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Literatur-Theorie Was ist eigentlich ein Drama?

Mit "Drama" verbindet man alltagssprachlich extreme Gefühle und Taten. Aber auch für die anderen, die richtigen Dramen, sind extreme Gefühlslagen eine Voraussetzung: Nämlich für die Dramen, die auf der Bühne aufgeführt werden.

Stand: 12.01.2015

"Faust I" 2013 am Deutschen Theater Weimar: Krunoslav Sebrek als Valentin und Nora Quest als Gretchen | Bild: picture-alliance/dpa

Das Wort "Drama" kommt aus dem Altgriechischen – so geschrieben: δρᾶμα – und bedeutet übersetzt: Handlung. Im Alltag verstehen wir darunter so etwas wie Beziehungs- oder Familiendramen. Auch dabei geht es – wie auf der Theaterbühne – um extreme Gefühle. Dennoch sind Alltags- und Theaterdramen nicht identisch. Denn Dramen im Alltag finden real statt, Dramen auf der Theaterbühne erwecken nur den Anschein. Es ist alles nur ein Spiel, ein Theaterspiel.

Das hat schon Aristoteles, ein griechischer Philosoph, der sich auch mit Fragen der Kunst beschäftigt hat, als erster festgestellt: Ein Drama ist ... 

"... nicht die Nachahmung von Menschen, sondern von Handlungen und Lebeweisen."

Aristoteles, 383-322 vor Christus

Zwar gibt es eine Handlung natürlich nicht nur im Drama, sondern auch in den anderen beiden großen Gattungen der Literatur – Epik und Dramatik. Aber in epischen Texten – das sind  Romane oder Erzählungen – wird von dieser Handlung nur erzählt. Ähnlich ist das bei lyrischen Texten, bei Gedichten. Wenn überhaupt, dann werden Handlungen im Gedicht meist nur kurz erwähnt.

Ganz anders ist das beim Drama. Hier dreht sich alles um die Handlung – und zwar ganz unmittelbar: Es wird gehandelt und jeder kann es sehen. Denn ein Drama gehört nicht zwischen zwei Buchdeckel, sondern auf die Bühne im Theater. Schauspieler stellen im Spiel die Handlung dar – in verschiedenen Rollen, in Dialogen oder auch in Monologen.

Beim Drama gibt es viele künstlerische Ebenen:

  • den geschriebenen Text des Autors,
  • alle Elemente, die auf der Bühne eine Rolle spielen wie Bühnenbild, Requisite und Bühnentechnik
  • die Arbeit des Regisseurs und sicherlich nicht zuletzt
  • die Arbeit der Schauspieler
  • dazu können noch Musik oder Geräusche kommen und vieles mehr.

Das alles nennt man die Inszenierung, und die kann für ein Drama sehr, sehr unterschiedlich ausfallen. Damit ist ein Drama sehr wandelbar – und kann besonders beeindruckend und spannend sein, denn man kann es direkt erleben.

Drama ist eine Art Sammelbegriff – denn es gibt die verschiedensten Arten von Dramen, zum Beispiel das historische Drama, das brügerliche Trauerspiel, das epische oder das absurde Theater.

Tragödie und Komödie

Bereits der griechische Philosoph Aristoteles hat diese zwei Grundtypen des Dramas unterschieden. Seine Beschreibung der wesentlichen Merkmale ist wunderbar einfach und bis heute gültig:

"Die Komödie sucht schlechtere, die Tragödie bessere Menschen nachzuahmen, als sie in der Wirklichkeit vorkommen."

Aristoteles, 'Poetik' 335 vor Christus

In der Komödie scheitern die Figuren zwar, aber so, dass sie lächerlich erscheinen und das ganze Geschehen heiter und komisch wird. Das heißt: Es gibt einen Konflikt, doch der kann gelöst werden und nimmt einen glücklichen Ausgang. Bis heute lieben wir es: das Happy End, der Held wird gerettet, die Liebenden fallen sich in die Arme.

