Kultur


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Neues Cro-Album "tru." Perfekter Pop - übles Frauenbild

Auf der Panda-Maske von Cro steht neuerdings das Chinesische Schriftzeichen für "wahr", und so heißt auch sein neues Album: "tru." Darauf zeigt sich der Rapper erstaunlich ehrlich. Und offenbart ein erschreckend oberflächliches Frauenbild.

Von: Katja Engelhardt

Stand: 08.09.2017

Als Cro sein Markenzeichen, seine Panda-Maske verändert hat, war das eine Pop-Staatsaffäre. Eine Änderung: auf der Stirn ist jetzt ein chinesisches Schriftzeichen. Zhen. Was so viel heißt wie "wahr". Und tatsächlich war Cro noch nie so ehrlich und offen.

Wobei "Offenheit" in Bezug auf Cro nur sehr relativ verstanden werden kann. Auch wenn Cro sich wie Drake als einsamen gutverdienenden Junggesellen porträtiert, bleibt er an der Oberfläche. Unter Cros Maske könnte jeder Typ stecken. Also könnte er auch potentiell jedem weiblichen Fan gefallen. Und Cro seinerseits rappt und singt zwar unentwegt von "Girls", "Chicks" und "Frauen", aber diese bleiben ein weitestgehend weißer Fleck auf der romantischen Landkarte.

Ein großer Pluspunkt für männliche Hörer im Teenager-Alter (denn alle älteren Hörer sind hoffentlich aus Cros Frauenbild herausgewachsen). Das Girl von Cro ist das Girl, das nervt, das Girl, mit dem man gerade rummacht, während man an eine andere denkt, das Girl, das perfekt aussieht, nur leider langweilig ist.

Cros ideales Girl – langweilt

Der Datingmarkt ist das harte Pflaster, auf dem ein Boy wie Cro gewöhnlicher Weise Girls und Chicks antrifft. Aber auch hier trifft Cro statt auf coole Girls vor allem auf Unwägbarkeiten. Er benutzt Tinder und findet eine, die ist absolut "computiful", so auch der Song-Titel. Er chattet die computifulle Dame an – "wie komm ich rein, überleg mir ne Pick-up Line - hi" – und es läuft wie geschmiert. Die beiden chatten. Verabreden sich. Doch dann erfüllt sich die Macho-Sage "Alles Schlampen außer Mutti", denn Marie, wie sie genannt wird, geht in die vollen, fragt zu mir oder zu dir und Cro, der arme Bengel, erkennt "ich wollte eigentlich gar nicht, dass es klappt, denn aus Maria wurde plötzlich eine Slut. Fuck. Löschen."

Sogar wenn Cro mutiger wird, er sich und seine Wünsche ergründet und à la Dr. Frankenstein seine perfekte Frau zusammensetzt, so richtig von Anfang an, so von scratch, sodass er alles bestimmen kann ("no. 105"), sogar dann wird's flach. Der Po ist natürlich so rund wie die Brüste, ihre Lippen und die Brustwarzen haben dieselbe Farbe und weil Cro so ein detailverliebter Fuchs ist, checkt er auch, "ob die Beine zu den Knien passen" und noch mehr, nämlich "nimmt sie elegant die Stufen oder läuft sie wie auf Hufen?"

Das ist unerträglich oberflächlich, und auch der kleine Twist, den Cro doch noch einbaut, macht es nicht besser. Cro entdeckt: Diese perfekte Frau, die sei ja völlig langweilig. Denn "sie zeigt keine Reaktion auf Beleidigungen". Da könnte man ja schon mal fragen, wieso er seine Freundin, an der er so unermüdlich gewerkelt hat, überhaupt beleidigt. Schlimmer aber ist der daraus erst entstehende Makel, er "kann mit ihr nicht streiten, ich vermiss' Versöhnungssex". Woah. Muss Cro jetzt nur noch gewöhnlich initiierten Sex haben? Hoffen wir das Beste!

Pop-Kaugummi-Blase mit naivem Anstrich von Wahrhaftigkeit

Ich möchte nicht Cros Freundin sein. Eine Frau, die perfekt aussieht (Stupsnase!), Sex will, ja, aber nur, wenn er ihn zuerst anstrebt, während er sich hoffentlich nicht nur mühsam dazu bequemt, weil er denkt ja an eine andere, eine mit der er Pferde stehlen kann, die aber komischer Weise nicht bei ihm ist („Paperdreams“), während er genervt wird von den lästigen Frauen, die tatsächlich neben ihm im Bett liegen („fkngrt“).

Es lohnt sich, Cros Frauenbild so auseinanderzunehmen, weil dank der wirklich sehr guten Produktion sicherlich darüber hinweg gehört werden wird. Denn Pop, das muss betont werden, den beherrschen Cro und sein Team perfekt. Er schielt nach Trap und anderen Trends, die er sich elegant einverleibt, er huldigt seinen Vorbildern aus den USA mit Ideen aus Funk und Gospel, er flirtet mit Soul. Er verbeugt sich sogar vor Phil Collins „I Wish It Would Rain Now“ („Alien“).

So schön groß und pink die Pop-Kaugummi-Blase von Cro auch ist: Der Umgang mit Frauen in seinen Songs nervt unglaublich. Und das seit der allerersten Single. Ja, Pop ist manchmal doch nur verharmlosender Weichspüler des Lebens. Aber dem dann den Anstrich von Wahrhaftigkeit verleihen zu wollen, wie Cro es mit seinem Album „tru.“ gerade versucht, ist naiv. Auch wenn die Plattenverkäufe ihm sicherlich wieder einmal recht geben werden.


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