Kultur


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Arundhati Roy im Gespräch "Warum sollen wir nicht politisch sein?"

Zwanzig Jahre nach "Der Gott der kleinen Dinge" hat Arundhati Roy einen neuen Roman geschrieben. Ein Gespräch mit der indischen Autorin und Aktivistin über "Das Ministerium des äußersten Glücks" und die Situation in ihrer Heimat.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 18.09.2017

Arundhati Roy, “Das Ministerium des äußersten Glücks” ist ein großer indischer Roman: fabelhaft und realistisch, politisch und poetisch, ein poetisches Dokument der Entwurzelten, der Obdachlosen und Adivasi, der Ureinwohner, kritisch gegen Politiker und eine Erinnerung an Massaker in Gujarat und Kaschmir. Er ist bevölkert von religiösen Fundamentalisten und Kriegern, Opfern und Mördern, Familien und Liebenden. Was war Ihr roter Faden, Ihr Hauptthema, als Sie das Buch schrieben?

Arundhati Roy: Ich wollte über die Luft schreiben, das Klima, die Atmosphäre, sie ist voller Blut und Poesie, voller Unrecht und Fragmenten von Glück, Toten und Lebenden. An Orten wie Kaschmir ist die Grenze zwischen Toten und Lebenden fließend. Der Hindufundamentalismus wächst, Friedhöfe der Christen und Moslems werden immer mehr zu Ghettos, tatsächlich gibt es dort Leben. Ich finde, Literatur sollte ein Universum sein, und in dem Universum, aus dem ich komme, existiert all das und das sollte benannt werden. Die Luft kann nicht katalogisiert und in Abteilungen eingeteilt werden. Letztlich handelt das Buch von Menschen, die die Scherben ihrer Herzen zu einem Friedhof bringen und wissen: Glück ist ein sehr, sehr fragmentarisches und illusorisches Ding, aber sie erkennen es.

"Das Ministerium des äußersten Glücks" ist ein Palimpsest mit vielen Schichten, ein realistisches Märchen, ein Panorama Indiens, verschlungen wie die 1000 Wurzeln eines Banyan-Baums.

Arundhati Roy: Auf all den Reisen während der letzten Jahre, an all den Orten, die Leute normalerweise nicht aufsuchen, habe ich beobachtet, geschrieben und argumentiert. In mir haben sich diese Schichten abgelagert, die dieses Universum ausmachen, und ich fühlte mich wie ein Fels mit diesen Schichten.

Ihr Roman beginnt mit den gebrochenen Herzen, von denen Sie sprachen, auf einem Friedhof, mit einem seltsamen Gästehaus. Verlorene der Gesellschaft werden dort aufgenommen von Aftab alias Anjum, einem Hermaphroditen mit doppeltem Geschlecht, einer Hijra, einer früheren Prostituierten. Mir schien Anjum zerrissen wie Ihr Land, wie Indien.

Arundhati Roy: Die ganze Welt ist zerrissen und genauso gut zusammengefügt. Anjum ist genauso zerrissen und eins. Sie ist eine Frau mit einem großen Herzen. Ich möchte ihr kein Bild anheften, denn sie ist einzigartig, sie ist sie. Jeder ist einzigartig, niemand symbolisiert mehr als sich selbst. Und durch alle Figuren verläuft eine Grenze. Anjum wurde als Junge geboren und wurde zur Hijra, das bedeutet in Urdu: eine heilige Seele, gefangen in einem Körper.

Verblüffend ist, wie Sie Ihre Figuren zeichnen, mit großem Verständnis, mit Empathie, natürlich auch kritisch, manchmal ironisch. Wo finden Sie Ihre Figuren, einfach so auf der Straße, wie Sie es beschrieben?

