Kultur


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Beißpony - "Beasts & Loners" Nähmaschinensoli und singende Pflanzen

30 Prozent Klavier, 30 Prozent Schlagzeug, der Rest ist Improvisation, Intuition, eine Nähmaschine und ein Haufen anderer Gegenstände, denen man Töne und Klänge entlocken kann. Kakteen zum Beispiel. Ein Besuch beim Münchner Duo Beißpony.

Stand: 27.11.2017

Ein Kaktus wird verkabelt. Bei Steffi Müller sieht das alles so leicht aus. Pflanzen zum Singen zu bringen, auf der Nähmaschine ein Solo zu spielen und ein Regenschirmskelett seiner Erfüllung als Schlagzeug-Schläger zuzuführen. Gleich wird sie noch den Kaktus elektrifizieren und musikalisieren. Vermutlich kann sie zusammen mit ihrer Bandkollegin Laura Theis und ein paar Zick-Zack-Stichen aus ihrer Nähmaschine jene masochistische Zeitmaschine machen, von der Beißpony auf ihrer neuen Platte singen.

"Die 'Masochistic Time Machine'", erklärt Müller, "ist nur dazu da, dass man in der Zeit zurückreist zu einem unangenehmen Erlebnis. Ich finde es spannend, da anzuknüpfen und zu schauen, wie kann es weitergehen? Was könnte für die Zukunft spannend sein? Was könnten wir uns trauen, damit wir uns nicht mehr in alten Mustern finden?"

Steffi Müller mit ihrem Instrument, der Nähmaschine

Steffi Müller ist Künstlerin, Modemacherin und Perfomerin, zusammen mit der Songwriterin Laura Theis bildet sie das Münchner Duo Beißpony. Unverzichtbares Instrument bei den Beißpony-Konzerten: die Nähmaschine. Feministischer Artpop-Punk könnte man die Musik von Beißpony nennen. Vier Jahre nach ihrem offiziellen Debüt erscheint nun "Beasts & Loners".

Trügerische Vorort-Idylle

Die masochistische Zeitmaschine würde Steffi Müller als zehnjährige Schülerin in der Echelon Field-Station, dem NSA-Abhörpilz in Bad Aibling ausspucken. Überhaupt, dieses oberbayerische Voralpenland – das bereitet dem Beißpony Unbehagen. Dieses uncanny suburbia, von dem der Song "Ambroxol" handelt. "Dieses vermeintliche dörfliche Vorortidyll, wo Menschen sich häuslich und niedlich eingerichtet haben und alles gerne abgrenzen mit opalgrünen Hecken," so Müller. "Wo du fast keine EU-Außengrenze mehr brauchst, weil die Innengrenze schon so hart abgesteckt ist. Und man sich einen Scheiß schert, was außen passiert. Der Schein wird bewahrt. Das interessiert mich auch in der Bildenden Kunst oder wenn ich Performance mache. Gewaltstrukturen in der Gesellschaft, schon im kleinsten Bereich, wie sehr die sich verankern können und wie schwer die aufzubrechen sind."

Verbale Arschtritte in den Texten – verpackt in scheinbar samtwolkig-liebliche Melodien. Das ist die Taktik vom Beißpony, das in den letzten zwei Jahren viel rumgekommen ist. Stipendien in Antwerpen und Japan und Künstler-Residenzen in Horb am Neckar, dem Twin Peaks vom Schwarzwald, wie es Steffi Müller nennt, die dort gerade viel Zeit verbringt. Laura Theis hingegen lebt seit Jahren in Oxford in England, hat gerade ihren Master in Creative Writing gemacht und mit ihrer Gedichte-Sammlung den Textgrundstein für "Beasts and Loners" gelegt.

Laura Theis (l) und Steffi Müller

Songs wie "Otohime" wiederum verarbeiten Japan-Erlebnisse von Steffi Müller: "Das hab ich in Sapporo in der Ubahn geschrieben. Da kommt auch ein bisschen Japanisch vor. Sugaki. Varugaki. Heißt soviel wie 'kleines Scheißerchen, freches Kind'". Der Song ist aus der Perspektive eines Mirkofonständers geschrieben, einem kokainabhängigen Mikrofonständer, erzählt sie: Asgar, ein berühmter japanischer Schlagersänger, eigentlich ein Schwiegermuttertraum, habe immer wieder Koksskandale gehabt. Dieser arme Ständer habe ihn über Jahrzehnte begleitet und sei völlig fertig.

Ein Schallplattennähspieler

Müller fand sich in Japan irgendwann auch in den Kronen von Kirschbäumen wieder. Für gemeinsame Konzerte mit Musikern aus Japan, der Ukraine und Brasilien. Daraus wurde schließlich eine Platte, die auf dem frisch gegründeten Beißpony-Label veröffentlicht wurde: RagRec. Rag steht für Stofffetzen, Lappen. Bezeichnend ist das Labellogo: Eine Nähmaschine, deren Nähfuß, der normal auf dem Stoff aufliegt, wie ein Tonabnehmer auf einem Plattenspieler liegt. Ein Schallplattennähspieler. Denkbar ist das, jedenfalls im Beißpony-Kontext. Und zum Denken anregen, das ist es, was Müller und Theis mit ihrer Musik wollen.

Der Feminismus mit Zeigefinger ist nicht ihr Ansatz und wer sie wegen ihrer selbstgenähten Klamotten und DIY-Instrumente als bunte Kunst-Kasperl mit der Lizenz zum Durchdrehen wahrnimmt, hat Beißpony nicht verstanden. Kunst ist kein Zuckerstückchen, das einem schön portioniert zum Fressen hingehalten wird! "In Birmingham habe ich eine Freundin besucht, die als Kellnerin arbeitet," erzählt sie, "und in England wollen immer alle: Cutted in half! Halbier es! Und dann hat sie gesagt: Ja, aber du hast doch deine Zähne. Beiß halt einfach ab. Ich hab gar nicht so viel Lust, die Leute zu provozieren, sondern ich will Lust machen, dass sie ihren Schädel einsetzen".

Eine kratzig harmonische Soundachterbahn

Müller hat mittlerweile den oberen Teil des Kaktus angezapft – und schon wieder ist da diese Leichtigkeit: Sie streichelt und verbiegt die spitzen Stacheln, ohne sich selber zu verletzen. Und dann erzählt sie noch von den vielen Musikerfreunden, die auf "Beasts & Loners" mitgespielt haben und den Klangkosmos des Beißpony um Sitar, Tablas und Blas- und andere Instrumente erweitert haben. Das Ergebnis ist eine kratzig-harmonische Soundachterbahn aus Spoken Word, 60s Pop, kantigem Krautrock aus Zufalls- und Kaugeräuschen und einer asthmatischen Querflöte, die sich im rostigen Ofenrohr versteckt hat.

Bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Auf welcher Nähmaschine musiziert sich eigentlich am besten? Auf einer alten Handkurbelnähmaschine, so Müller, denn die habe die meisten verschiedenen Sounds, etwa das Kurbelgeräusch: "Dann ist da dieses Getriebe so fein. Da macht es Spaß, das percussionmäßig auf die Spitze zu treiben. Da kann ich selber auch noch viel lernen, was aus den Geräten rauszuholen ist."


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