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Billige Helfer Wenn Auszubildende ausgebeutet werden

An Fachkräften fehlt es im Freistaat immer noch. Arbeitgeber sind auf Azubis angewiesen. Gleichzeitig gibt es viele Betriebe, die die Jugendlichen ausbeuten statt auszubilden. Dort werden sie als billige Arbeitskräfte verheizt.

Von: Karsten Böhne Stand: 10.08.2012
Auszubildende in der Gastronomie (Archivfoto) | Bild: picture-alliance/dpa

Anfang des Jahres hat eine junge Frau aus Bayern ihre Ausbildung bei einer großen Supermarktkette abgeschlossen. Ihren Namen und den der Firma möchte sie nicht im BR lesen: Sie hat Angst. Statt Dinge wie Warenwirtschaft, Marketing oder Kundenberatung zu lernen, hat sie fast ihre gesamte Lehrzeit an der Kasse gesessen, Leergut aufgeräumt oder die Kühlung bei den Molkereiprodukten geputzt. Wenn ihre Chefin schlechte Laune hatte, bekam sie dazu nicht einmal Handschuhe.

"Ich habe meinen Einzelhändler abgeschlossen und ich kann keinen  Laden führen. Ich kenne die Grundprinzipien von der Schule, aber von dem Laden selber habe ich persönlich fast keine Ahnung, weil mir das einfach nicht beigebracht wurde."

Auszubildende einer Supermarktkette

Jeder zehnte Azubi macht ausbildungsfremde Jobs

Sendungstipp

Mehr zum Thema "Wenn Auszubildende ausgebeutet werden" hören Sie am Sonntag 12.08., um 9.15 und um 12.15 Uhr im Funkstreifzug.

Mario Patuzzi

Handelt es sich dabei um einen Einzelfall? Nein, sagen die Gewerkschaften. Jeder zehnte Jugendliche hat im letzten Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes angegeben, dass er häufig oder immer sogenannte ausbildungsfremde Tätigkeiten ausführen muss. Große Probleme gebe es immer wieder im Einzelhandel, aber auch im Hotel- und Gaststättenbereich, sagt der Jugendsekretär des DGB Bayern, Mario Patuzzi.

"Sei es jetzt putzen, seien es Dienstbotengänge, seien es private Erledigungen für den Chef. Das hat alles nichts mit der Ausbildung zu tun, wo sie auch nichts für ihren zukünftigen Beruf lernen, sondern wo sie einfach als billige Arbeitskraft eingesetzt werden."

Mario Patuzzi, DGB Bayern

Sowohl die IHK als auch die Handwerkskammer seien gesetzlich verpflichtet, für die Qualität der Ausbildung zu sorgen und die schwarzen Schafe auf den richtigen Weg zu führen.

Wechsel bei jedem vierten Azubi

Wer in der Gastronomie arbeitet (hier ein Münchner Biergarten) ...,

Bei jeder vierten Ausbildung wechselt der Azubi den Betrieb oder bricht seine Lehre ab. Besonders hoch ist diese Quote bei Hotel- oder Restaurantfachmännern und Köchen. Für den Präsidenten des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes Ulrich Brandl liegt das daran, dass man nicht gerne arbeitet, wenn der Freundeskreis frei hat. Auch Arbeit im Freien bei Temperaturen von 30 Grad sei nicht unüblich. "Dann macht das nicht unbedingt Spaß."

Die Gewerkschaften beklagen wiederum, dass die jungen Menschen in diesen Berufen oft Überstunden machen, stundenlang im Service arbeiten und als billige Arbeitskräfte missbraucht werden. Der Ton sei oft rau, vor allem in der Küche. Dem BR ist ein aktueller Fall bekannt, in dem ein Vorgesetzter seinen Kochazubi immer wieder schikaniert hat. Dann hat er ihn so heftig gegen eine Glasscheibe geschubst, dass sie zerbrach. Dabei bohrte sich eine Scherbe in den Oberarm des Azubis. Beschwert hat er sich bei seinem Arbeitgeber erst einmal nicht, um die Lehrstelle nicht verlieren. Jetzt hat er den Schritt gewagt und den Betrieb gewechselt. Ulrich Brandl sagt dennoch, die meisten Betriebe würden gut ausbilden.

Arbeiten bis zu Erschöpfung

"Lehrjahre sind keine Herrenjahre und der derjenige, der es in seinem Leben zu was bringen will, der sollte eines lernen, dass dazu Anstrengung gehört."

