Kultur


13

Indie-Games "Die Deutschen sind mutiger geworden"

Komplex, behäbig, manchmal etwas dröge: Computerspiele aus Deutschland standen lange in dem Ruf, vor allem Deutschen zu gefallen. Doch nun staunt die Welt über eine neue Generation von Indie-Entwicklern und ihre coolen Spiele.

Von: Christian Schiffer

Stand: 25.08.2017

Gamescom 2017 | Bild: picture-alliance/dpa

Wer auf der Gamescom Spiele anschauen möchte, über die noch nicht dutzende Male rauf und runter berichtet wurde, der muss einen entbehrungsreichen Weg hinter sich bringen, einen Weg, der gespickt ist mit diversen T-Shirt-Kanonen, die im Akkord Oberbekleidung ins Publikum spucken, und allerlei Spielarten von Kirmes-Techno. Aber irgendwann hat man sich dann durchgeschlagen bis in die Halle 10.1, wo die Indie Arena Booth steht, der größte Indie-Stand auf der Gamescom. Auf 1.000 Quadratmetern kann man hier mehr als 80 Spiele von unabhängigen Entwicklern bewundern. Darunter auch „Code 7“, das dieses Jahr beim Deutschen Computerspielpreis zum besten deutschen Jugendspiel gekürt wurde.

Die deutsche Indie-Szene wächst und wird vielfältiger…

"Code 7"-Entwickler Zein Okko

In „Code 7“ schlüpft man in die Haut eine Hackers, der auf einer Raumstation gefangen ist und nur einen Computer hat, um da wieder herauszukommen. Die Protoversion zu „Code 7“ ist innerhalb einer Woche an der Uni entstanden: im Masterstudium am Cologne Game Lab. Mittlerweile ist daraus ein ausgewachsenes Spiel geworden, das vor allem durch seine düstere Atmosphäre besticht. „In Deutschland waren wir halt sehr lange bekannt für Aufbaustrategiespiele und Point & Click-Adventures“, sagt „Code 7“-Entwickler Zein Okko. „Mittlerweile ist die Indie-Szene aber in Deutschland so groß, dass man sich auch an anderen Genres probiert oder alte Genres etwas aufpäppelt und das kommt gut an, auch weil wir eine aktuelle Thematik aufgreifen.“ Tatsächlich passt ein Spiel wie „Code 7“ mit seiner Hacking-Thematik gut in eine Zeit, in der gefühlt jede Woche Daten geklaut werden und Staaten anfangen sich für den Cyberkrieg zu rüsten.

…weil die Ausbildung stimmt…

Ein aktuelles Thema greift auch „Orwell“ auf, das ein paar Meter weiter in der Indie Arena gezeigt wird. „Orwell“ spielt in dem fiktiven Staat The Nation. Ein umfassendes Überwachungssystem beobachtet die Bürger hier auf Schritt und Stritt, nach einem Terroranschlag leuchtet der Staat die Privatsphäre der Menschen noch genauer aus. Der Spieler soll den Anschlag aufklären und darf als Profiler im Privatleben anderer Menschen herumschnüffeln. „Orwell“ entlarvt den Überwachungswahn, denn schnell zeigt sich im Spiel, wie schnell man über andere Menschen anhand ihres Verhaltens urteilt, sie manchmal aber eben auch vorverurteilt.

Melanie Taylor von Osmotic

Entstanden ist „Orwell“ beim Drei-Personen-Studio Osmotic in Hamburg. „Die Deutschen sind mutiger geworden“ sagt Melanie Taylor von Osmotic, die trotz ihres Namens eine waschechte Oldenburgerin ist. „Es kommen neue Studenten und die wollen neue Dinge machen und da die Indieszene insgesamt wächst, bekommt man dann auch mehr Sicherheit und Selbstvertrauen.“ Dass die Indieszene in Deutschland wächst, hat vermutlich auch damit zu tun, dass sich die Ausbildungssituation verbessert hat. An viele Unis gibt es mittlerweile den Studiengang Gamedesign. „Aber auch die Förderlandschaft hat sich verbessert“ sagt Zein Okko. Und tatsächlich: In den meisten Bundesländern gibt es heute Förderprogramme für Computerspiele, in Bayern beispielsweise fördert das Wirtschaftsministerium Computerspiele mit 460.000 Euro im Jahr. 

… und die Fördermittel ausgebaut werden

Ohne eine Förderung hätte auch ein Spiel wie „Orwell“ möglicherweise gar nicht entstehen können. Mittlerweile brauchen Melanie und ihr Team aber keine finanziellen Stützräder mehr, denn „Orwell war ein Erfolg – und zwar vor allem im Ausland. Das Spiel wurde direkt auf Englisch entwickelt, ein Publisher lieferte wertvolle Kontakte und so wurde „Orwell“ sogar von der internationalen Fachpresse früher wahrgenommen als hierzulande.  Die renommierte us-amerikanische Spielewebsite Polygon bezeichnete „Orwell“ beispielsweise als „eindrückliche Warnung vor den Gefahren der Überwachungsgesellschaft“. Bei so viel Zuspruch ist es nur konsequent, dass Oscmotic Studios mittlerweile an „Orwell 2“ stricken, Thema diesmal: Fake News.

„Orwell“ und „Code 7“ sind nicht die einzigen Achtungserfolge aus Deutschland in letzter Zeit. Dem Strategiespiel „Shadow Tactics“ von Mimimi Productions aus München gelang sogar das Kunststück, sowohl Kritikerliebling zu sein als auch die Charts der Spieleplattform Steam zu stürmen, und schaffte es sogar auf Platz 1. Gut möglich, dass „Shadow Tactics“ nicht der letzte Indie-Hit aus Deutschland bleiben wird.


13