Kultur


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Late-Night-Satiriker im Museum "Deuscthland": Jan Böhmermann im NRW-Forum

"Die Gegenwart muss mit Kunst bezwungen werden", sagt der Late-Night-Satiriker und kreiert im Düsseldorfer Museum unter dem Titel "Deuscthland" einen durchgeknallten Böhmermann-Erlebnispark. Mit Hasskeksen und einer Nazi-Land-Disney- Installation.

Von: Rudolf Schmitz

Stand: 24.11.2017

Superbeklemmend und völlig abgedreht geht es los. Die Installation gleich im Eingang heißt: "Reichspark". Und stellt Deutschlands ersten historischen Themenpark vor.  Und da geht es um nichts anderes als um Deutschland zwischen 1933-45.   

"Zweimal am Tag startet und endet in Alt-Berlin die beeindruckende Fackelparade des Reichstags. Über 500 Darsteller in historischen Paradeuniformen – Wehrmacht, Sturmabteilung und Schutzstaffel – vermitteln den Besuchern einen Eindruck von der Wirkungsmacht nationalsozialistischer Massenveranstaltungen."

  Reichspark-Installation

Der NS-Themenpark als Geisterbahn

"Wäre ein Nazi Disney Land in Ostdeutschland möglich?" fragt der künstlerische Direktor des NRW-Forums Düsseldorf, Alain Bieber. "Und diese gesamte Frage ist eben komplett durchgespielt, dass die einen Messestand hatten auf einer Tourismusmesse, dass es einen Vertreter gab, der das thematisiert hat, in verschiedensten Ideen, wie zum Beispiel auch Feuer-Bunker-Ride, mit kleinen Themenrestaurants und Wolfschanze – alles kommt vor". Der NS-Themenpark als Geisterbahn: Man setzt sich in einen Wagen wie bei der Achterbahn, stülpt die 3-D-Brille übers Gesicht und schon geht’s los: Fackelparaden am Reichstag, Hitler und Blondie auf der Wolfsschanze, Russlandfeldzug, Folterszenen, Zerbombung Deutschlands, Führerbunker. Und man selber mitten drin, zwischen heulenden Stukkas und fanatisierten Massen. Das ist völlig durchgeknallt, aber das Lachen bleibt einem im Hals stecken. "Und es geht bei ihm, generell in dieser Ausstellung, um das Aufkommen dieses neuen hässlichen Deutschlands. Deshalb auch der Titel 'Deutschland' mit Rechtschreibfehler, deshalb die verschiedenen Zitate, ob’s jetzt AfD, Wutbürger oder irgend was anderes ist", erklärt  Alain Bieber

Böhmermann zielt auf Partizipation ab

Gegen diese Reichspark-Geisterbahn fallen die anderen Installationen zurück. Da gibt es einen Hasskeksautomaten-Persiflage der chinesischen Glückskekse. Das ist zwar witzig, aber dann doch ein bisschen zu harmlos. Der sogenannte "Rechtsfreie Raum" stellt die Auseinandersetzungen um Böhmermanns Schmähgedicht auf Erdogan dar. Ein Museumsraum, umbenannt in "Rechtsfreier Raum", das ist zunächst ein schöner Kalauer, aber alles gerät dann schnell zur Selbstglorifizierung. Ein wirklich bemerkenswertes Objekt ist eine "Druckgrafik in geringer Auflage". Und das ist nichts anderes als die geschwärzte TV-Moderation zur jener Erdogan-Sendung mit dem bekannten juristischen Nachspiel. Böhmermanns Ausstellung will Partizipation, Stellungnahme vom Besucher. "Es gibt ganz viele Stellen, an denen der Besucher sich wirklich positionieren muss, es gibt Wahlautomaten, in denen man gefragt wird: ist man eher Keks oder Kuchen, oder Israel und Palästina, und immer so gemischt zwischen Pennälerhumor bis zu großer Kunst. Und das ist diese Gradwanderung, die es sehr, sehr spannend macht",  sagt der künstlerische Direktor des NRW-Forums Düsseldorf.

Fan-Arbeit - ein Anfang, aber keine nachhaltige politische Kunst

Wie es zur Zusammenarbeit mit Jan Böhmermann kam? Alain Bieber saß einfach zu oft vorm Neo Magazin Royal und kam aus dem Staunen nicht mehr raus: "Ich kann mich da auf jeden Fall als großer Fan der Sendung outen, und es gibt immer Dinge, die ich gesehen habe, wo ich dachte: was ist das? Das ist echt Kunst."

Und so hat Alain Bieber mit Böhmermann und seinem Kreativteam Kontakt aufgenommen, um aus satirischem Grenzgängertum und skurrilen politischen Interventionen ein reichlich absurdes Ausstellungserlebnis zu machen. Ein Drucker erzeugt in einem fort große Papierknäuel: "Das sind Tweets in Echtzeit von 2072 deutschen Politikern, im Bundestag, Landtag usw. Und das wird einmal projiziert als Bild und das häuft sich über den ganzen Ausstellungszeitraum an, alles was deutsche Politiker so twittern", sagt Bieber.

Erlebnispark Böhmermann - verpufft ein bisschen zu schnell, um als nachhaltige politische Kunst durchzugehen. Einen Versuch war’s wert. Erfrischend ist es auf jeden Fall. Mir ist das Neo Magazin Royal lieber. Denn es geht schnell vorbei. Und das macht die gezeigten Gags einfach viel kostbarer.  


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