Kultur


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Sachbuch "Böse Briefe" "Aufgeklebte Buchstaben sind so ziemlich das Dümmste, was Sie tun können"

Drohbriefe können Angst einflößen, aber auch unfreiwillig komisch sein. Und obwohl sie in in Papierform gerade aussterben, sind sie im Netz so aktuell wie nie. Ein neues Buch rollt jetzt die Geschichte der bösen Briefe auf.

Von: Judith Heitkamp

Stand: 18.10.2017

Ernst Strouhal und Christoph Winder haben mit "Böse Briefe" eine überraschende und oft sehr unterhaltsame Kulturgeschichte des Drohens und Erpressens geschrieben, um "den Blick auf die Briefe zu richten, die man ungern bekommt, die aber durchaus eine Renaissance erleben": Was als Droh- und Denunziationsbrief begann, zeigt sich heute als Hasspost im Internet.

Judith Heitkamp: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee zu einer Kulturgeschichte des Drohens und Erpressen gekommen?

Ernst Strouhal: Der Ausgangspunkt des Projekts war natürlich in einem Wiener Café. Mein Mitautor Christoph Winder und ich, wir schreiben sehr viel für Wiener Tageszeitungen, und es gibt einen Übergang zwischen Printmedium hin zum Internet. Und wir haben uns gefragt, was man heute eigentlich noch mit Zeitungen und Zeitschriften anfangen könnte. Eigentlich ist das Ausschneiden von Buchstaben vielleicht das letzte Refugium der klassischen Tageszeitung. So sind wir auf das Thema von anonymen Briefen und die Textsorte von Droh- und Erpresserbriefen gekommen.

Wie viele "Böse Briefe", so heißt ja auch ihr Buch, haben Sie gelesen und wo haben Sie sie gefunden?

Wir haben vor etwa zwei Jahren begonnen und eine Sammlung von zwei- bis dreitausend dieser Briefe angelegt. Viele kommen aus Sammlungen von kriminologischen Instituten oder aus Privatsammlungen. Manche allerdings auch aus Sammlungen des Bundeskriminalamtes. Einige davon sind anonymisiert, das heißt aber nicht, dass sie fiktional oder erfunden sind. Diese Briefe wurden abgesandt und sind angekommen und sind irgendwie in die Hände von Kriminalisten gekommen.

Der Seite der Kriminalistik behandeln Sie in ihrem Buch auch. Und sie machen verschiedene Kategorien auf für diese Droh-, Erpresser- und sonstigen bösen Briefe. Wie haben sie die unterteilt?

Ein Brief ist ja zunächst einmal ein Papier. Jeder denkt sofort an aufgeklebte Buchstaben. Das ist aber sehr selten in der Geschichte, obwohl es sich sozusagen tief ins kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Denn man hinterlässt dabei natürlich sehr viele Spuren. Ich würde niemandem empfehlen, so einen perfiden Brief zu schreiben - aufgeklebte Buchstaben sind so ziemlich das Dümmste, was sie tun können.

Dann geht es um Handschriften, aber auch die Dominanz durch Sprache. Auf der einen Seite faszinieren diese Briefe durch ihre sprachliche Raffinesse, auf der anderen Seite geben Sie einen Einblick in eine Briefkultur, die wirklich dunkel ist. Der Erpresser dringt in die Intimität einer Existenz ein, er schafft mitunter eine paranoide Atmosphäre. Einer der Briefe, die wirklich erschreckend sind, war ein Brief, wo jemand bedroht wird - und dessen Familie - und ganz am Schluss steht ein einfacher Satz, nämlich: "Die Milch in Ihrem Kühlschrank ist sauer." Wenn Sie so einen Satz lesen, dann gehen sie sofort in die Küche, schauen, ob Milch im Kühlschrank ist und kosten sofort. Und sind sehr glücklich, wenn diese Milch nicht sauer ist - also, dass die Bedrohung doch eine Fiktion ist.

Lässt sich aus der Art, wie geschrieben oder formuliert wird, eigentlich etwas rückschließen auf den Verfasser?

Mit Sicherheit! Zunächst, wie ernst zu nehmen dieses Schreiben ist. Wenn ein Schreiben etwa an "sehr geehrte Post," adressiert ist, weiß man schon, dass das nicht so ernst zu nehmen ist. Oder ein Brief mit einer etwas kindlicheren Handschrift: "Wir fordern von Ihnen neun bis zehntausend D-Mark" – da deutet die Unbestimmtheit der Summe schon darauf hin, dass das vielleicht nicht so gefährlich ist. Dann gibt es eine große Gruppe, die versucht ihre Sprache zu verstellen und hier falsche Spuren zu legen. Es ist aber faktisch ausgeschlossen, Experten zu betrügen und zum Beispiel eine falsche Muttersprache vorzugeben. Weil man durch das Verwischen der Spuren viel mehr über die eigene Sprache preisgibt, als einem lieb ist. Am schwierigsten zu enttarnen sind kurze Schreiben, die geschäftlich bleiben.

Jetzt scheint ja die Epoche des Briefeschreibens mehr oder weniger an ihr Ende zu kommen und aus "Bösen Briefen" werden böse Mails oder böse Posts. Ist das nur ein technischer Unterschied?

Die Geschichte dieser Droh- und Erpresserbriefe ist auch eine Geschichte der Transportwege. Wenn ein Brief durch Boten zugestellt wird, dann ist schon klar, wer ihn geschrieben hat. Erst im 19. Jahrhundert, als die Post sehr gut funktionierte, gab es auch eine Explosion dieser Erpresserbriefe. Heute entlädt sich sehr viel im Internet, ich würde aber sagen, dass die Droh- und Erpresserbriefe eine Vorgeschichte dessen geben. Also, diese Hasspostings sind nicht unbedingt neu. Sie haben eine jahrhundertelange dunkle Geschichte.

Ich kann mir vorstellen, dass so ein Projekt auch den eigenen Blick auf die Welt beeinflusst. War das bei Ihnen so, nachdem Sie 2000 böse Briefe gelesen haben?

Ehrlich gesagt, waren wir gegen Ende dieser Arbeit schon sehr froh, diese Arbeit zu zweit unternommen haben. Sie blicken da in Gehirne hinein, in denen sie nicht vorkommen wollen. Das Böse hat ja eine gewisse Faszinationskraft - so brutal sind manche Schreiben. Und davon möchte man dann schon wieder wegkommen. Einer der großen französischen Kriminalisten Edmond Lodard, ein Kriminaltechniker aus Lyon, empfiehlt den anonymen Schreiber, wenn man ihn erhascht, zu verprügeln und dann eine reinigende Dusche zu nehmen. Ich würde abraten von der Verprügelung, man weiß ja nicht, wie stark der andere ist steht. Eine kathartische Dusche zu nehmen, ist schon notwendig. Nicht aus Angst, aber man wird mit Biografien konfrontiert, die einem zu denken geben.

„Böse Briefe“ von Ernst Strouhal und Christoph Winder ist erschienen bei Brandstätter


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