Grundformen des Dramas | Bild: BR/Henrik Ullmann zur Übersicht Dramenformen Tragödien und Komödien

Bereits Aristoteles hat zwei Grundformen des Dramas unterschieden: Tragödie und Komödie. Beide haben sich im Laufe der Jahrhunderte – gemäß ihrer Epoche – ganz unterschiedlich weiterentwickelt. [mehr]

In der Tragödie gibt es auch einen Konflikt – aber der löst sich nicht auf. Es gibt kein Happy End, sondern ein Ende mit Schrecken, zumeist mit tödlichem Ausgang. Dennoch – oder gerade deshalb – war für Aristoteles die Tragödie wichtiger als die Komödie. Denn im Zentrum der Tragödie steht ein Mensch mit edlem Charakter. Er hat die besten Absichten und will nur das Beste, gerät aber unverschuldet in Konflikte, die zu seinem Untergang führen.

Die Zuschauer, die mitfiebern, aber vergeblich auf ein besseres Ende hoffen, sollen durch das tragische Scheitern des Helden beziehungsweise der Heldin moralisch "gebessert" werden, so die Theorie. Grundlage hierfür ist ihre emotionale Erschütterung. Denn nach Aristoteles führen Jammern (eleos) und Schaudern (phobos) eine Reinigung der Seele (katharsis) herbei.

Der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781), der bedeutende Dramen und auch theoretische Schriften zum Theater geschrieben hat, nennt für die Tragödie noch ein weiteres Ziel:

"Wenn es also wahr ist, daß die ganze Kunst des tragischen Dichtens auf die sichere Erregung und Dauer des einigen Mitleidens geht, so sage ich nunmehr, die Fähigkeit der Tragödie ist diese: sie soll unsere Fähigkeit, Mitleid zu fühlen, erweitern."

aus 'Brief an Friedrich Nicolai', Gotthold Ephraim Lessing (1756)

Konflikt, Protagonisten – Antagonisten

Mitleid mit einer Figur im Roman oder im Film – da fließen bei manchem von uns so richtig die Tränen. Entscheidend beim Drama ist also der Konflikt, der ist der Kern der gesamten Handlung.

In einer Handlung gibt es zumeist Hauptfiguren und Nebenfiguren. Diese kann man wiederum unterteilen:

  • in diejenigen, die als Helden auftreten: die Protagonisten.
  • Und deren Gegenspieler: die Antagonisten.

Klassischer Dramenaufbau: Modell nach Gustav Freytag

Ziemlich vereinfacht sind das die Guten und die Bösen. Das Schema kennen wir heute auch aus dem Film. Es gibt verschiedene Beziehungen zwischen den Figuren – und beides, die Figuren und ihre Beziehungen entwickeln und verändern sich im Laufe des Stückes. Das geschieht zumeist nach einem festen Muster. Das Ganze sieht aus wie ein spitzer Berg.

Zuerst kommt die Einleitung. Sie macht klar,w er die Hauptfigur ist, welches Problem diese hat und welche Stimmung herrscht. Dann steigt die Spannung an, bis zum Gipfel des Berges (= Höhepunkt). Hier ist die Spannung am größten, danach sinkt sie wieder ab. Dabei kann auch nochmals die Hoffnung aufkeimen, dass sich doch noch alles zum Guten wendet. Am Schluss steht bei der Tragödie eine Katastrophe, bei der Komödie ein Happy End. Fast alle Dramen und auch viele Filme sind nach dieser Grundstruktur aufgebaut.

Grundformen des Dramas

Diesen Spannungsbogen im Drama – mit Anfang, Höhepunkt und Ende mit Katastrophe oder auch Happy End – den gibt es fast nur bei Dramen in der sogenannten geschlossenen Form.

Diese geschlossene Form ist wie eine Kiste, in der alles drin ist:


  • Es gibt nur wenige Personen, oft Könige und Adelige,
  • nur einen Ort mit wenigen Nebenschauplätzen, an dem alles passiert,
  • und eine Handlung, die in sich zusammenhängt und abgeschlossen ist.


Das nennt sich seit Aristoteles die Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Irgendwo in der Mitte gibt es den zentralen Konflikt, den dramatischen Höhepunkt. Auf diesen folgt ein trauriges oder lustiges Ende. All das sprengt "die Kiste" nicht – da ist alles gut verpackt. Aber auch hier gibt es Stücke, die die Kiste, den vorgegebenen Rahmen, sprengen: Wenn es eine geschlossene Form gibt, dann gibt es auch eine offene.

