Bayern - Kult & Brauch

Further Drachenstich Geschichte - Ursprung in den Hussitenkriegen

Die blutige Zeit der Hussitenkriege im 15. Jahrhundert hinterließ nachhaltige Spuren in der Geschichte der Oberpfalz. Auch der Drachenstich geht darauf zurück. Als ihn der Klerus 1878 verbot, wurde das Spiel weltlich - und verwandelte sich in das heutige Volksschauspiel.

Stand: 22.06.2012
Heiliger Georg | Bild: picture-alliance/dpa

Jan Hus - tschechischer "Ketzer" der frühen Neuzeit - erkannte schon 100 Jahre vor Martin Luther den Papst nicht als höchste Autorität in Glaubensfragen an. Zu Zeiten von Hus wurde man als Reformator jedoch schnell zum Märtyrer.
Im Jahr 1415 ließen ihn die Kirchengewaltigen während des Konstanzer Konzils auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Vor allem in Böhmen hatte Hus jedoch viele Anhänger, diese sogenannten Hussiten verbreiteten in den folgenden Jahren sein kleruskritisches Gedankengut.

Kreuzzug gegen die Reformatoren

Das Gemälde zeigt den Reformator Jan Hus ...

Papst Martin V. wollte diesem Treiben der "Irrgläubigen" nicht länger zusehen und rief 1420 zum Kreuzzug gegen die Hussiten auf. Sigismund von Luxemburg - in seiner Titelsammlung befand sich unter anderem ein König von Böhmen - folgte dem Appell. An seiner Seite zogen auch die bayerischen Herzöge Heinrich und Ludwig gen Prag, um den Abtrünnigen Mores zu lehren. Doch vor der Burg Vysehrad verloren sie eine Schlacht, die den Hussiten Oberwasser verschaffte.

Hussiten fallen in der Oberpfalz ein

Freilichtspiel "Vom Hussenkrieg" in Neunburg vorm Wald

Die gingen nämlich jetzt ihrerseits zum Gegenangriff über. In Bayern hatte darunter vor allem die Oberpfalz zu leiden. 1422 wurden Eschelkam und Neunkirchen überfallen. Das Straubinger Land traf es ebenso wie die Gegend von Nürnberg. Bis in die 1430er-Jahre ritten die Tschechen ihre Attacken in Bayern und anderswo, die als Hussitenkriege in die Geschichte eingingen.

Im damals geteilten Bayern waren die Herzöge zu zerstritten, um effektive Gegenwehr leisten zu können. Eine einzige Niederlage mussten die Hussiten auf bayerischem Boden hinnehmen: 1433 bei Hiltersried nahe Waldmünchen. Ansonsten waren sie militärisch von den kaiserlichen und päpstlichen Truppen kaum zu bezwingen. Es bedurfte Friedensverhandlungen, um 1436 die Kriege beenden zu können.

Mission für Heiligen Georg alias Udo

Sie hinterließen tiefe Spuren im kollektiven Bewusstsein, zumal die Hussiten nicht zimperlich ans Werk gingen: Plünderung, Brandschatzung und Mord waren an der Tagesordnung.

Drachentöter St. Georg

Die Schrecken dieser Gewalt waren es möglicherweise, die die Eindringlinge in der Phantasie der ostbayerischen Bevölkerung zum furchterregenden Untier werden ließ. Sie enthistorisierte damit den Horror, machte ihn zum Mythos. Der Drache als Verkörperung des "Bösen", des Hungers, des Tötens, aber auch der "Un- oder Irrgläubigen" gehörte in der Kirchentradition ohnehin zur gängigen Ikonographie - und auch der Drachentöter hatte einen Archetyp: den Heiligen Georg. Es ist kein Zufall, dass seine Legende zur Zeit der Kreuzzüge Karriere machte. Im Further Spiel wurde aus Sankt Georg der Fahnenträger Udo.

Drachen an Fronleichnam

Aus den Hussitenkriegen wurden später an diversen Orten "Hussitenspiele". In Furth waren sie zunächst wohl Teil der Fronleichnamsprozession, wie eine Aufzeichnung aus dem 16. Jahrhundert vermuten lässt. Die Vermengung von Kirchenfest und Volksbrauchtum waren jedoch der klerikalen wie der weltlichen Obrigkeit lange Zeit ein Dorn im Auge.

Der tapfere Ritter Udo ...

Die Further ließen sich dennoch nicht davon abhalten, ihr Spiel mit dem grausigen Fabelwesen über die Jahrhunderte weiterzuführen. Wie weit ihre Verbundenheit mit dem Drachenstich ging, zeigte der große Stadtbrand vom 29. Juni 1863. Ein Schlossbewohner rettete den Kopf des damals über 100 Jahre alten Drachens, obwohl seine eigene Habe von den Flammen bedroht war.

Vom Volksbrauch zum Volksschauspiel

Bei einem Konflikt zwischen Kirche und Bürgertum im Jahre 1878, bei dem der Klerus das Drachenstechen verbot, wurde das Spiel vom kirchlichen Fest abgekoppelt, in den August verlegt und damit weltlich. Aus einem einfachen Volksbrauch, der aus einem Umzug und dem anschließenden Kampf des Ritters mit dem Drachen besteht, entwickelte sich langsam ein Volksschauspiel, dessen Höhepunkt der Lanzenwurf des Ritters in den Rachen des Ungetüms ist.

Das Böse wurde mit dem Kalten Krieg gleich gesetzt.

1952 überarbeitete der Schriftsteller Josef Martin Bauer ("So weit die Füße tragen") den Drachenstich. Dabei gab er ihm den historischen Hintergrund zurück, indem er ausdrücklich einen Bezug zu einer Hussitenschlacht von 1431 herstellte. Doch Bauers Fassung befand Regisseur Alexander Etzel-Ragusa nicht mehr zeitgemäß: Zu sehr sei sie dem Kalten Krieg verhaftet gewesen, dem alles Böse nur aus dem Osten kam. 2007 schrieb Etzel-Ragusa ein völlig neues Stück: moderner, spannender, actionreicher - und noch näher an den historischen Fakten der Hussitenkriege orientiert.


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