Bayern - Kult & Brauch

Rück- und Ausblick Die Wells wieder auf der Bühne

Die Biermösl Blosn ist Geschichte. Christoph, Hans und Michael gaben im Januar ihr Abschiedskonzert. Nun gibt es ein Wiedersehen mit zwei der drei Brüder in den Münchner Kammerspielen.

Autor: Maximilian Burkhart Stand: 03.02.2012

Christoph und Michael werden dieses Jahr zusammen mit ihren Schwestern von den Wellküren und ihrer Mutter in den Münchner Kammerspielen bei einem Hausmusikabend zu sehen sein. Die Premiere ist diesen Sonntag (5.2.2012). Das Thema des Bühnenprogramms "Fein sein, beinanander bleiben" ist ihre Familiengeschichte.

Getrennte Wege

Geschwister Well | Bild: BR/Max Hofstetter zum Artikel Die Wells in den Kammerspielen Mit der Tuba zu sich selbst

Nach der Biermösl-Blosn ist vor den Geschwistern Well: Kaum ist das Abschiedskonzert gespielt, steht die Well-Familie schon wieder auf der Bühne - in den Münchner Kammerspielen, in neuer Formation und mit mit einem neuen Thema: ihrer Familiengeschichte. [mehr]

"Es darf nicht sein, dass wir als Papageien enden, die immer nur wieder ihre eigenen Texte aufsagen", sagte Hans Well, der politische Kopf der Gruppe. "Wir waren nie eine Welly-Family." Das letzte Mal zu dritt waren sie im Januar in Fürth, zusammen mit Gerhard Polt, zu sehen.

Die beiden jüngeren Brüder Christoph und Michael hatten genug vom Stress. Streit gab es auch wegen eines neuen Bühnenprogramms. Der für die bissig-politischen Texte verantwortliche Hans wollte mal ganz ohne den kongenialen Bühnenpartner Gerhard Polt auftreten, die Brüder nicht.

Hoch musikalisches Trio

Aus Günzlhofen im Landkreis Fürstenfeldbruck, ganz in der Nähe des Biermooses stammt die Volksmusikantenfamilie Well, zu der sage und schreibe 15 Kinder gehören. Drei davon - Hans, Michael und Christoph - haben seit 1976 das Bayern-Land als Biermösl Blosn beglückt.

Der Erfolg war den hoch musikalischen Brüdern nicht in die Wiege gelegt. Schulisch nicht allzu erfolgreich, flüchteten sie sich eigenen Angaben zufolge in die Musik. Zusammen spielen sie 27 Instrumente, darunter Harfe, Alphorn, Didgeridoo, Drehleier, Banjo oder Dudelsack. Christoph Well brachte es sogar unter Sergiu Celibidache zum Solotrompeter der Münchner Philharmoniker.

Dafür und dagegen

Bekannt wurde die Biermösl Blosn 1979, als das Bayerische Fernsehen die Biermösl-Coverversion des Bayern-Liedes "Gott mit Dir, Du Land der Baywa" spielte. Landesvater Franz Josef Strauß schäumte. Dafür tat sie sich mit dem Kabarettisten Gerhard Polt zusammen und schimpften und sangen gemeinsam gegen die WAA in Wackersdorf, den Ausbau der Donau und die Asphaltierung des Isentals, gegen den Ausverkauf des Bayernlandes an Großinvestoren und Staatsparteien.

Doch die Biermösl Blosn war nicht nur dagegen, sondern vor allem dafür. Ihr Herz hing an einer unpathetisch verstandenen Volkskultur, an Stuben- und Spielmusik und am Volkstanz. Aktiv war sie auch in der "Hochkultur" und deswegen regelmäßiger Gast an den Münchner Kammerspielen, zum Beispiel mit Lesungen ihrer Brüder im Geiste von Oskar Maria Graf und Lion Feuchtwanger - und den üblichen Verdächtigen wie Gerhard Polt, Gisela Schneeberger oder Jörg Hube.

Die Wells

Die Well Buam ...

... das sind: Berti, Karli, Christoph, Michael und Werner Well, Franz Eimer sowie Max Lang. Seit 25 Jahren spielen sie tanzbare Volksmusik, auch aus fremden Ländern, dann aber bajuwarisiert.

Die Biermösl Blosn ...

... das sind: Christoph, Hans und Michael Well. Seit 1976 verbindet die Biermösl Blosn bayerische Volksmusik mit bissigen, satirisch-politischen Texten. Seit 1979 arbeitet die Gruppe eng mit Gerhard Polt zusammen.

Die Wellküren ...