Die offene Form, zeichnet sich dadurch aus, dass

  • die Handlung sprunghaft ist,
  • es gibt Zeitsprünge,
  • mehrere Handlungsorte,
  • viele, manchmal unübersichtlich viele, Figuren und
  • unterschiedliche Sprachstile

Seit dem 18. Jahrhundert wurde der theatrale Rahmen der geschlossenen Form immer weiter entwickelt, die Kiste sozusagen geöffnet. Bertolt Brecht (geboren 1898, gestorben 1956) ist dabei mit am weitesten gegangen. Mit seinem epischen Theater (1936) hat er die klassische Form gesprengt und damit dem modernen Drama wichtige Impulse gegeben.

Sein Ziel war nicht die emotionale Erschütterung der Zuschauer wie bei Aristoteles. Brecht setzt den sogenannten Verfremdungseffekt ein – das ist ein plötzlicher Bruch der Handlung zum Beispiel durch ein Lied oder eine direkte Ansprache ans Publikum.

"Das Wort 'episches Theater' schien vielen als in sich widerspruchsvoll, da man nach dem Beispiel des Aristoteles die epische und die dramatische Form (...) für grundverschieden von einander hielt. (...). Die Darstellung setzte die Stoffe und Vorgänge einem Entfremdungsprozeß aus. Es war die Entfremdung, welche nötig ist, damit verstanden werden kann. Nur so konnten die Gesetze von Ursache und Wirkung zutage treten. Das Handeln der Menschen mußte zugleich so sein und mußte zugleich anders sein können."

aus 'Das epische Theater' (1936), Bertolt Brecht

Brechts Ziel ist eine ethische und politische Veränderung – episches Theater ist Lehrtheater, die Zuschauer sollen etwas lernen. Brechts Bühnenstück "Mutter Courage und ihre Kinder" ist dafür das beste Beispiel: Eine Frau versucht, Geschäfte im und mit dem Krieg zu machen – das kann nicht gut gehen und ist als Warnung zu verstehen.

Der Literaturwissenschaftler Volker Klotz (1963) hat die zwei Grundformen, die aristotelische, geschlossene Form und die offene, nicht-aristotelische Form in einer Tabelle gegenübergestellt, die hilft die beiden Formen zu unterscheiden:

 Geschlossene FormOffene Form
HandlungDie Haupthandlung ist einheitlich, abgeschlossen und auf einen zentralen Konflikt bezogen.mehrere Handlungen bzw. Handlungsstränge sind möglich, teilweise auch gleichzeitig.
 Die Szenen sind kausal verknüpft und nicht austauschbar.Die Handlungsabfolge ist sprunghaft.
 Die einzelnen Handlungen sind Teil  einer logisch bzw. psychologisch zwingenden Abfolge.Die Abfolge der Szenen ist nicht unbedingt kausal bzw. psychologisch zwingend.
ZeitEinheit der Zeit: Der Zeitraum der Handlung ist begrenzt (nach Aristoteles auf 1 Tag).Der Zeitraum kann weiter ausgedehnt sein.
 Zeit ist nur Rahmen der Handlung.Zeit kann ein Einflussfaktor auf das Geschehen sein.
 Es gibt
keine Zeitsprünge.
Zeitsprünge sind möglich.
OrtEinheit des Ortes: Die Handlung spielt an einem Ort (bzw. an Plätzen in unmittelbarer Nähe).Vielheit der Orte: Die Handlung kann an mehreren Orten spielen.
 Der Ort
ist nur Rahmen der Handlung.
Eine
große Figurenzahl ist möglich.
FigurenGeringe Anzahl an Figuren.Eine große Figurenzahl ist möglich.
 Ständeklausel bei der Tragödie (nur Adlige, Könige, Götter sind Handelnde).Ständische Beschränkungen bestehen nicht.
 Hoher Reflexions- bzw. Bewusstseinsgrad.Innenwelt und Außenwelt stehen in einem komplexen Zusammenspiel.
KompositionDie Handlung verläuft linear und bildet ein schlüssiges Ganzes.Ausschnitte dominieren.
 Das Drama gliedert sich in Akte (3 oder 5) und Szenen, die kausal bzw. funktional aufeinander bezogen sind (vgl. Aufbauschema).Die Szenen haben ihren Schwerpunkt in sich selbst und müssen nicht auf ein Ganzes bezogen sein.
SpracheDer Sprachstil ist einheitlich, in Versform und auf hohem sprachlichen und reflexiven  Niveau Die Sprechweisen sind vielfältig.
 Dialoge als GrundformDialoge und Monologe gehen z.T. fließend ineinander über.
 Monologe an SchlüsselstellenAlltagssprache herrscht vor.

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