Kultur


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Unerhörte Amour fou Claire und Yvan Goll: „Nichts fehlt – außer Dir“

Immer wieder trennten, betrogen und vertrugen sie sich: Claire und Yvan Goll, eines der schillerndsten Dichter-Paare des zwanzigsten Jahrhunderts. Und sie schrieben sich ein Leben lang Briefe von großer Poesie und purer Sinnlichkeit. Antonio Pellegrino spricht mit der Schauspielerin Sandra Quadflieg, die mit Ulrich Tukur Texte von Claire und Yvan Goll aufgenommen hat.

Stand: 06.09.2017

Claire und Yvan Goll | Bild: picture-alliance/dpa

Die Geschichte einer überwältigenden Liebe

Liebe und Hass liegen nah beieinander. Das Dichter-Paar Claire und Yvan Goll wusste davon ein Lied zu singen. Immer wieder trennten sie sich, betrogen sich und versöhnten sich. Dokumentiert ist dieses Auf- und Ab der Liebe eines der extrovertiertesten Paare des zwanzigsten Jahrhunderts in ihren Briefen und Tagebuchaufzeichnungen. Sie wurden 2017 Grundlage für ein Hörbuchprojekt von Sandra Quadflieg mit Ulrich Tukur, das die leidenschaftliche Kraft und den poetischen Ausdruck dieser Beziehung zum Sprechen bringt.

"Sie sind mein Schicksal!, rief er und fiel auf die Knie.
Aber Sie nicht das meine!, antwortete ich."

Claire Goll

"Hochgeliebte, wie viel Leben hast Du mir gebracht. Ich war tot. Du bist die rotflammende Fahne des Tags. Du bist die Erretterin der Menschheit. Du. Wir wollen Menschen werden. Süße, noch einmal. Kuss. Kuss. Und dann Sturz zu Dir. Bald, bald. Ich schwelle vor Lust. Wir müssen leben, etwas werden. Ich wünsche Dir viel Sonne, viele Sterne, viel himmlisches Licht. Dieser Brief enthält mich ganz. Ich liebe Dich."

Yvan Goll

Achterbahn der Gefühle

1917 treffen sich Claire und Yvan Goll zum ersten Mal in Genf. Sie, Medizinstudentin, Übersetzerin, Pazifistin. Er, Autor, aus Frankreich Geflohener, Deserteur. Ihre Begegnung ist der Beginn einer leidenschaftlichen Beziehung und Ehe. Weil beide viel unterwegs sind, das Verhältnis schwankt und ständiger Bestätigung und Reflexion bedarf, schreiben sich die Dichter zwischen 1917 und 1950, das Jahr von Yvans Tod, ausführliche Briefe. Darin begegnet man zwei Menschen mit Fluchterfahrung, die den Krieg ablehnen und sich in der Friedensbewegung engagieren. Die Liebe und das Schreiben werden für sie zu Bausteinen einer neuen Welt, die Hass und Gewalt hinter sich lässt. Die Briefe dokumentieren aber auch eine Achterbahn der Gefühle, als die sich die Ehe von Claire und Yvan erweist, voller Leidenschaft, Eifersucht, Betrug und Zweifel. Trotz zahlreicher Affären – Claire z.B. mit Rainer Maria Rilke, Yvan mit der Lyrikerin Paula Ludwig – bleiben die beiden zusammen. In ihren Briefen vermittelt sich das persönliche Ringen genauso, wie ihr Umgang mit einer lebendigen Künstlerszene im Paris der Zwischenkriegsjahre, die sie mit prägten, oder ihr Erleben der bewegten politischen Verhältnisse.1939 gehen Claire und Yvan ins Exil in die USA, aus dem sie 1947 nach Paris zurückkehren.

"Yvelein, Dein Brief und das Buch liegen vor mir. Nicht in dem was Du sagst, liebe ich Dich, aber wie Du es sagst. An dem Buch als solchem möchte ich persönlich keine Kritik üben. Du rühmst die Stärke des Leids deiner Freundin. Erschüttert dich gedrucktes Leid mehr, als verborgenes? Ich glaube nicht, dass man mehr leiden kann wie ich seit vielen, vielen Monaten. Wer von uns zwei Frauen da die glücklichere ist, darauf soll Dir Goethe antworten: 'Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide'."

Claire Goll

Claire und Yvan Goll
„Nichts fehlt – Außer Dir“
Briefe und Tagebücher.
Das Hörbuch mit 2 CDs und einer Laufzeit von 157 Minuten ist bei Random House erschienen.

Herzensprojekt

Als die Schauspielerin Sandra Quadflieg in einem Antiquariat zufällig auf die Briefausgabe „Meiner Seele Töne“ und damit auf Leben, Liebe und Schreiben von Claire und Yvan Goll stößt, lässt sie deren Geschichte nicht mehr los. Die gebürtige Bremerin, die in Hamburg Schauspiel studiert hat, beginnt zu recherchieren, wählt Texte aus, setzt thematische Schwerpunkte, überzeugt den Verlag und gewinnt Schauspieler Ulrich Tukur für ihr Hörbuchprojekt: „Nichts fehlt – außer Dir“. Die Leidenschaft und Poesie der Dokumente hörbar zu machen, bedeutet für sie der Kraft und den Herausforderungen einer komplizierten Liebe Ausdruck zu verleihen und zwei besonderen Künstlerpersönlichkeiten breitere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Davon berichtet sie im Gespräch mit Antonio Pellegrino in den radioTexten.

radioTexte am Dienstag, 19.09.2017, 21.05 Uhr

Claire und Yvan Goll
„Nichts fehlt – außer Dir“
Mit Ulrich Tukur und Sandra Quadflieg

Antonio Pellegrino im Gespräch mit Sabine Quadflieg

Literatur Claire und Yvan Goll

Claire Goll/Yvan Goll/Paula Ludwig
Nur einmal noch werd ich dir untreu sein
Briefwechsel und Aufzeichnungen 1917-1955

Wallstein Verlag 2013

Claire und Yvan Goll

Ich liege mit deinen Träumen
Liebesgedichte

Wallstein Verlag (2009)

Yvan Goll

Germaine Berton
Die rote Jungfrau

Wallstein Verlag 2017

Claire Goll

Arsenik/Eine Deutsche in Paris
Romane

Wallstein Verlag (2005)

Yvan Goll

100 Gedichte
Wallstein Verlag (2003)

Yvan Goll

Eurokokke
Roman. Faksimile der Erstausgabe

Wallstein Verlag (2002)

Claire Goll

Der Gläserne Garten
Prosa von 1917–1939

Argon (1989)

Yvan Goll

Der Mitropäer
Roman

Argon (1987)


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