Kultur

Frankenstein als Hörbuch August Zirner über Frankenstein und Donald Trump

Frankenstein wird 200 – und ist so aktuell wie nie. So sieht es auch der Schauspieler August Zirner. Er hat die Geschichte für die Bühne und als Hörbuch adaptiert. Ein Gespräch über Ehrgeiz, Selbstüberschätzung und Donald Trump.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 11.02.2018

Poster des Films "Frankenstein" mit Boris Karloff | Bild: picture alliance / Everett Colle

August Zirner spielt Frankenstein, den Forscher und das Monster, in einer selbst geschriebenen szenisch-musikalischen Lesung – und im Hörbuch "Frankenstein". Im Interview mit Cornelia Zetzsche erklärt er, was ihn an Frankenstein reizt, und in welchen Personen und Phänomenen er Frankenstein heute wiederentdeckt.

Cornelia Zetzsche: Sie haben aus dem romantisch-schaurigen Kult-Roman "Frankenstein" eine ganz eigene musikalisch-szenische Bühnenfassung erarbeitet und touren damit durch die Theater des Landes. Was interessiert Sie so an Frankenstein? Was berührt Sie da besonders?

August Zirner: Mich interessiert das Missverständnis, dass alle denken, der Roman wäre ein Horror-Roman, in dem es ums Gruseln geht. Mich fasziniert der Irrsinn, die Eitelkeit und die Selbstüberschätzung von diesem Victor Frankenstein. Und dass das Ungeheuer nicht das Monster ist – sondern der Wissenschaftler, der die Beziehung zu seinem Gewissen verliert – wie es viele von uns Menschen erleben, wenn sie vom Ehrgeiz gepackt werden.

Was bewegt denn diesen Frankenstein, sich über Gottes Schöpfung zu erheben? Will er den Tod überwinden, ist es der pure Ehrgeiz? Was ist sein Motiv?

Schauspieler August Zirner

Naja, so kompliziert wie Menschen eben sind – es ist alles zusammen. Er ist ehrgeizig, er ist ruhmsüchtig, er will berühmt werden, er will gottgleich werden. Gleichzeitig will er vielleicht Leid von Menschen fernhalten und verliert sich vermutlich in der Ruhmsucht – wie viele Menschen, mit denen wir momentan weltweit zu tun haben.

Wo sehen Sie denn heute einen Frankenstein?

In der chinesischen Wissenschaft, im Bestreben zu klonen. Ich sehe das im Diesel-Skandal, ich sehe das in der Regierung der Türkei, ich sehe das in der Regierung meiner Heimat Amerika. Ich sehe lauter Narzissten, es ist wie eine Realsatire. Wir werden momentan von Narzissten, mächtigen Narzissten und Konzernen regiert und es wird langsam Zeit, denke ich, dass wir uns wehren – so gut wir können.

Ist es so, dass dieser Frankenstein tatsächlich Verantwortung übernimmt? Also gibt es zur Intelligenz der Wissenschaft auch ein Gewissen?

Das ist genau das, was Frankenstein nicht tut: Er übernimmt keine Verantwortung für seine Taten oder für seine Nicht-Taten oder für sein Nicht-Sprechen, für sein Nicht-Handeln, für sein Nicht-Kommunizieren darüber was er da möglicherweise getan hat. Er rettet sich in ein Phantasie-Gebilde einer großen Tat. Das ist jetzt wirklich ein ganz blöder Vergleich: Genauso wie Donald Trump von sich behauptet, er sei ein Genius, da muss sich Wolfgang Amadeus Mozart doch im Grabe umdrehen, wenn sich so ein Mensch als Genius bezeichnet.

In der Rahmenhandlung des Romans, in den Briefen erzählt Frankenstein selbst als geretteter Schiffbrüchiger in der Arktis seine Geschichte. Sie haben den Kult-Roman drastisch verkürzen müssen für ihre Bühnenfassung und fürs Hörbuch. Worauf kam es Ihnen vor allen Dingen an?

Ich habe mich ein bisschen von Vorbildern leiten lassen, beispielsweise der "Kreutzersonate" von Tolstoi. Auch dort gibt es eine Rahmenhandlung und das, was passiert, ist eine Art Rückschau. Ähnlich ist es beim Frankenstein: Knapp bevor er auf dem Schiff stirbt, erzählt er dem Kapitän diese Geschichte. Das habe ich rausgenommen, weil das zu weit geführt hätte.

Aber ich dachte mir, diese literarische Form bedarf einer Rahmenhandlung, und da kam dann der Bach dazu: Bach am Anfang, Bach am Ende als Rahmenhandlung. Es gab mal einen ganz puren Bach und der löst sich dann vierstimmig am Ende auf. Der Abend beginnt und endet mit Bachs "Kontrapunktus 1". Ich habe versucht, die literarische Form von Mary Shelley wegen der Kürzungen musikalisch so zu ergänzen, dass der Roman trotzdem als Struktur erhalten bleibt.

Wir kennen Sie aus Filmen und vom Theater, derzeit als Nathan am Volkstheater in München. Nun stehen Sie als Frankenstein auf der Bühne, also eigentlich schauspielerisch als Solist, spielen Flöte zusammen mit dem Spardosen-Terzett also eine Doppelrolle. Was erfordert die?

Ich bin als Musiker-Kind aufgewachsen, bin aber Schauspieler geworden. Für mich ist das ein und dasselbe. Ich habe immer versucht instrumental – sei es mit Gitarre oder meinem jetzigen Hauptinstrument Flöte – auch zu erzählen und bin immer wieder mit Musikern zusammen gekommen, die glücklich waren mit jemandem wie mir einfach am Tisch zu sitzen und wir haben gesagt: Es geht ja ums Erzählen. Und ich glaube der Bund  derjenigen, die Geschichten erzählen wollen – das können Musiker sein, Sprecher, Schauspieler, Sänger oder Maler – denen geht es ums Erzählen.

Hörbuch "Frankenstein" mit August Zirner und dem Spardosen-Terzett

Und meine Frau sagt immer, wenn ich zu viel spreche und zu viel Blabla von mir gebe: Nimm doch die Flöte, dann höre ich deine Seele etwas besser. Die Flöte ist ein Seelen-Instrument, weil die Luft, die durch das Flötentor geht und sich in verschiedene Frequenzen verwandelt, der Luft sehr ähnlich ist, die durch den Hals geht und durch die Stimmbänder und dann durch die Lippen in Worte geformt wird. Flöte und Sprache sind im Grunde genommen für mich wie zwei Seiten der gleichen Medaille.

Das Hörbuch "Frankenstein", eine Koproduktion von GLM Music und Bayern 2, erscheint am 9. März bei Steinbach Sprechende Bücher.

Sendung: Das offene Buch

Zum 200. Geburtstag von Mary Shelleys "Frankenstein" entwickelte August Zirner zusammen mit dem Spardosen-Terzett eine theatralisch-musikalische Version des Kultromans. Lesung mit Musik. Moderation: Cornelia Zetzsche. Auch als Podcast verfügbar.