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Telekolleg Deutsch - Folge 11 Erörterung: Argumente sammeln und ordnen

Bei der Erörterung geht es darum, sich mit einem Thema intensiv auseinander zu setzen. Doch nur seine Meinung zu äußern reicht dabei nicht aus, man muss Argumente finden und diese richtig anordnen.

Stand: 11.11.2012

Studentin mit Laptop auf Boden sitzend, blättert im Ordner, Hintergrund Bücherregal | Bild: picture-alliance/dpa

"Argumentation ist eine Methode des Glaubhaftmachens, das heißt, eine Beweisführung ist notwendig" (Aßmann S.48). Die schlüssige Argumentation ist das A und O der Erörterung. Eine Meinung ist aber kein Argument. Die Erörterung insgesamt besteht aus einer Einleitung, einer Hinführung zum Thema, einer Stoffsammlung, einer schlüssigen Argumentationsfolge und einem Fazit.

Zur Informationsgrundlage der textgeschützten Erörterung wählen wir im folgenden einen Beitrag über Zivilcourage aus dem BR-Magazin Quer. Die Aufgabenstellung lautet:

Der Fernsehbeitrag zeigt ein dramatisches Beispiel für Zivilcourage – Erläutern Sie andere Möglichkeiten, wie sich Zivilcourage im Alltag noch beweisen kann.

In der Aufgabenstellung verbirgt sich schon die erste Herausforderung, denn es gibt grundsätzlich drei Möglichkeiten der Erörterung, betont Viktoria Schmitz, ehemalige Studienrätin der Staatlichen Fach- und Berufsschule in München,
1. die einfache Argumentation,
2. die steigernde und
3. die dialektische.
Der Unterschied zwischen der ersten und der zweiten ist, dass bei der steigernden Argumentation die Argumente nach der Wichtigkeit angeordnet werden. Dialektische Argumentation bedeutet: These – Antithese – Synthese

Die Einleitung sollte das Thema des Textes/Beitrags kurz zusammenfassen. Sie kann je nach Thema einen Handlungsablauf oder eine problematische Situation beschreiben, am besten am Leitfaden der bekannten W-Fragen: Wer, wann, wo, wie, was, warum, woher. Das Telekolleg (Drehbuchautor Stefan Bagehorn) verfasste den

1. Lösungsvorschlag für die Einleitung ins Thema Zivilcourage:

Eine Horde rechtsradikaler Skinheads geht vor einer Gaststätte auf einen zufällig vorbeikommenden Griechen los und schlägt den Wehrlosen brutal zusammen. Einige junge Türken, die Zeuge dieser Tat werden, greifen ein und bringen das Opfer in Sicherheit. In Anbetracht der Umstände – die zahlenmäßig weit überlegenen Skinheads sind mit Baseballschlägern und anderen Schlagwerkzeugen bewaffnet – setzen die türkischen Helfer bei ihrem mutigen Einsatz nicht nur ihre körperliche Unversehrtheit, sondern sogar ihr Leben aufs Spiel. Ein Bericht aus dem Magazin "Quer" des Bayerischen Fernsehens vom 25.1.2001, der ein dramatisches Beispiel für "Zivilcourage" schildert.

Die Einleitung kann – so Viktoria Schmitz – kürzer sein als dieses Muster.
Bei der Erörterung ist die Hinführung zum Thema wichtiger, denn sie muss:

1. den im Text/ Beitrag vorgestellten Sachverhalt als allgemeines Problem eröffnen und
2. einen Übergang schaffen von dem allgemeinen Problem zu dem ersten Argumentationsschritt des Hauptteils.

Unser Lösungsvorschlag für eine Hinführung zum Thema enthält eine Begriffserläuterung der Zivilcourage und führt schon – entsprechend der Aufgabenstellung – zu verschiedenen Formen der Zivilcourage hin.

Zivilcourage bedeutet nach allgemeinem Verständnis, dass ein Mensch den Mut aufbringt, seine Meinung zu vertreten, im privaten Rahmen ebenso wie in der Öffentlichkeit, ohne Rücksicht auf die möglichen Folgen. Meiner Ansicht nach zeigt sich Zivilcourage aber nicht nur im Einstehen für die eigene Meinung im Wort, sondern auch in der Tat. Genau dies haben Erkan, Taner und die weiteren, namentlich nicht genannten Helfer getan, denn ihrer Meinung nach war es "ihre Menschenpflicht" einem anderen in Not zu helfen.

