Telekolleg - Geschichte


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Telekolleg Geschichte (1) Der Friedensvertrag von St. Germain

In St. Germain wurde nach dem 1. Weltkrieg analog zum Vertrag von Versailles, die Neuordnung Südosteuropas geregelt. Der Vertrag bedeutete die Zerschlagung des in Jahrhunderten gewachsenen Kaiserreichs Österreich-Ungarn.

Stand: 02.01.2014 | Archiv

Kaiser Wilhelm besucht Front | Bild: picture-alliance/dpa

Sein Gebiet wurde aufgeteilt in sechs Nachfolgestaaten, wobei Italien nur einen kleinen Gebietszuwachs erhielt. Die anderen fünf sind die Tschechoslowakei, Polen, das auch Gebiete aus dem Deutschen Reich und von Russland erhielt, Ungarn, das aber Gebiete verlor, die es in der Zeit der Doppelmonarchie besessen hatte, Jugoslawien, dessen neue Gebiete sich um Serbien gruppierten, und schließlich das deutschsprachige Österreich.

Nachfolgestaaten von Österreich-Ungarn

In ihm lebten nur 6 Millionen mit deutscher Muttersprache, weitere sechs Millionen waren auf die angrenzenden neuen Staaten verteilt und dort nur Minderheiten. Nicht nur deutsche Minderheiten gab es in den neuen Staaten: In der Tschechoslowakei lebten nun 3 Millionen Deutsche, 1 Million in Ungarn und eine halbe Million Polen. In Galizien, das jetzt zu Polen gehörte, gab es eine halbe Million Ukrainer. Auf dem Gebiet Rumäniens siedelten schon seit dem 12. Jahrhundert Siebenbürger Sachsen, Ungarn besaß eine starke slowakische Minderheit. Jugoslawien schließlich war ein großserbischer Staat mit 15 verschiedenen Nationalitäten. Im von Italien besetzten Südtirol gab es außer italienischen und ladinischen Volksgruppen eine deutsche Bevölkerungsmehrheit. Der Umgang mit diesen Minderheiten war für die Regierungen dieser Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns die Nagelprobe auf das von Wilson geforderte Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Die Südtirolfrage

Südtirol war schon seit dem frühen Mittelalter weit überwiegend von Deutschen besiedelt und Wilson hatte ursprünglich die Sprachgrenzen als Landesgrenzen vorgesehen.

Doch Italien war als Belohnung für seinen Kriegseintritt von den Alliierten in einem Geheimvertrag Südtirol bis zu der strategisch wichtigen Grenze am Brennerpass zugesichert worden.

Auch die italienische Bevölkerung verlangte einen Ausgleich für die großen Opfer, die italienische Soldaten im Alpenkrieg gebracht hatten und so kam das weit überwiegend deutschsprachige Gebiet zu Italien.

Faschistisches Siegesdenkmal in Bozen

Besonders unter der Herrschaft der Faschisten hatten die deutschsprachigen Südtiroler zu leiden: sie verloren die Selbstverwaltung, die deutschsprachigen Orts- und Flurnamen verschwanden und im öffentlichen Leben durfte nur italienisch gesprochen werden. Die Zuwanderung von Italienern aus dem Süden wurde gefördert, um so die Deutschtiroler in die Minderheit zu drängen. So entstand z.B. im Südteil von Bozen eine große Siedlung, die bis heute nur von Italienern bewohnt wird. Industrielle Großbetriebe wurden gegründet mit Arbeitsplätzen nur für Italiener. Hitler und Mussolini beschlossen sogar die Umsiedlung der Deutsch-Südtiroler, doch ein Teil kehrte nach dem 2. Weltkrieg in die alte Heimat zurück.

Verletzung des Selbstbestimmungsrechts der Völker

Im Vertrag von St. Germain musste Österreich Südtirol an Italien abtreten – unter Verletzung des von Woodrow Wilson geforderten Selbstbestimmungsrechts der Völker, ohne Garantien für eine Autonomie, ohne Garantien für den Gebrauch und die Pflege der Muttersprache Deutsch.