... das sind: Moni, Burgi und Bärbi, die Schwestern der Biermösl Blosn. Sie sind die weibliche Synthese aus Volksmusik und Kabarett.

Well'sche Hausmusik ...

... ist die inoffizielle Formation der Familie Well mit zunehmender Anzahl an Musikern. Altersmäßig ist von einem Jahr bis 90 alles dabei. Die Formation trifft sich unregelmäßig und spielt nur vor ausgewählter Hörerschaft.

Kulturelle Hegemonie

"Tempora mutantur", sagt der lateinverliebte Bayer, die Zeiten ändern sich. Und so ist die Biermösl Blosn mittlerweile mitten im bayerischen Mainstream angekommen. Kein Wunder, hält sich doch Markus Söder für ein Gründungsmitglied der Grünen, die ihrerseits in allerlei Kriege ziehen, während ausgerechnet die SPD mit neoliberalen Reformen die BRD fit für die Wirtschaftskrise macht.

Chapeau also für eine Volksmusikformation, die in dem Augenblick, wo sie die kulturelle Hegemonie in ihrem geliebten Bayernland erreicht hat, ganz unprätentiös selbst abtritt - und nicht von der Bühne getragen werden muss. Das Feld schließlich ist bereitet und die Volxmusikszene bestreiten so junge und kreative Tradimixbands wie La Brass Banda, Kofelgschroa oder Fei scho. Und deswegen erheben sich jetzt bitte alle zum Absingen der Bayern-Hymne: "Gott mit Dir, Du Land der Baywa, deutscher Dünger aus Phosphat …"

35 Jahre Biermösl Blosn

Aufgenommen

Diskografie der Biermösl Blosn

Unter anderem:
2009 "Jubiläum" (mit Gerhard Polt)
2006 "Auftanz" (mit Kindern und Gästen)
2003 "Unterbayern"
2002 "Der unbekannte Valentin" (mit Gerhard Polt und Gisela Schneeberger) 2002 "Räuber & Gendarm"
2001 "Erfolg" (Hörbuch nach dem Roman von Lion Feuchtwanger, mit Jörg Hube)
1998 "Wellcome to Bavaria"
1996 "Klampfn Toni" (mit Attwenger, Fredl Fesl und anderen)
1994 "Wo samma" (mit den Toten Hosen)
1991 "Jodelhorrormonstershow"
1987 "Freibank Bayern" (mit Gerhard Polt)
1985 "Tschüß Bayernland"
1982 "Grüß Gott, mein Bayernland"
1980 "Ex voto"

Angeprangert

Skandale

1981 Premiere des "Nürnberglieds" beim Starkbieranstich im Münchner Hofbräuhaus. Das Stück spielt auf die Massenverhaftung jugendlicher Demonstranten in Nürnberg an. Vor allem die letzte Zeile empört die Politprominenz: "Wer zuerst zuschlogt und dann erst frogt, der tuat gar nie koa Guat. Und drum Ihr zwei Minister, saufts aus und nehmts an Huat!"

1979 Erster und für längere Zeit letzter Auftritt im Bayerischen Fernsehen. Die Biermösln spielen in der Silvestersendung die "Bay-Wa-Hymne", eine satirische Version der Bayernhymne. Ministerpräsident Franz Josef Strauß ist darüber nicht begeistert, besonders da im Anschluss seine Neujahrsansprache gesendet wird.

Ausgezeichnet

Preise

Unter anderem:
2008 Göttinger Elch
2008 Bayerischer Poetentaler
2007 Großer Karl Valentin Preis (zusammen mit Gerhard Polt)
2005 RUTH - Der deutsche Weltmusikpreis
2000 Wilhelm-Hoegner-Preis (zusammen mit Jörg Hube)
1999 Bayerischer Kabarettpreis
1997 Prix Pantheon, Sonderpreis "Reif und bekloppt"
1995 Ybbser Spaßvogel
1985 Ernst-Hoferichter-Preis 1981 Deutscher Kleinkunstpreis, Förderpreis

Aufgeführt

Theaterprojekte mit der Biermösl Blosn

Unter anderem:
2006 "Offener Vollzug - ein Staatsschauspiel" (Münchner Residenztheater) 2005 "Abvent" (Tourproduktion)
2002 "Crème Bavaroise - Obatzt is" (Münchner Cuvilliés Theater)
2001 Lesung von Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg" (Münchner Kammerspiele)
1996 "Bayern Open" (Münchner Kammerspiele)
1993 "Tschurangrati" (Münchner Kammerspiele)
1991 "Vor Ort am" (Münchner Kammerspiele)
1988 "Diridari" (Münchner Kammerspiele)
1984 "München leuchtet" (Münchner Kammerspiele)