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Schau Olympia 1972 Probe auf dem Trainingsplatz der Demokratie

Was haben Herrensocken mit den Olympischen Spielen von München zu tun? Die Ausstellung "München 72 - Trainingsplatz einer Demokratie" beantwortet diese Frage und beleuchtet ein Ereignis, dessen Aufarbeitung längst nicht abgeschlossen ist.

Von: Annette Walter

Stand: 22.03.2012 | Archiv

Ausstellung über Olympia 1972 in München | Bild: Nemetschek Stiftung (Robert Sainer)

Die akkurat an einer Wand aufgehängten Socken symbolisieren die Mitglieder des Organisationskomitees der Olympischen Spiele 1972. "Olympia war ein rein männerdominierter Betrieb", sagt Petra Schlie. Zum 40. Jubiläum der Spiele kuratiert sie eine Ausstellung, die neben dem brutalen Attentat auf die israelische Mannschaft ganz bewusst auch andere Aspekte der Spiele betrachtet. Schließlich ging es bei Olympia laut Schlie weniger um Sport als um das Bild der noch jungen Bundesrepublik.

"Olympia 1972 wurde als Möglichkeit der nationalen Selbstdarstellung betrachet."

Petra Schlie, Kuratorin der Ausstellung München 72 - Trainingsplatz einer Demokratie

Männerwirtschaft: Socken als künstlerisches Symbol für die männlichen Mitglieder des Organisationskomitees

Zur Selbstdarstellung gehörte die offensive Distanzierung von den nationalsozialistischen Berliner Spielen von 1936. Die bayerische Landeshaupt wollte sich offen präsentieren und realisierte dies beispielhaft mit der Architektur des Olympiastadions, in das man von den umliegenden Hügeln hineinsehen konnte. Verstärkt wurde die gewünschte Transparenz und Leichtigkeit mit einem hellblau dominierten Farbkonzept, erdacht von einem, der prädestiniert dafür war wie kein zweiter: Otl Aicher, verheiratet mit Inge Aicher-Scholl, der Schwester der Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl.

"So sollen die Spiele sein: heiter, leicht, dynamisch, unpolitisch, unpathetisch, frei von Ideologie, eine spielerische Durchdringung von Sport und Kultur."

(Aus den »Richtlinien und Normen für die visuelle Gestaltung« von Otl Aicher)

Rot als Farbe Hitlers verpönt

Dackel Waldi stand für die Leichtigkeit der Spiele.

Die Farbe Rot war bei Olympia 1972 verpönt. Daran erinnert ein Raum in der Ausstellung, der eine goldene Decke und einen roten Boden hat. Die Wände zeigen Zeichnungen moderner Athleten und Sportler aus der Antike, aber auch einen Nazi-Aufmarsch. Doch ein Fehler unterlief den Spiele-Veranstaltern: Der Fackellauf von 1972 endete ausgerechnet auf dem Königsplatz, dem Ort der früheren Nazi-Aufmärsche.

"... dass es alle Farben geben darf, nur nicht rot. Rot waren die Olympischen Spiele in Berlin unter Hitler 1936."

Otl Aicher

Protest gegen Rassismus

Politisches Statement bei der Siegerehrung

Doch der Gedanke der unpolitischen Spiele ging nicht auf. So widersetzten sich die beiden US-Athleten Wayne Collett und Vincent Matthews üblichen Gewinnergepflogenheiten. Bei der Siegerehrung wendeten sie sich von der Flagge ihres Landes ab und gaben sich betont ignorant und lässig. Mit dieser Geste wollten sie gegen den amerikanischen Rassismus demonstrieren. Die Folge: Sie wurden für alle künftigen Olympischen Spiele gesperrt.

Seitenhiebe von der DDR

"2 x 36 = 72" - eine Attacke der DDR gegen die BRD: Anspielung auf die Jahreszahlen der deutschen Olympiaden.

Ebenso politisch war die Teilnahme der DDR. Das Land trat zum ersten Mal bei Olympischen Spielen an, nicht ohne Seitenhiebe gegen die BRD auszuteilen. Mit der Zahlenkombination "2 x 36 = 72" suggerierte der Staat eine Kontinuität von den Nazi-Spielen 1936 zu 1972. Tatsächlich existierten Verbindungen: So wirkte 1972 Lieselotte Diem als Mitglied im Organisationskomitee. Sie war die Witwe von Carl Diem. Er hatte als Generalsekretär des Komitees die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin vorbereitet.

Tragödie des 5. September

Die gelebte Offenheit wurde schließlich zum Verhängnis. So konnten die palästinensischen Terroristen des Schwarzen Septembers völlig ungehindert in den Bungalow der israelischen Mannschaft eindringen. Wachen oder Absperrungen gab es nicht. "Die Terroristen haben die Spiele als Bühne genutzt", so Kuratorin Schlie. Eine Bühne mit einem glitzernden Vorhang symbolisiert in der Ausstellung diese Absicht. Auf dem Vorhang leuchtet die Schrift mit dem Zitat von IOC-Präsident Avery Brundage: "The Games Must Go On". Der Mann, der vor den Berliner Spielen die Zustände in Deutschland untersucht und begutachtet hatte. Von Diskriminierungen jüdischer Sportler war in seinem Abschlussbericht keine Rede.

Das Attentat

Gedenkfeier in München 2002 für das Attentat

Am 5. September 1972 überfällt das arabische Terrorkommando der Palästinenserorganisation Schwarzer September das Olympiadorf. Die Terroristen nehmen elf Israelis als Geiseln und töten zwei von ihnen. Dann fordern sie die Freilassung von 200 in Israel inhaftierten Palästinensern. Israel bleibt hart. Nach Ablauf mehrerer Ultimaten werden die acht schwer bewaffneten Terroristen und ihre Geiseln zum Flughafen Fürstenfeldbruck gebracht. Bei einer Befreiungsaktion der Polizei kommt es zu einem Blutbad. 15 weitere Menschen sterben: neun Israelis, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist.

Info

Die Ausstellung ist noch bis zum 26. April, Dienstag bis Sonntag von jeweils 12.00 bis 20.00 Uhr im BayernForum am Münchner Hauptbahnhof zu sehen.

Sendungsinfo

  • zur Sendungshomepage Der Vormittag Montag bis Freitag von 7.00 bis 11.00 und Samstag, von 8.00 bis 12.00 Uhr.

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