Arundhati Roy: Die Figuren finden mich. Sie fangen an, mich zu besuchen, dann bleiben sie länger und länger, und dann ziehen sie einfach in mein Haus ein, buchstäblich. (lacht) Sie sind für mich realer als reale Menschen. Manchmal habe ich das Gefühl, ich erfand Anjum, aber nun beschützt sie mich. Ich frage sie in Vielem um Rat, ich nehme oft ihre Perspektive ein. Und wenn ihr die Dinge draußen in der Welt egal sind, sind sie mir auch egal. (lacht)

Ich dachte, Tilottama ähnelt Ihnen am meisten: die junge Frau, die sich in einen Rebellen aus Kaschmir verliebt.

Arundhati Roy: Tilottama ist – in meiner Vorstellung – die jüngste Tochter von Ammu und Velatha aus dem "Gott der kleinen Dinge" – wenn die Geschichte ein anderes Ende gehabt hätte, das heißt, sie wäre die jüngste Schwester von Estha und Rahel. Ich kenne sie also gut, aber ich bin nicht sie. Sie und Anjum sind die magnetischen Pole, um die das Geschehen im Buch kreist. Sie sind Frauen, die weder Plakate noch irgendwelche Slogans hochhalten. Sie sind wie Wasser, das den Felsen hinabfließt, sie gehen einfach ihren Weg, sie haben keinen anderen, sie können nicht umgeleitet werden, sie tun es einfach, ohne Lärm.

Mir scheint, es gibt noch eine andere Protagonistin: Delhi, die Stadt ist wie eine Figur.

Arundhati Roy: Das stimmt, das war meine Absicht. Es war ein Experiment. Ich wollte eine Geschichte schreiben, in der die Geschichte selbst zur Stadt wird, die man plant, die dann die Pläne wieder auflöst, in einem Prozess des Entwerfens und Verwerfens zeigt sie auf organische Weise die Konturen der Natur. Ich spreche nicht von Delhi, ich spreche von der Art des Erzählens. Ich bin kein Mensch, der einfach so an anderen vorbeigehen kann, ich muß selbst die Geschichten der Nebenfiguren kennen. Ich denke, wir sollten sie kennen, selbst wenn sie schwierig sind, möchte ich sie erzählen: Was ist das für eine Person, wo kommt sie her, was geschah? Wenn wir alles verfolgen können, was im Internet geschieht, können wir auch das Universum eines Romans verstehen. Ich wollte nicht nur über Menschen vor dem politischen Hintergrund schreiben, manchmal wurde der Hintergrund zum Vordergrund, die Stadt wurde zur Figur, das war Inhalt des Experiments.

Was hält Sie so lange in Delhi? Sie haben Verbindungen weltweit, Sie könnten in London oder, wie Rushdie, in New York leben und über Trump schreiben! Sie aber bleiben in Delhi und schreiben über Premier Narendra Modi, was hält Sie?

Arundhati Roy: Ich bin ein Baum, mit tiefen Wurzeln in Delhi, und würde ich verpflanzt, fielen alle meine Blätter ab (lacht). Ich denke, Delhi ist mein Ort. Vielleicht bin ich in dieser Hinsicht gar nicht so kosmopolitisch. Ich gehöre wirklich zu einer Gemeinschaft.

Ihr Roman führt nach Kaschmir, und ich möchte nicht versäumen, eine der interessantesten Figuren zu erwähnen: Amrik Singh, ein Offizier der Armee, der Kaschmir und seine Menschen verwüstet, der wie der Teufel in Menschengestalt wirkt, wie die Inkarnation des Bösen. Man hat den Eindruck, das Böse ist Teil der menschlichen Natur und er ist dafür ein Beispiel.

Arundhati Roy: Nichts von diesem Bösen im Buch ist erfunden. Aber ich sehe Amrik Singh nicht als Inkarnation des Bösen. Er operiert in einem Netzwerk der Straflosigkeit, das unter der militärischen Besatzung erlaubt ist. Er genießt, was er tut, er wird dafür belohnt, es ist ein Sport. Soldaten und Offiziere werden für das Töten ausgezeichnet, für die Anzahl der Toten, das ist für sie wie eine Beförderung im Job. Ihm wird dieser Handlungsspielraum durch das System gegeben. Tatsächlich ist er eine Schöpfung dieses Systems.