Zivilcourage im Alltag zeigt sich aber nicht nur an so einem extremen Beispiel wie dem geschilderten Vorfall in der Münchner Zenettistraße. Es gibt viele andere Möglichkeiten, für die eigenen Ansichten ohne Rücksicht auf die möglichen Folgen aktiv einzustehen.

2. Stoffsammlung

Ein Fernsehbeitrag über das Thema „Fitnesswahn“ dient als Informationsgrundlage für folgende Aufgabenstellung:

Fit sein ist "in". Wie beurteilen Sie die Chancen und Risiken dieser Entwicklung?

Schon die Formulierung "Chancen und Risiken" schreit nach einer dialektischen Erörterung. Hier ist nach dem Pro und Kontra des Sportfiebers gefragt. Die Stoffsammlung dazu könnte wie folgt aussehen:

Stoffsammlung für eine dialektische Erörterung - Lösungsvorschlag von Stefan Bagehorn (Autor Telekolleg Deutsch)

Pro – die Chancen

• Erst regelmäßiges und intensives Training führt zu messbaren Erfolgen bei der Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Von "einmal Joggen in der Woche" kann man das kaum erwarten.
• Kontinuierliche sportliche Aktivität beugt körperlichen Erkrankungen vor und verbessert die allgemeine Leistungsfähigkeit, nicht nur im Privatleben, sondern auch im Beruf.
• "Mens sana in corpore sano" – "Ein gesunder Geist steckt in einem gesunden Körper". Das wussten schon die alten Lateiner. Körperliche Fitness steigert das persönliche Wohlbefinden, die Zufriedenheit mit sich selbst.
• Trainingserfolge können das Selbstvertrauen stärken.
• Ein bisschen mehr Körperkult tut auch den Männern gut, die bisher traditionell eher den Bierbauch und weniger den Latissimus trainiert haben.

Kontra – die Risiken

• Übermäßiges Training führt zu gesundheitlichen Risiken. Das Herz-Kreislaufsystem wird unter Umständen überlastet. Zu schneller Muskelaufbau kann ebenfalls schädlich sein. Die überstrapazierten Knochen halten der Belastung nicht stand.
• Das Trainieren wird zum Selbstzweck. Die Motivation liegt nicht mehr in einer gesunden körperlichen Ertüchtigung, sondern im Erstreben eines gesellschaftlichen Idealtypus, der Körper als Statussymbol. Es geht nicht mehr um die Gesundheit, sondern ums Abnehmen, um die Idealfigur.
• Nicht jeder Körper eignet sich zum Erreichen dieser Idealfigur. Es gibt zum Beispiel Menschen, die können so viel essen, wie sie wollen und nehmen trotzdem nicht zu. Nicht jeder Organismus verarbeitet Nahrung gleich. Auch der Muskelaufbau verläuft nicht bei allen Trainierenden gleich schnell und in gleichem Ausmaß. Deshalb sollte man sich an den Möglichkeiten des eigenen Körpers orientieren und nicht an einem vielleicht faktisch unerreichbaren Idealbild.
• Diese Jagd nach der Idealfigur kann den Sinn des Sports ins Gegenteil verkehren. Man wird nicht gesund, sondern krank. Essstörungen wie Bulimie können die Folge des Schlankheitswahns sein. Unter Umständen wird auch auf Anabolika zum Muskelaufbau zurückgegriffen. Trotz der bekannten gesundheitlichen Risiken wie Impotenz, Herzinsuffizienz oder Leberschäden.

Bei diesem Lösungsvorschlag handelt es sich nicht mehr um eine reine Stoffsammlung, d.h. um ein nachträglich gegliedertes, stichwortartig zusammengetragenes Brainstorming zum Thema, wie Viktoria Schmitz erläutert. Hier stehen schon ganze Sätze und die Argumentation hat bereits begonnen.

3. Argumentation und Fazit

Im Hauptteil der Erörterung – der Argumentation –muss man folgendes beachten (nach Vitoria Schmitz):

1. Die gesammelten Punkte zum Pro und Kontra müssen ausgeführt und zu richtigen Argumenten ausgebaut werden
2. Zu einem Argument gehören grundsätzlich: eine Behauptung, eine Begründung, ein Beweis, ein Beispiel, das die These belegt, und eine Schlussfolgerung.
3. Die verschiedenen Argumente müssen zu einem zusammenhängenden Text verbunden, d.h. mit logisch nachvollziehbaren Überleitungen versehen werden.

