Kultur


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Wer uns fehlen wird 2017 starben Tankred Dorst, Zuzana Růžičková und Fats Domino

2016 war das Jahr der Trauer um erstaunlich jung gestorbene Stars - Roger Cicero, David Bowie und Prince. Aber auch in diesem Jahr hat der Tod große Lücken in unsere Musik-, Literatur-, Theater- und Filmwelt gerissen.

Von: Hendrik Heinze

Stand: 21.12.2017

Die Verstorbenen Tankred Dorst, Zuzana Růžičková und Fats Domino | Bild: Illustration: BR / Christian Sonnberger

Rock’n’Roll stirbt nie, auch nicht 2017 – die Pioniere dieser Musik aber, die sterben leider doch. Im Oktober traf es Fats Domino, der von seinen 89 Lebensjahren über 60 mit seiner geliebten Frau verbrachte, der mit ihr doppelt so viele Kinder großzog, wie er Jahre zur Schule gehen durfte.

Fats Domino

Musikalisch hatte er seine Zeit in den 50ern, als er Millionen Platten verkaufte und alle prägte, die nach ihm kamen. Wer Fats Domino war, das zeigt der 31. Juli 1969: Ein Journalist nennt Elvis Presley den “King”. Nein, sagt Presley, und zeigt auf den ebenfalls anwesenden Domino: Der König des Rock’n’Roll ist er.

Chuck Berry

Chuck Berry

Bereits im März starb mit 90 Chuck Berry, der die Gitarre als führendes Instrument der Rockmusik etablierte. Von ihm bleiben Hits wie “Roll Over Beethoven” und “Johnny B. Goode”, das Lied über den Südstaatenbengel, der nicht lesen kann, aber Gitarre spielen kann er wie ein junger Gott. Chuck Berry – ohne ihn hätten die Beatles nie angefangen, Musik zu machen. Jetzt ist er tot und Domino auch – aus der Generation der Urväter leben nur noch Little Richard und Jerry Lee Lewis.

Roger Moore

Roger Moore

Gestorben ist im Mai 2017 auch Roger Moore, der als James Bond dem Tod so viele Male ins Auge blicken musste, ja mehr noch: Der sich die Leinwand und die Filmtitel meist teilte mit dem großen Tod, dem zweiten Hauptdarsteller. Als Moore den Geheimagenten ihrer Majestät das letzte Mal spielen durfte, da war schon 57 – nun, mit 89, haben der Tod und er einander endgültig gefunden.

Peter Härtling

Peter Härtling

Wer in den 80ern Kinder großzog oder selbst groß wurde, denkt da sofort: Orange. Die Farbe von Härtlings Kinderbüchern, die aus den Regalen leuchteten und aus denen abends vorgelesen wurde. Ben liebt Anna zum Beispiel. Dieser Peter vom Buchdeckel, das lernte man als Erwachsener, war allerdings weit mehr als Kindheitsverbesserer: Schriftsteller, Dichter, Präsident der Hölderlin-Gesellschaft. Härtling, der selbst viele Kinder und Enkel hatte, starb im Mai mit 83.

"Ich altere schlicht gesagt ungern – aber ich merke, dass mein Alter auch ein Wert ist. Ich habe wunderbare Gespräche mit Fünf- und Sechsjährigen, die mich für unendlich alt halten, mich sozusagen aus Wallensteins Lager frisch herausholen, um mit mir zu reden. Und dies frischt mich auf."

Peter Härtling

Michael Ballhaus

Michael Ballhaus

Er war einer der bedeutendsten Kameramänner des internationalen Films – andere sagen: der wichtigste Filmemacher, den Deutschland in der Welt hatte. Geboren 1935 in Berlin. Gestorben im April 2017 ebendort. Und in den knapp 82 Jahren dazwischen? 15 Filme mit Fassbinder, dann Scorsese, Coppola, Petersen. Ballhaus war der Glücksfall für Produzenten und Regisseure, effizient und kreativ – dazu freundlich und verlässlich, das sprach sich herum. Wie tragisch dann seine fortschreitende Erblindung. Ausgerechnet er, der die Bilder so liebte.

"Ich hätte gerne noch mehr gesehen! Ja: Ich hätte gerne noch mehr gesehen. Ich sage nicht: Warum bestraft mich der Himmel mit Blindheit bei diesem Beruf, das ist nicht der Fall – sondern ich sage: Gut, ich habe ein wunderbares Leben gehabt, habe viel gesehen – und jetzt ist es halt nicht mehr das."

Michael Ballhaus

Tankred Dorst

Tankred Dorst

Er ist ein Mann wie einem seiner Stücke entstiegen. Märchenhafter Name, weißes Haar auf Dichterschädel. Er war der große alte Mann des deutschen Theaters, einer der meistgespielten Dramatiker. Oft schrieb er an mehreren Stücken zugleich, neben ihm sein Apothekerschränkchen mit Textideen in jeder Schublade. Dorst starb im Juni mit 91 – er hinterlässt, die Stücke seiner Kindheit nicht eingerechnet, mehr als 50 Bühnenwerke, darunter Monumentaldramen wie “Merlin oder das wüste Land”.

"Ich wollte immer in meinem Leben Theaterstücke schreiben, seit meinen zehnten Lebensjahr oder elften. Für meine Großmutter habe ich damals zu Weihnachten immer ein Theaterstück geschrieben."

Tankred Dorst

Zuzana Růžičková

"Das war kein Mut und keine Stärke, das war nur pures Glück. Oder wollen wir sagen, ich hatte vielleicht einen guten Engel?" sagte die KZ-Überlebende und Jahrhundert-Cembalistin. Ein Notenzettel mit einer Sarabande von Bach hilft ihr durch Auschwitz, Neuengamme und Bergen-Belsen. Bei ihrer Befreiung ist sie 18 Jahre alt – und wiegt 30 Kilo. Aber Růžičková kämpft sich zurück: Sie wird 90 Jahre alt, nimmt das Bachsche Klavierwerk auf dem Cembalo auf. Und wird bis zu ihrem Tod jetzt im September immer wieder gefragt, woher sie die Kraft nimmt. Ihre Antwort: Bach.

"Er hat mir den Weg zu etwas Größerem, als wir sind, gezeigt. Beethoven hat mir leider nicht geholfen. Denn er war ein Rebell. Er hat dem Himmel gedroht. Das war das Gefühl, das ich hatte, als ich aus dem Konzentrationslager kam: Wie konnte Gott? Bach hat mir darüber hinweg geholfen."

Zuzana Růžičková


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