Es gibt einerseits das System und auf der anderen Seite die persönliche Verantwortung. Und es ist frappierend, nicht nur in Kaschmir, auch in Palästina und anderen Krisenregionen, was Menschen Menschen antun.

Arundhati Roy: Ja. Wie 2002 bei den Massakern in Gujarat, und der damalige Ministerpräsident des Bundesstaats ist heute Premierminister Indiens, nicht obwohl das geschah, sondern vielleicht sogar weil das geschah. Die Leute feiern das. In Indien sollen wir feiern, auch die militärische Besatzung Kaschmirs, wir sollen applaudieren, wann immer etwas Schreckliches getan wird. Vor ein paar Monaten, und das war noch nicht mal das Schlimmste, was dort geschah, band ein Armee-Offizier einen Zivilisten in Kaschmir an einen Jeep, schleifte ihn stundenlang umher wie einen menschlichen Schild und wurde dafür noch ausgezeichnet. Und jetzt verkaufen sie T-Shirts mit dem Bild des Kashmiri, festgebunden am Jeep. Ein Parlamentsabgeordneter der BJP, der Regierungspartei, sagte: Dasselbe sollten wir mit Arundhati Roy machen, und im Fernsehen debattierte man darüber, ob das akzeptabel war. Es sind die Menschen, nicht nur Politiker und Soldaten. Was geschieht mit einer Gesellschaft, die solche Dinge zulässt? Hier in Deutschland weiß jeder aus der Geschichte, wozu Menschen fähig sind, es ist wie eine Art Psychose. Und in Indien fragt man sich, was passiert da? Jedes Lynchen eines Moslems in den Straßen wird auf Youtube gefeiert.

Auf ein paar Seiten porträtieren Sie einen Politiker namens Gujarat Ka Lalla, der mich sehr an Narendra Modi erinnerte, auch wenn der Premier nicht erwähnt wird. Narendra Modi ist die große Hoffnung von allen, die an die Wirtschaft glauben, er ist im Westen willkommen und in Indien vom Volk gewählt, obwohl er verantwortlich ist für das Massaker in Gujarat 2002. Was ist los mit den Leuten, sind sie so gleichgültig, so brutal? Fanden Sie eine Antwort?

Arundhati Roy: Gujarat Ka Lalla ist natürlich eine Erfindung, lassen wir den mal beiseite. Aber einer der wichtigsten Momente meines Lebens, in dem ich etwas verstanden habe, war nach dem Massaker 2002 in Gujarat, als viele von uns darüber schrieben und dachten, das würde genügen, um die Leute zu schockieren, es würde sie sehen lassen, dass da etwas Schreckliches auf uns zukam.

1.000 Menschen wurden getötet, vom hindufundamentalistischen Mob …

Arundhati Roy: … vom Hindu-Mob verschiedener Schlägergruppen. Dann drehten sich die Leute um und sagten, die Moslems haben das verdient. Als ich in New York über „Das Ministerium des äußersten Glücks“ sprach, saß im Publikum die Tochter des muslimischen Parlamentsabgeordneten Asahn Jafri, der vom Mob zu Tode geprügelt worden war. Im Wahlkampf um das Amt des Premiers 2014 sagte Modi, als ihn die Agentur Reuters fragte, ob er das Geschehen in Gujarat bedauere: Wenn ich Auto fahren würde und ein Schoßhund geriete unter die Räder, würde ich es auch bedauern.  Als er gewann, feierten die Leute die Hindu-Herrschaft.

Die Lage ist ernst, Intellektuelle, Akademiker wurden ermordet, Schriftsteller bedroht.