Ulrich Brandl

In der Realität müssen junge Menschen während ihrer Ausbildung immer wieder bis zur Erschöpfung schuften. So beklagt die IG Metall, dass junge Menschen auf einer Baustelle oft den ganzen Tag einfachste Tätigkeiten ausführen müssen. Die Ausbildung komme dabei oft zu kurz. Für den Leiter der Ausbildungsberatung der Handwerkskammer für München und Oberbayern, Alexander Diez, ist klar: Nicht bei jeder Tätigkeit kann ein junger Mensch was lernen: So müsste ein Azubi für den Beruf des KFZ-Mechatronikers auch Reifen wechseln, weil das für die Betriebe wichtig sei. Es sollte aber kein Dauerzustand sein.

Denn die Kammern hätten selbst ein Interesse daran, dass die schwarzen Schafe nicht den Ruf der gesamten Branche kaputtmachen. Aber tun sie auch genug, um die Qualität der Ausbildung zu kontrollieren? Geschehen soll dies mit dem so genannten Ausbildungsrahmenplan. In dem steht, was die Jugendlichen wann lernen sollen. Auch die junge Frau, die ihre Ausbildung in der Supermarktkette machte, bekam ihn regelmäßig vorgelegt. Doch sie kritisiert das Prozedere: "Ob gelernt wurde oder nicht - das wird einfach abgehakt und vom Marktleiter unterschreiben. Der geht dann zum Lehrling und sagt "Unterschreib" und der Lehrling hat Angst, keine Ahnung und unterschreibt dann einfach." Es sei nicht gewährleistet, dass das Wissenspotenzial, das eigentlich vermittelt werden soll, in der Lehrzeit vermittelt würde. Und oft genug bekam sie Folgendes zu hören: Wenn du nicht unterschreibst, müssen wir uns von dir trennen. Draußen gebe es genug Jugendliche,die die Ausbildung machen wollen. Also biss sie die Zähne zusammen und zählte die Monate bis zum Ende. So wie ihr sei es noch vielen anderen jungen Menschen gegangen.

Der Leiter der Abteilung Berufsbildung der IHK für München und Oberbayern, Josef Amann, sieht bei den Jugendlichen eine Mitverantwortung.

"Man muss auch die Jugendlichen ein Stück weit in die Verantwortung nehmen, diese Abläufe und die Ausbildung zu strukturieren. Die Jugendlichen haben die Möglichkeit, aber sie nehmen sie oft auch zu wenig war."

Josef Amann, Leiter der Abteilung Berufsbildung der IHK für München und Oberbayern

DGB-Jugendsekretär Mario Patuzzi sieht das anders: Wenn die Azubis bei ihrem Chef aktiv Ausbildungsinhalte einfordern, könne das schnell zu Problemen führen. Das ist die Aufgabe der Kammern. Die Arbeitgeber müssen sich am Ausbildungsplan orientieren und nicht die Jugendlichen.

Man gehe allen Beschwerden nach, heißt es bei der Kammer. Ausbildungsberater versuchten, zwischen Betrieb und Azubi zu vermitteln. Doch die kommen in der Regel erst zum Einsatz, wenn die Jugendlichen sich selbst melden, dann wenn sie die Nase voll haben. Nur wenige tun das.

Überstunden bei 40 Prozent der Azubis

Alexander Dietz, Leiter Ausbildungsberatung Handwerkskammer für München und Oberbayern

Die schwierige Lage zeigt sich auch daran, dass laut DGB-Ausbildungsreport 40 Prozent der Azubis regelmäßig Überstunden machen müssen. Laut Gewerkschaft dürfte das eigentlich gar nicht vorkommen. Besonders schlimm: Fast jeder fünfte bekommt dafür weder Geld noch Freizeitausgleich. Doch was können die Kammern bei Verstößen tun? Wenn sich viele Azubis über einen Betrieb beschweren, könne man mit dem Arbeitgeber reden, aber nicht einfach die Ausbildungserlaubnis entziehen, sagt Alexander Dietz von der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Ohne Fakten sei es schwer, gegen einen Betrieb vorzugehen. Anders sieht es aus bei schweren Verstößen, wie kriminellen Handlungen oder sexueller Belästigung. Hier kann die Ausbildungserlaubnis schnell entzogen werden. Doch häufig sitzen Arbeitgeber am längeren Hebel. Von vielen Verstößen bekommen IHKs und Handwerkskammern  gar nichts mit, weil die Azubis sich nicht trauen, sich zu melden.

