Experten-Appell "Gerade jetzt für Organspende entscheiden"
In fünf Fällen haben Angehörige eine Organspende bereits abgelehnt. Der Transplantationsskandal hat Vertrauen verspielt. Dabei fördert gerade der Mangel an Spenderorganen Betrügereien, sagt die Deutsche Stiftung Organtransplantation.
Das Infotelefon bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) klingelt jetzt wesentlich häufiger als vor Bekanntwerden des Transplantationsskandals in Regensburg und Göttingen. Einem Arzt wird vorgeworfen, Krankenakten manipuliert und Patienten so zu einem Spenderorgen verholfen zu haben - also ein Skandal der Organverteilung. "Die Reaktionen der Menschen sind bundesweit ähnlich", sagt Birgit Blome, Sprecherin der DSO. Für Bayern liegen ihr keine gesonderten Daten vor.
"Verständliche Verunsicherung"
Verständlicherweise seien die Menschen verunsichert und verärgert über die Manipulations- und Betrugsvorwürfe, berichtet Blome. Auch etliche E-Mails mit dem Tenor "Jetzt warte ich erst einmal ab" seien eingegangen. Aber es gebe auch immer mehr Menschen, die sich intensiver mit dem Thema beschäftigen und ihrer Grundüberzeugung treu blieben. Entsprechende Aussagen seien dann, dass die Manipulationsvorwürfe aufgeklärt werden müssten, aber der Skandal für sie kein Grund sei, ihre positive Einstellung zur Organspende zu ändern.
"Mangel an Spenderorganen fördert Betrügerien"
Im Bayern 1-Interview gab Professor Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der DSO, Befürchtungen Recht, dass jetzt weniger Menschen bereit sein werden, Organe zu spenden: "Wir hatten in den letzten anderthalb Wochen, seit dieser Skandal bekannt wurde, bereits fünf Fälle, in denen Angehörige gesagt haben: 'Nein, unter diesen Voraussetzungen sind wir nicht zur Spende bereit'". Dabei appelliert der Mediziner sogar, sich gerade jetzt für eine Organspende zu entscheiden. Denn letzlich sei es der Mangel an Spenderorganen, der derartige Betrügereien fördere.
Die Leidtragenden, ergänzt Blome, seien die Patienten auf der Warteliste: "Wenn weniger Menschen zukünftig bereit sind, mit einer Organspende zu helfen, werden die Wartezeiten noch länger und es werden noch mehr Menschen sterben, denen mit einer Transplantation hätte geholfen werden können." Sie betont auch, dass bei der Verteilung der Organe generell Chancengleichheit herrsche und nur medizinische Kriterien zählten.
Direkt von der Klink an Patienten
Dennoch werden anscheindend in Deutschland viele Spenderorgane an der offiziellen Warteliste vorbei vergeben. Wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet, werde jedes vierte Herz, jede dritte Leber und jede zweite Bauchspeicheldrüse in einem sogenannten beschleunigten Vermittlungsverfahren direkt von der Klinik ausgesuchten Patienten zugeteilt.
Kein Register für Organspender
Zahlen über die Organspendebereitschaft der Deutschen herauszufinden, ist nicht einfach. Ebenso schwierig ist es, einen Vertrauensverlust zu beziffern. Denn einen Organspendeausweis kann sich jeder selbst ausstellen. Wer einen hat, ist nirgends zentral erfasst. Über die Zahl potentieller Organspender geben nur Umfragen Aufschluss, die zum Beispiel von Krankenkassen in Auftrag gegeben werden.
Am 1. August ist das neue Transplantationsgesetz in Kraft getreten. Damit gilt ab November die Entscheidungslösung: Bürger werden dann von ihrer Krankenverischerung aufgefordert, sich für oder gegen eine Organspende zu entscheiden.

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