Brennerzulauf durchs Inntal Die große Sehnsucht nach Tunneln
In Italien und Österreich ist der Brenner-Basistunnel im Bau, in Deutschland herrscht noch Stillstand. Das soll sich nun ändern: Jetzt wurde in Rosenheim eine Vereinbarung zum sogenannten Brenner-Nordzulauf unterzeichnet.
Rund 44.000 Menschen leben im Inntal zwischen Rosenheim und Kufstein. Sie eint eine Sorge: Für den Zulauf zum neuen Brenner Basistunnel muss wohl die Bahnstrecke ausgebaut werden. Die Horrorvision: neue Bahngleise über der Erde.
Denn an sich ist es hier eine Idylle: Die Gegend südlich von Rosenheim bis zur Landesgrenze zu Österreich ist eine herrliche Landschaft, eingebettet in Berge und durchzogen vom Inn, der sanft aus dem Tal in Richtung Norden zieht und in der Ferne in die Donau mündet. Kein Wunder, dass hier auch viele Urlauber ihre Ferien verbringen. Doch die Nähe zu den Bergrücken und die Nachbarschaft zum Fluss hat einen gravierenden Nachteil: Es ist kaum Platz für Verkehrswege. So schlängeln sich auf engem Raum eine Bundesstraße, die Autobahn 93 und eine zweigleisige Bahnstrecke durchs Tal. Letztere führt mitten durch die Dörfer. Im Schnitt rattern täglich rund 230 Züge über die Gleise.
Auf 55 Kilometern unter den Alpen hindurch
Dass es noch deutlich mehr Züge werden, ist absehbar: Am Brenner haben die Vorarbeiten für den Basistunnel begonnen, der auf 55 Kilometern Länge die Alpen zwischen Innsbruck und Franzensfeste in Südtirol unterqueren soll. Ziel ist, die Brennerautobahn zu entlasten und mehr Güter auf der Schiene in den Süden zu transportieren. Die Tunnelbaugesellschaft BBT SE in Bozen geht davon aus, dass bis zu 400 Züge täglich den Tunnel nutzen können. Um dies Potenzial auszuschöpfen, müsste freilich das Nadelöhr durchs Inntal erweitert werden. Einfach wird das definitiv nicht, schließlich durchziehen neben dem Inn und den Verkehrswegen auch eine Erdöl-, Gas- und Hochspannungsleitung das Tal.
"Das wäre tödlich für unsere Gemeinden"
Und hier beginnt das Problem für die Inntal-Gemeinden. Sollten neue Gleise gebaut werden müssen, wäre ein oberirdischer Verlauf eine Katastrophe. "Das wäre tödlich für unsere Gemeinden, die Lebensqualität wäre weg", sagt der Flintsbacher Bürgermeister Wolfgang Berthaler (CSU). "Bei uns ist eh schon so viel Lärm, und irgendwann ist das Maß voll". Schließlich gehe es auch darum, das Tal als Ferienziel zu erhalten. Man sei nicht grundsätzlich gegen einen Ausbau der Bahnstrecke, doch müsse dieser unbedingt so weit wie irgend möglich unter der Erde erfolgen.
Dass dies möglich ist, zeigt sich ein paar Kilometer weiter südlich in Tirol. Hier wird schon seit ein paar Jahren gebaut, die neue Trasse zwischen Innsbruck und Kundl bei Wörgl soll Ende des Jahres in Betrieb gehen. Der Clou: 32 der 40 Kilometer verlaufen in Tunnels, Einhausungen oder Galerien. Rund 2,4 Milliarden Euro hat das Projekt gekostet. In Österreich wurden bei der Planung die Gemeinden von Anfang an mit einbezogen. "Wir haben vier Jahre dafür gehabt und keinen Zeitdruck gespürt", erläutert Martin Pellizzari von der Österreichischen Bundesbahn ÖBB. "Erst wenn du wie ein Wanderprediger zu den Leuten gehst, ihnen zuhörst, die Sachlage erklärst und rund um die Uhr ihr Ansprechpartner bist, dann fassen sie Vertrauen und dann klappt die Sache", ergänzt Johann Herdina von der BTT SE.
Viel Aufregung um einen Filzstift-Strich
Genau das wünschen sich Berthaler und seine Kollegen auch von den deutschen Behörden und der Bahn. "Wir wollen Tiroler Standard, Bayern sind keine Menschen zweiter Klasse", so der Flintsbacher Bürgermeister. Im Sommer hatte es einigen Ärger gegeben, als das Bundesverkehrsministerium eine Skizze mit einem dicken Filzstiftstrich durchs Tal öffentlich machte und von oberirdischen Trassen die Rede war. Berthaler kam sich nach eigenen Worten "verarscht vor".
Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt, nachdem Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und auch die Deutsche Bahn zugesagt haben, die Interessen der Gemeinden von Anfang an zu berücksichtigen. Man habe durchaus Vertrauen, sagt Berthaler - aber wachsam sei man dennoch. Sollten wegen des fehlenden Geldes doch Pläne für eine oberirdische Lösung auf den Tisch kommen, werde man umfangreiche Protestaktionen starten. "Die Bevölkerung ist bereit für diesen Weg. Notfalls gehen wir auf die Barrikaden!"
Was die Versprechungen wert sind, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Am 15. Juni fiel der Startschuss für die konkreten Planungen. Ramsauer und seine österreichische Amtskollegin Doris Bures unterzeichneten in Rosenheim das Abkommen zwischen Deutschland und Österreich für den Ausbau der nördlichen Zulaufstrecken. An sich sollten die Unterschriften bereits Anfang Januar unter die Dokumente gesetzt werden, doch doch das klappte wegen der schwierigen Haushaltsverhandlungen in Österreich nicht. Anfang April beschloss die Wiener Bundesregierung dann ein milliardenschweres Sparpaket, von dem auch der Brenner-Basistunnel betroffen ist - voraussichtlich mit einem dreistelligen Millionenbetrag.
Bauzeit länger als angenommen
Die Fertigstellung des Basistunnels liegt in jedem Fall noch in weiter Ferne: Eigentlich war das Jahr 2025 für die Eröffnung angepeilt, doch inzwischen geht die ÖBB davon aus, dass der Tunnel erst 2032 in Betrieb geht. Ohnehin ist ungewiss, ob sich für die verkehrs- und lärmgeplagten Bewohner des Inntals die in den Basistunnel gesetzten Hoffnungen jemals erfüllen. Denn die EU verbietet es ihren Mitgliedstaaten aus Gründen des freien Wettbewerbs, den Lkw-Verkehr zu begrenzen. Deswegen ist auch ungewiss, ob die erhoffte Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene tatsächlich funktionieren wird.

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