, politischer zu werden. Und vor allem auch den Leuten immer wieder in Erinnerung zu rufen, dass Demokratie nichts Selbstverständliches ist und dass es eigentlich wirklich immer wert und wichtig ist, das ins gesellschaftliche Gewissen wieder zurückzubringen. Dass in der Welt, in der wir hier ja auch in Deutschland leben dürfen, etwas ist, was wir behüten müssen wie einen Schatz, und das war der Grund für Demotapes.org.

Mit dabei sind Bands und Musiker wie Madsen, Silly oder Purple Schulz. Alle sind mit einem Videostatement und einem Song bei Demotapes vertreten. Auch Wolfgang Niedecken, den Sie, Anne De Wolff, persönlich von BAP kennen. Von dem gibt es auch eine neue, nicht kölsche Version des BAP Klassikers "Kristallnaach" - und eben auch ein Statement. 

In seinem Statement sagt Niedecken: "Jeder muss da anpacken, wo es Sinn macht". Für Musiker ist dieser Ort wahrscheinlich die Musik, wo er das besonders gut kann, wo es Sinn macht. Was kann denn Musik im Zusammenhang mit politischem Engagement besonders gut? 

Anne De Wolff: Ich glaube, Musik kann Herzen öffnen. Musik kann Menschen an anderen Stellen ansprechen, als es vielleicht eine Zeitungsmeldung tut oder irgendeine Nachrichtensendung. Ich glaube, dass man Sachen noch mal über einen anderen emotionaleren Weg erfahren kann, als sie einfach nur zu lesen, oder irgendwo zu hören.

Sie sagen, die Plattform ist ausschließlich Musik von sozialer und politischer Relevanz vorbehalten. Aber wo fängt die an? Wie deutlich muss es sein, wie subtil darf es vielleicht auch sein?

Anne De Wolff

Anne De Wolff: Das kann auch subtil sein. Das können sprachliche Bilder sein, aber auch persönliche Erfahrungen. Ich mag, wenn Menschen auch ein Weg gezeigt wird: Wir müssen hier nicht verharren in irgendeiner Angst, sondern wir haben auch die Kraft, etwas zu verändern - und sei es in uns drin. Es geht um viele kleine Bausteine, die unser Leben und unsere Gesellschaft besser machen und nicht nur um Riesenprojekte oder ganz deutliche Demonstrationen, sondern am Ende fängt ganz viel bei uns selbst und unserem Bewusstsein an.

Die Sängerin Jennifer Rostock hat einen Anti-AFD-Song aufgenommen, der wurde schon über 12 Millionen Mal aufgerufen im Netz. Da gab es dann aber nicht nur Zustimmung für Jennifer Rostock, sondern auch einen Shitstorm. Die Band bekam dann Reaktionen wie: "Wegen Schlampen wie dir wähle ich die AFD". Gibt es Musiker, die vor dem klaren Bekenntnis zurückschrecken, weil sie Angst vor solchen Reaktionen haben?

Anne De Wolff: Ich glaube schon, dass es Musiker gibt, die lieber neutral sein wollen. Es gibt welche, die sagen, meine Musik soll den Menschen Sonne und Freude vermitteln und den Alltag und das Schwere weghalten. Das kann ich nachvollziehen. Ich finde es allerdings auch wichtig, dass man seine Verantwortung als Musiker wahrnimmt.

Torsten Eichten: Es ist uns wichtig, dass wir nicht darüber entscheiden, ob uns der Inhalt gefällt. Wir stellen eine Plattform zur Verfügung. Und natürlich gibt es einen gewissen Filter - wir müssen ja entscheiden, ob wir es veröffentlichen, so wie es ist. Aber wir möchten den Leuten nicht vorschreiben, wie sie den Song schreiben sollen, oder wie das Video aussehen soll. Demotapes.org ist eine Plattform, die alles zusammenführen und sammeln und auch öffentlich zugänglich machen soll.

Diese Öffentlichkeit findet im Internet statt - Demos sind eigentlich auf der Straße angesiedelt. Aber das Internet ist vielleicht auch die Straße der Marktplatz von heute. Planen Sie trotzdem mit Demotapes irgendwann das Netz zu verlassen - ein Konzert, eine Kundgebung, irgendwas in der Art?

Anne de Wolff: Bis jetzt noch nicht. Wir sind bis jetzt auch ganz schön ausgelastet, weil das Projekt doch sehr umfangreich ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass man vielleicht Playlists macht, wo man Songs mit politischer und sozialer Relevanz sammelt. Vielleicht gibt es auch irgendwann ein Konzert, das kann ich mir auch vorstellen. 

Torsten Eichten: Wir würden uns auch über Unterstützung von außen freuen. Sowas in unserem Alltag überhaupt in die Welt zu setzen, hat schon sehr viel Kraft und Mühe gekostet. Also von der Idee, man sollte mal was machen, bis es tatsächlich sichtbar wird. Das ist ein Weg, den man auch zurücklegen muss. Und wir würden uns freuen, wenn wir das auch auf mehrere Schultern geben könnten. Das Projekt ist ja nicht nur an uns gebunden. Wenn sich Leute berufen fühlen, uns zu unterstützen: Herzlich gerne! Wir freuen uns Zuschriften – natürlich auch von Musikern.


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