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Transplantations-Skandal Chirurgiedirektor will Ermittlungen unterstützen

Im Organspendeskandal hat sich jetzt erstmals der beurlaubte Direktor der Chirurgie an der Uniklinik Regensburg geäußert. Der Professor war der Vorgesetzte des Hauptverdächtigen und hatte die Aufsichtspflicht.

Stand: 08.08.2012
Eingang der Uniklinik in Regensburg | Bild: picture-alliance/dpa

Professor Hans Schlitt betont, dass ihm keine Manipulationen im Zusammenhang mit Organspenden vorgeworfen würden. Dennoch war der Direktor der Klinik und Poliklinik für Chirurgie vorerst beurlaubt worden, weil er als Vorgesetzter des Hauptverdächtigen diesen habe kontrollieren müssen. "Die Universität und die Fakultät prüfen, ob er seine Aufsichtspflicht verletzt hat", hatte Bayerns Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) nach einem Krisentreffen mit der Klinikleitung am Donnerstag gesagt.

In seiner ersten öffentlichen Äußerung erklärte Chirurgie-Direktor Schlitt nun, dass er die Beurlaubung mit Bedauern, aber auch Verständnis zur Kenntnis genommen habe. Er werde die Ermittlungen in vollem Umfang unterstützen.

Belastender Prüfbericht

Ein Prüfbericht der Bundesärztekammer aus dem Jahr 2006, der dem Bayerischen Rundfunk vorliegt, nimmt das Verhalten des Chirurgiedirektors ebenso unter die Lupe wie die des im Organspendeskandal verdächtigten ehemaligen Regensburger Oberarztes. In der Kritik stehen dabei Transplantationen der beiden Ärzte von Leber-Lebendspenden in Jordanien aus den Jahren 2004 und 2005. Die Mediziner waren offenbar nur eingeflogen, um zu operieren. Unklar blieb den Prüfern zufolge, wie eingehend sie sich mit den Lebendspendern und Empfängern der Lebern beschäftigt hatten, also die Freiwilligkeit der Spende absichern und Organhandel verhüten konnten.

Spenderleber nach Jordanien gebracht

Bei einer der überprüften Transplantation in Jordanien gab es Komplikationen, die Patientin bekam kurzfristig eine Ersatzleber eines toten Spenders. Deren Weg nach Amman sehen die Prüfer ebenfalls kritisch, denn der Organvermittlungsstelle Eurotransplant wurde als Aufenthaltsort der Frau fälschlich Regensburg genannt. Auch weitere Patienten sollen auf der Regensburger Warteliste bei Eurotransplant gemeldet, aber in Jordanien operiert worden sein. Der Prüfbericht der Bundesärztekammer von 2006 ging damals unter anderem an den Vorstand der Regensburger Uniklinik und an das bayerische Wissenschaftsministerium. Eine Aufarbeitung ergab, dass kein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliege. Es wurde auch kein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet.

Gefälschte Krankenakten, schnellere Transplantation

Der Skandal um die Zuteilung von Organspenden war ins Rollen gekommen, weil der 45-jährige Oberarzt zuerst in Regensburg und später im Göttinger Uniklinikum Krankenakten gefälscht haben soll. Dabei soll er die Krankheit auf dem Papier verschlimmert haben, damit den betreffenden Patienten schneller eine neue Leber implantiert werden konnte - obwohl andere sie vielleicht nötiger gehabt hätten. Der Arzt, der seit November vom Dienst suspendiert ist, bestreitet nach Angaben der Göttinger Klinik die Vorwürfe. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt.

Das Klinikum Regensburg hatte Strafanzeige gegen den Transplantationsexperten gestellt, nachdem bei einer internen Überprüfung 23 Verdachtsfälle aus den Jahren 2004 bis 2006 zusammenkamen. Man ermittele unter anderem wegen des Verdachts der Bestechlichkeit und der fahrlässigen Tötung, sagte Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl vergangene Woche. Letzteres, weil möglicherweise Patienten auf der Warteliste für Organe durch Manipulationen nach unten gerutscht und dann verstorben seien.