Arundhati Roy: Wir wissen, der Nationalismus erhebt sich überall, aber in Indien begann es schon vor langer Zeit. Es gibt eine Organisation, keine politische Partei, aber ihren kulturellen Arm, RSS genannt, gegründet in den 20er-Jahren mit dem Glauben, Indien sei eine Nation der Hindus. Premierminister Modi und viele andere gehören zu dieser sehr militanten Organisation mit Hunderttausenden Freiwilligen und militärischen Übungen, und manche ihrer Ideologen sagten und sagen, die Muslime Indiens seien die Juden Deutschlands. Es gab Massaker. Heute werden Muslime auf offener Straße gelyncht, weil sie Rindfleisch essen, Vieh transportieren, und ein Spruch lautet: Hindu, das heißt: Es gibt nur einen Ort für Muslime: das Grab oder Pakistan. Die Lage ist also sehr düster, nicht nur für Muslime und Dalit, die Unberührbaren, die unteren Kasten, auch Säkulare, Journalisten, Schriftsteller, Rationalisten werden erschossen. Letzte Woche wurde die Journalistin Gauri Lankesh erschossen, in den Kopf. Über das Meiste wird im Ausland kaum berichtet, denn der Markt ist offen, Indien ist ein investitionsfreundliches Land. Das ist in Ordnung, wir müssen unsere Kämpfe selber austragen.

Und Sie tun das seit vielen Jahren. Sie haben reichlich Erfahrung mit Klagen und Gerichtsprozessen, wie ist Ihre Lage heute?

Arundhati Roy: Alle paar Jahre tut sich eine Gruppe männlicher Anwälte zusammen und reicht eine Klage gegen mich ein: Beim „Gott der kleinen Dinge“, wurde ich angeklagt, die öffentliche Moral zu beschädigen, der Fall dauerte viele Jahre. Dann klagten mich fünf Anwälte an, ich hätte sie vor den Toren des Obersten Gerichtshofs töten wollen. Das Gericht bestellte mich ein und verlangte, ich solle meine Aktionen erklären, sie waren verärgert und schickten mich ins Gefängnis. Vor zwei Jahren verklagte mich eine Gruppe männlicher Anwälte für etwas, das ich geschrieben hatte, es hieß „Professor POW“ über einen zu 90 Prozent behinderten Literaturprofessor, der ein Maoist und Terrorist genannt und ins Gefängnis geworfen wurde. Sein Rollstuhl brach, er musste auf allen Vieren durch seine Zelle kriechen, und ich sagte, man sollte für ihn bürgen. Stattdessen musste ich vor Gericht. Der Fall liegt im Moment auf Eis, ist nicht niedergeschlagen, aber ohne Anhörung, das ist gut. Aber der Professor sitzt lebenslang im Gefängnis.

Kritiker sagen, Ihr Roman sei zu politisch. Ich denke, sie übersehen den poetischen Zauber und all die Porträts, die ich sehr mag. Aber er ist deutlich politischer noch als "Der Gott der kleinen Dinge".

Arundhati Roy: Ich habe keine Zeit, um mich um diese Auseinandersetzung zu kümmern. Warum sollen wir nicht politisch sein? Sind wir wie Haustiere an der Leine? Und reden nur über das Häusliche? Natürlich ist das Buch in manchen Punkten sehr intim, es handelt von Liebe und Poesie, aber eben auch von Politik. Das in einer Zeit wie dieser, an einem Ort wie diesem zu ignorieren, schiene mir eine Fälschung. Es ist eine Verfälschung, über Indien zu schreiben, ohne über die Kasten und darüber zu reden, was dort geschieht. Es ist unredlich.

Das Buch

Arundhati Roy

"Das Ministerium des äußersten Glücks"
Roman
Aus dem Englischen von Annette Grube
Fischer Verlag
516 Seiten
24,70 Euro


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