Besonders unter der Herrschaft der Faschisten nach 1922 setzte eine Italienisierung durch Zuwanderung ein.

Als auch nach dem II. Weltkrieg unter einer demokratisch gewählten Regierung in Rom keine Besserung eintrat, meldete sich der illegale „Befreiungsausschuss Südtirols“ zu Wort – mit Unterstützung durch die österreichische Regierung, die sich für die Interessen der deutschsprachigen Südtiroler einsetzte.

Mit Sprengstoffanschlägen wollten die Aktivisten die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das Südtirolproblem lenken. Ziele waren z.B. Häuser italienischer Nationalisten oder leerstehende Wohnblocks für italienische Zuwanderer.

Der Höhepunkt war die „Feuernacht“ im Juli 1961, Anschläge auf die Stromversorgung sollten die italienische Wirtschaft in Südtirol lahmlegen.

Viele der Täter wurden verhaftet, teilweise schwer misshandelt und gefoltert, schließlich wurden Haftstrafen bis zu 15 Jahren verhängt. Doch unter dem Eindruck dieser Verzweiflungstaten begann die italienische Regierung Verhandlungen mit Österreich. In einem neuen Abkommen wurden 1969 der Minderheitenschutz und die Autonomie verbessert, aber erst 1989 trat die Gleichstellung der deutschen Sprache mit der italienischen in Kraft. Die politischen Gegensätze in Südtirol entspannten sich besonders, als sich die Südtiroler Volkspartei, der Schutz- und Trutzbund der deutschsprachigen Südtiroler, auch italienischsprachigen Südtirolern öffnete.

Der ehemalige Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder

Diese Öffnung förderte besonders der ehemalige Südtiroler Landeshauptmann Luis Durnwalder. Er vertritt die Ansicht, dass Deutschen, Italienern und Ladinern, die ja alle schon vor 1919 in Südtirol ansässig waren, gleiche Rechte und Pflichten zustehen. Inzwischen sind in der autonomen italienischen Provinz Bozen (Südtirol, italienisch „Alto Adige“) die Sprachen der Bevölkerungsmehrheit (ca. 69% der 510.000 Einwohner sind deutschsprachig), der Italiener (ca. 26%) und der Ladiner (ca. 5%) gleichberechtigt, in Gebieten mit ladinischer Mehrheit sind nicht nur zwei-, sondern sogar dreisprachige Orts- und Hinweisschilder Pflicht; alle im öffentlichen Dienst Beschäftigten müssen eine Sprachprüfung in Deutsch und Italienisch ablegen.

Das Südtirolproblem im Kalten Krieg

Alicide de Gaspari und Karl Gruber

Grundlage für eine Autonomieregelung für Südtirol war ein 1946 in Paris zwischen dem italienischen Außenminister Alcide de Gasperi und dem österreichischen Außenminister Karl Gruber abgeschlossenes Abkommen.

Warum dauerte es dann aber mehr als 20 Jahre, bis sich die Völkergemeinschaft einer Lösung des Südtirolproblems annahm?

Im Kalten Krieg wollten sowohl die in der NATO organisierten Staaten wie auch die des Warschauer Pakts keinen Streit mit der Regierung in Rom. Der NATO-Staat Italien war mit seiner geostrategischen Lage im Mittelmeer viel zu wichtig, als dass sich die westlichen Staaten mit diesem in ihren Augen unwichtigen Problem befassen wollten. Die mächtige kommunistische Partei hatte im katholisch-konservativen Südtirol kaum Anhänger und wollte sich – wie ihre verbündeten Parteien im Ostblock – daher ebenfalls nicht mit diesem Minderheitenproblem befassen. Einzig das kleine Österreich setzte weiterhin auf eine Verhandlungslösung mit Italien und war letztlich erfolgreich.


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