Kultur


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Petition gegen Balthus-Bild Warum es hilft, Kunst und Leben zu unterscheiden

Eine Online-Petition fordert, ein Balthus-Gemälde aus dem Metropolitan Museum abzuhängen, das ein junges Mädchen in sexualisierter Pose zeigt. Es kann anstrengend sein, Kunst und Leben zu unterscheiden – aber es hilft.

Von: Beate Meierfrankenfeld

Stand: 07.12.2017

"Thérèse träumend", so lautet der harmlos-innige Titel eines Gemäldes von Balthus aus dem Jahre 1938, das im Metropolitan Museum in New York hängt. Doch harmlos ist das Bild keineswegs, sondern durchaus mehrdeutig: Zu sehen ist ein Mädchen, mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl zurückgelehnt, das mit angewinkeltem Bein den Blick auf seinen Slip unter dem Rock freigibt. Fast noch ein Kind – in einer sexuell aufgeladenen Pose.

Der Unterschied zwischen Kunst und Leben

Genau das ist nun Anlass für eine Online-Petition unter dem Titel "Remove Balthus' Suggestive Painting of a Pubescent Girl". Abhängen also? Natürlich steht der Fall im Kontext der aktuellen Debatte um sexuelle Übergriffe – auch die Petition selbst stellt diesen Zusammenhang her. Doch hier geht es nicht um Vorwürfe an reale Personen wie bei den unter dem Hashtag #MeToo und anderswo sehr zu Recht öffentlich gemachten Vorwürfen. Hier geht es um ein Bild.

Damit ist nicht gesagt, dass Kunst und Leben nichts miteinander zu tun hätten. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen beiden – und der liegt gerade in ihrem Wirklichkeitsstatus oder ihrem Wirklichkeitsverhältnis. Kunst schafft eine eigene Realität, ein großes "Als Ob" mit eigenen Regeln, sie ist auch ein Ort für unsere Fantasien und Obsessionen, unsere dunklen Seiten. Und hat sich in ihrer langen Geschichte gerade davon freigekämpft, moralisch sein zu müssen. Das Entscheidende ist: Richtig verstanden, behauptet die Kunst nicht, was sie mache, ließe sich auch im Leben machen.

"Reality Hunger" der Kunst, Fiktionalisierung des Lebens?

Durch die gegenwärtige Konjunktur des Dokumentarismus in vielen Kunstsparten – autobiografische Literatur, dokumentarisches Theater, Kino mit authentischer Handkamera-Ästhetik – ist dieser Unterschied aus dem Blick geraten, sogar ein bisschen in Misskredit. 2010 veröffentlichte der US-Autor David Shields ein Manifest unter dem Titel "Reality Hunger", ein großes Plädoyer für nicht-fiktionale Kunst und "bewusste Unkünstlichkeit": Gerade in Zeiten von digitaler "Fiktionalisierung" von Lebensläufen und Profilen "lechze" die Kunst nach Wirklichkeit und wolle "all dem Fabrizierten etwas Nichtfiktionales entgegenstellen", so Shields in seinem Buch.

Sich die immer wieder geäußerte These von der "Fiktionalisierung" des Lebens und den Begriff der Fiktion genauer anzusehen, kann tatsächlich hilfreich sein, um zu verstehen, worum es geht: Fiktion wird häufig als "schöne Lüge" oder als raffinierter Schwindel betrachtet – eben weil sie nicht sagt, wie es ist oder wie es sein soll. Ihr Clou ist aber, dass sie genau das auch gar nicht will. Und das unterscheidet sie eben von all den Inszenierungen des eigenen Lebens in der Netzkultur. Die mögen noch so schräg oder noch so kalkuliert sein – sie wollen ganz unbedingt und sehr verbissen ein Bild der Wirklichkeit zeigen: "So bin ich!", lautet die Botschaft, die natürlich nicht selten sehr durchschaubar scheitert oder einem schönen Selbstbetrug aufsitzt. In Bezug auf Fiktion aber macht die Rede von Irrtum oder sanfter Fälschung schlicht keinen Sinn. Genau das ist ihr großer Freiheitsgewinn: Fiktion muss nicht die Wahrheit sagen und kann trotzdem einfach nicht lügen.

Kunst im Kontext betrachten

Was wiederum nicht heißt, dass Künstler als Personen irgendwie anders zu betrachten wären als Normalsterbliche oder dass Kunst etwas irgendwie "Freischwebendes" wäre. Sie hat soziale, historische und materielle Voraussetzungen und unterliegt gesellschaftlichen Bedingungen: Balthus könnte sein Bild heute nicht mehr so malen wie 1938. Und wer über Kunst redet, sollte diese Bedingungen mit debattieren. Das könnte auch eine Lösung für den Fall der "träumenden Thérèse" sein: Der Titel der Online-Petition fordert zwar mit Sinn für Wirkung gleich das "Abhängen" des Bildes, der Text selbst schlägt aber auch eine mildere Alternative vor: eine Erklärung zum Gemälde mitzuliefern, "mehr Kontext" in der Bildbeschreibung zu schaffen also.

Das klingt gut. Dann folgt allerdings ein Vorschlag, wie diese Kontextualisierung aussehen könnte: Man solle zum Beispiel eine Zeile schreiben wie: "Einige Besucher könnten dieses Bild beleidigend oder verstörend finden". Eine solche Warnung aber ist nicht der Kontext, auf den es ankäme: Dass Kunst verstörend sein kann, ist eine ihrer besten Möglichkeiten. Die Forderung, sie sollte es im guten Falle nicht sein, wäre fatal.

Die Übung, einer fremden Obsession zu folgen

Besucher vor einem Kunstwerk zu warnen, macht eine bestimmte Annahme zu ihrer Kunstrezeption: Sie werden so vorgestellt, dass sie identifikatorisch an die Sache herangehen – nach Motiven, Figuren oder Blicken suchen, in denen sie sich wiederfinden oder durch die sie sich eben attackiert fühlen. Identifikation ist aber nicht die einzige und wohl auch nicht die beste Haltung in der Kunstwahrnehmung. Das Erstaunliche ist ja gerade, dass Kunst Perspektiven öffnen und sogar plausibel machen kann, die nicht die eigenen sind. Eine Frau, die zum Beispiel Nabokovs "Lolita" liest, teilt die dort ausgemalte schlüpfrige Obsession eines alternden Mannes für ein junges Mädchen nicht, kann ihr aber dennoch ganz nahekommen. So etwas ist möglicherweise verstörend, kann auch schmerzhaft sein, ist aber zugleich etwas Großartiges. Man kann es nur retten, wenn man die Logik der Kunst und der Fiktion von der des Lebens fundamental unterscheidet. Und letztlich werden wir genau diese Übung auch dringend brauchen, um in einer komplizierten, pluralistischen Realität zurechtzukommen.


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