Bayern - Kult & Brauch

Mut zum Dialekt "Bairische Sprachwurzel" für Luise Kinseher

Die "Bairische Sprachwurzel" geht in diesem Jahr an Luise Kinseher. Die niederbayerische Kabarettistin und Schauspielerin, die beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg die Bavaria verkörpert, hat den Preis auf dem Gäubodenvolksfest in Straubing überreicht bekommen. Mit der Sprachwurzel zeichnet der Bund Bairische Sprache Prominente aus, die auch bei "hochoffiziellen Anlässen" Dialekt sprechen.

Stand: 13.08.2012

Kinseher verdiene den Preis, weil sie auch abseits der Bühne "Interviews in ihrem mittelbairischen Dialekt gibt", so Sepp Obermeier, Erfinder der Sprachwurzel und Vorsitzender des Vereins. "In einem Interview mit dem Bayerischen Fernsehen hat sie sogar eine Dreiviertelstunde Dialekt gesprochen", freut sich der Sprachhüter. Als Bavaria halte Kinseher ihre Fastenpredigt zwar in "kühlem Standarddeutsch" - entscheidend sei jedoch, dass sie abseits der Kabarettbühne den "Tabubruch begeht und bairisch redet". Im Gegensatz zu anderen Kabarettisten missbrauche die 43-Jährige ihren Dialekt "nicht als Kommerzvehikel".

"Ich freu mich sehr über den Preis, weil er eine Bestätigung meiner Arbeit bedeutet. Dass ich ihn bekomme, heißt ja auch: 'Luise, Du hast etwas richtig gemacht, es gefällt den Leuten.'"

Luise Kinseher im Gespräch mit BR.de

Kinseher darf Festzeltkapellen dirigieren

Luise Kinseher als Dirigentin auf dem Gäubodenvolksfest in Straubing.

Für die Preisverleihung hatte sich Obermeier etwas Besonderes ausgedacht: "Beim Oktoberfest in München spielen die Musikkapellen zu Füßen der Bavaria. Da muss sie zuschauen. In Straubing auf dem Gäubodenvolksfest dirigiert die Bavaria selbst." Beim traditionellen Blaskonzert der sieben Festzeltkapellen schwingt Kinseher bei der Polka "Böhmischer Traum" den Taktstock. Dieses Lied hat sie sich gewünscht, weil ihre Mutter im böhmischen Krummau (heute Tschechien und UNESCO-Weltkulturerbe) geboren wurde. "Ich bin ein bayerisch-böhmisches Kind", sagt Kinseher. In der Laudatio wurde Kinseher als "virtuose Verwandlungskünstlerin" bezeichnet. "A Niederbayerin vom echtasten Schlog, quasi de leibhaftige Bavaria inferior."

Wohin sie den Preis stellen wird, weiß Kinseher noch nicht. "Vielleicht aufs Sideboard im Arbeitszimmer, vielleicht aber auch aufs Klavier. Das ist ja a recht's Trumm!" Die Laudatio auf Kinseher hält Prof. Reinhard Wittmann, der ehemalige Literaturchef des Bayerischen Rundfunks.

Erst eine kleine Beichte

Als Obermeier Luise Kinseher nach einer Vorstellung in Bodenmais mit der Nachricht überraschte, sie sei die Preisträgerin 2012, habe sie ihm gebeichtet, dass sie außerhalb Bayerns versuche, Hochdeutsch zu sprechen, verriet die Kabarettistin BR.de. Ob das nicht gegen die strengen Kriterien verstoße? Nein, nein, habe Obermeier geantwortet, er habe da "so seine Spione", das passe schon und sie dürfe den Preis reinen Gewissens annehmen. "Wahrscheinlich ist es so, dass ich mein, ich red Hochdeutsch, aber es ist dann doch Dialekt'", vermutet Kinseher schmunzelnd. Dialekt liege ihr wahrlich sehr am Herzen. "Ich arbeite mit Dialekt, er macht viel von meiner Persönlichkeit aus und er ist ein Zeichen für Identität und Integrität." Sie verstehe die Auszeichnung auch als Anerkennung dafür, dass sie und die anderen Preisträger den Dialekt pflegen und ihn weitertragen: "Wir drehen gerade neuen Folgen der TV-Serie 'München 7'. Da reden wir ja auch Dialekt."

Bairisch-bunte Runde mit Vorbildfunktion

Preisträger im Überblick

2012: Luise Kinseher
2011: Georg Ringsgwandl
2010: Chrstian Stückl
2009: Armin Assinger
2008: Die Wellküren
2007: Hans Jürgen Buchner
2006: Papst Benedikt XVI.
2005: Alfred Reisinger

Mit der Auszeichnung wird die Kabarettistin in eine bairisch-bunte Runde aufgenommen: Unter anderem sind Papst Benedikt XVI., die Wellküren sowie der Liedermacher und Kabarettist Georg Ringsgwandl mit einer Sprachwurzel ausgezeichnet worden. Seit 2005 wird sie einmal im Jahr während des Gäubodenfestes an eine Persönlichkeit aus Kultur, Kirche oder Politik verliehen, die Dialekt spricht - und zwar auch bei solchen Gelegenheiten, bei denen andere gerne zur Schriftsprache wechseln: also bei Festreden, in Talkshows oder bei Audienzen. "Die 'Bairische Sprachwurzel' ist ein symbolträchtiger und strategischer Preis", erklärt Obermeier, "Prominente sollen als Vorbild und Multiplikator wirken und andere motivieren, bairisch zu sprechen."

Unikat aus Bayerwaldglas

Preis mit viel Symbolik: die "Bairische Sprachwurzel"

Die "Bairische Sprachwurzel" wird aus Bayerwaldglas gefertigt und ist rund 30 Zentimeter hoch und gut 15 Kilogramm schwer. Jede Skulptur ist ein Unikat. Die 2012er-Wurzel wurde in einer Glashütte in Frauenau (Landkreis Regen) hergestellt.

Der grüne Glassockel soll die europäische Sprachwiese der Regionalsprachen versinnbildlichen. Auf dieser "Wiese" steht ein massiver Wurzelstock, der das muttersprachliche Selbstbewusstsein des Preisträgers symbolisiert. Die Baumkrone ist eine glasklare Kugel mit Lufteinschlüssen, die den Computertomographie-Aufnahmen der Sprachzentren im Gehirn nachempfunden ist. Mit der wachsenden Zahl der Preisträger werde sich, so die Idee, ein Wurzelgeflecht mit Vorbildfunktion und Multiplikatoreffekt bilden.

Von 2005 bis 2011 wurde die Sprachwurzel vom Förderverein Bairische Sprache und Dialekte verliehen. Davon hat sich im November 2011 der Bund Bairische Sprache abgespaltet, der seinen Sitz in Konzell (Landkreis Straubing-Bogen) hat und nun den Preisträger kürt.


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