Transplantationszahlen geben Rätsel auf

Heubisch und der Ärztliche Direktor der Uniklinik, Günter Riegger, hatten mitgeteilt, es sei davon auszugehen, dass außer dem verdächtigen Mediziner kein anderer Arzt Patientendaten manipuliert habe. Die Süddeutsche Zeitung berichtete allerdings, dass auch nach dem Weggang des Oberarztes, der von 2003 bis 2008 in Regensburg gearbeitet hat, die Zahl der Lebertransplantationen nochmals deutlich angestiegen sei. Binnen Jahresfrist habe es eine Steigerung von mehr als 40 Prozent gegeben: Waren es im Jahr 2008 48 Eingriffe, so verzeichnete das Klinikum im Jahr darauf 69 entsprechende Operationen. Eine solche Steigerung gelte als ungewöhnlich, zumal selbst die größten deutschen Transplantationszentren nur rund 100 Lebern pro Jahr transplantierten, schrieb das Blatt.

Ermittler haben keine Hinweise auf weitere Täter

Die Staatsanwaltschaft Regensburg hat keine Anhaltspunkte für weitere Beteiligte. Die Prüfungen stünden noch am Anfang, sagte der stellvertretende Sprecher der Staatsanwaltschaft Regensburg, Markus Pfaller, am 3. August. "Wir können das zum jetzigen Zeitpunkt nicht bestätigen. Wir können keine Vermutungen und Spekulationen anstellen". Alleine wegen einer Erhöhung der Transplantationszahlen schrillten bei der Staatsanwaltschaft noch nicht die Alarmglocken. Eine solche Steigerung könne auch andere Gründe haben, wie etwa das Renommee einer Klinik.

Kritik an Regierung und Justiz

Scharfe Kritik an Regierung und Justiz in Bayern kam vom Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery. Im rbb-Inforadio wies er darauf hin, dass der verdächtige Oberarzt schon 2005 ins Visier der Ermittler geraten war. Damals waren nach Angaben des Regensburger Uniklinikums verbotenerweise jordanische Patienten auf die Warteliste für europäische Transplantationspatienten gelangt. Außerdem hatte der Mediziner illegalerweise eine Leber in Jordanien transplantiert. "In Bayern haben gerade die staatlichen Gremien versagt, denn wir haben damals mit der Selbstverwaltung diesen Fall aufgedeckt. Wir haben mit den bayerischen Institutionen gesprochen. Niemand hatte auch nur die Spur eines Interesses, diesen Fall damals zu verfolgen", sagte Montgomery.

Heubisch wies die Kritik von Montgomery zurück. Die bayerischen Behörden hätten umgehend auf den Vorfall im Jahr 2005 reagiert. Nach dem Bekanntwerden der neuen Verdachtsfälle hatte Heubisch alle mit Transplantationen befassten Krankenhäuser in Bayern angewiesen, ihre Akten auf Verdachtsmomente zu überprüfen. Ihm liege an größter Offenheit. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Mediziner so handelt", so Heubisch. "Ich will nicht, dass die Ärzteschaft insgesamt oder die Transplantationsmedizin in Generalverdacht kommen."

Grüne verlangen Aufklärung

Der Transplantations-Skandal beschäftigt auch den Landtag. Die Grünen wollen einen umfassenden Bericht im Gesundheitsausschuss. "Nachdem der Fall nun auch auf Bayern übergegriffen hat, sollte die Staatsregierung nun auch Rede und Antwort stehen müssen", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Theresa Schopper. Man wolle wissen, inwieweit der Staatsregierung bekannt war, in welchen Kliniken, wie lange und in welcher Form der verdächtigte Oberarzt gearbeitet hat. Auch über geplante Maßnahmen der Staatsregierung, um solche Manipulationen künftig zu verhindern, wollen die Grünen informiert werden.


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