Folgendes Kontra-Argument nach dem Schema These-Begründung-Beispiel hat Stefan Bagehorn ausgeführt. Ist die Beweisführung schlüssig?

Argumentationsmuster Kontra

Fitness-Training auf hohem Niveau kann man durchaus als Leistungssport bezeichnen. Ein "normaler" Spitzensportler aus traditionelleren Sportarten wie Handball, Fußball oder Volleyball trainiert unter Anleitung eines Trainers. Es gibt Trainingspläne, die auf sportwissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen. Der Trainer greift regulierend in den Trainingsbetrieb ein. Diese Situation dürfte in den wenigsten Fitness-Clubs gegeben sein. In unterschiedlichen Klassen – Aerobic, Stretching, etc – treffen Teilnehmer unterschiedlicher Leistungsstärke zusammen. Und das klassische Training an Gewichten ist sowieso eine einsame Angelegenheit. Der Fitness-Fan ist weitgehend sein eigener Trainer. Leider aber ein Trainer ohne die entsprechenden Fachkenntnisse. Die Gefahr liegt nahe, falsch und damit gesundheitsschädlich zu trainieren.

Viktoria Schmitz kritisiert den Lösungsvorschlag:

"Die Argumentation sollte immer mit einer ganz klaren Behauptung beginnen, die sich strikt auf die Aufgabenstellung bezieht. Daher sollte man hier im ersten Satz ergänzen: - und das birgt Risiken für alle Nicht-Profis".

Zwischen dem 3. und 4. Satz ist ein kleiner Gedankensprung. Hier müsste man bereits hinzufügen, dass das kontrollierte Trainingsprogramm der Leistungssportler auf sportwissenschaftlichen Erkenntnissen beruht, die in den normalen Fitnessstudios kaum vorausgesetzt werden können.

Fazit

Ob man den Schluss der Erörterung Fazit oder Schluss nennt, ist einerlei. Gefordert ist eine knappe Rekapitulation der Argumente kombiniert mit einer persönlichen Stellungnahme zum Problem. Aber nicht jeder Schluss ist eine Synthese. Streng genommen ist eine Synthese nur der Schluss, das Fazit einer dialektischen Erörterung. Bei ihr ist die Synthese der dritte Schritt, in dem man einen Lösungsvorschlag macht, der zwischen These und Antithese vermittelt und den Widerspruch zwischen Pro und Kontra auflöst.

Auch eine Synthese kann man gut mit einer eigenen abschließenden Stellungnahme kombinieren, wie das in dem folgenden Lösungsvorschlag von Stefan Bagehorn gemacht wird:

Lösungsvorschlag Fazit

Es fällt schwer, ein objektives Urteil über die potenziellen Gefahren intensiven Fitness-Trainings zu fällen. Dafür müsste man eigentlich sehr viel stärker auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zurückgreifen können sowie über ein grundsätzlicheres Wissen um sport- und trainingsphysiologische Zusammenhänge verfügen.

Grundsätzlich, denke ich, kann man aber behaupten, dass regelmäßige sportliche Betätigung dem Menschen eher nützt, als schadet. Sport macht Spaß, hält fit und steigert die private und berufliche Leistungsfähigkeit. Man wird ein bisschen schlanker, fühlt sich gut und macht am Badestrand eine ansehnliche Figur. Dafür muss man schließlich auch hart auf dem Laufband und an der Hantel trainieren. Doch wie bei so vielen Dingen des Lebens liegt die Gefahr in der Maßlosigkeit. Zu viel Training kann schädliche gesundheitliche Folgen haben, falsches Trainieren ebenfalls.

Fitness-Training ist ein Individualsport. Der Trainierende muss selbst erkennen, wo seine Grenzen liegen. Wenn diese Grenzen aber nicht mehr die tatsächliche körperliche Leistungsfähigkeit setzt, sondern ein gesellschaftlicher Zwang, dann halte ich das für bedenklich.

Das Fazit ist im Allgemeinen das Schwierigste, wie Viktoria Schmitz erläutert. Denn es muss noch einmal ganz knapp auf die allgemeine Problematik eingehen, pointiert eine eigene Meinung formulieren und diese gut begründen.


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