Die Arbeitgeber wehren sich gegen die Anschuldigungen. Zum Beispiel der Präsident des bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, Ulrich Brandl: Fakt sei, dass keine Fachkräfte der Branche so sehr geschätzt würden wie Azubis aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit der zuständigen Gewerkschaft will sich Brandl nicht an einen Tisch setzen. Die Fronten sind also verhärtet.

Schwarze Schafe bei Lehrbetrieben

Ob Handwerk oder Handel, die meisten Firmen bilden sicherlich gut aus. Doch die Jugendlichen, die an eines der schwarzen Schafe unter den Lehrbetrieben geraten, müssen es ausbaden. Auch die junge Frau, die ihre Ausbildung zur Einzelhändlerin gemacht hat, ist bei einem gelandet. Sie spricht vom "reinen Ausnutzen ". Die Arbeitgeber "versuchen mit allen Mitteln, den letzten Tropfen aus dem Lehrling rauszupressen". Auch Mario Patuzzi stellt der Ausbildung im Jahr 2012 ein schlechtes Zeugnis aus: "So wie die Jugendlichen heute behandelt werden, ist das kein gutes Zeichen. Da müssen die Arbeitgeber noch dran arbeiten, dass die Ausbildungsqualität und die Zukunftsperspektiven noch stärker zu den Jugendlichen passen."


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ehemaliger kfm. Azubi, Sonntag, 12.August, 12:32 Uhr

2. Problem der Gastronomie / desEinzelhandels ?

Ich hatte in meinem Ausbildungsbetrieb (München, 400 Mitarbeiter) überwiegend gute bis sehr gute Erfahrungen gemacht. Allerdings gab es auch einen Ausbildungsbeauftragten und Betriebsrat; die Buchhalterin gab den Azubis "Nachhilfe" im Rechnungswesen vor den Prüfungen! Das heißt, der Betrieb hatte auch ein Interesse das wir gut abschneiden. Trotzdem haben wir Azubis auch mal einen halben Tag am Kopierer gestanden, das war dann aber die Ausnahme und begründet
(z.B. Versand von Massenbriefen).

Reifen wechseln gehört ja auch bei einem fertig ausgebildeten Kfz-Mechaniker zum Aufgabengebiet. Und bei Wintereinbruch ist halt dann mal für den Azubi überwiegend Reifen wechseln angesagt. Es sollte halt kein Dauerzustand sein!!

Dank Internet werden die jungen Schüler aber auch immer schlauer - es gibt ja schon Bewertungsforen für Arbeitgeber. Und die Mundpropaganda hat auch dafür gesorgt, dass die Gastronomie / Einzelhandel Nachwuchsprobleme haben.
Der "dm" Drogeriemarkt übrigens nicht, dort wird auch öffentlichkeitswirksam mit den guten Ausbildungsbedingungen geworben. Und Schein und Sein stimmen dort wohl überein.

aha, Samstag, 11.August, 04:46 Uhr

1. Ausbeutung im Gastro-/Hotelgewerbe!

Sollten die IHK und Handwerkskammer nicht in erster Linie Vertreter der Auszubildenden sein, anstatt als Lobbyisten der Wirtschaft aufzutreten?
Der Kommentar von Herrn Amann muss den Auszubildenden wie purer Hohn vorkommen!
Hier ist dringend Transparenz und Evaluation gefordert.
Es handelt sich bis auf einige rühmliche Ausnahmen in der gesamten Gastro-/Hotelbranche um eine riesige Herde schwarzer Schafe und nicht wie fälschlicherweise behauptet wird um Einzpelfälle!
Dieser Lobbyismus reicht bis in die "einzigartige"Hochschule der DHBW in Ravensburg.
Anstatt sich die unhaltbaren Zustände - wie 14 -Stunden-Schichten mit anschließendem Burnout nach vier Wochen Betriebszugehörigkeit-- der Unternehmen anzuschauen,,fällen Sie den Studierenden in den Rücken mit dem Resultat einer Abrecherquote weit über 30 % trotz guter Abiturs- Note einer bayerischen Allgemeinen Hochschulreife!
Hat hier nicht dringend eine Überprüfung der Ausbildungsstätte/Hotel vor Vertragsabschluss durch die Hochschule zu erfolgen anstatt sich mit Ängsten ihres Imageverlustes zu befassen?
Solange sich die Ausbildung in Händen von ein paar Lobbyisten befindet und hier in erster Linie die Interessen einer Ökonomie auf Basis purer Ausbeutung verfolgt werden,ist mit einer dringend notwendigen Ånderung in Richtung nachhaltiger,wertschätzender Ausbildung nicht zu rechnen, da auch nicht gewollt,weil Teil das Systems!!!