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Live-Übertragungen Herausforderung Wintersport

Ob Skifahren, Rodeln oder Vierschanzentournee – der Bayerische Rundfunk überträgt für die ARD zahlreiche Wettkämpfe live. Dahinter steckt ein enormer logistischer Aufwand: Schon im Sommer gehen die Vorbereitungen los

Von: Katharina Mutz

Stand: 29.01.2016

Felix Neureuther in Garmisch Partenkirchen 2015 | Bild: picture-alliance/dpa

Sie schlittern mit ihren Skiern übers Eis, legen sich mit ihrem Gewicht in die Kurven und beschleunigen in wenigen Sekunden von null auf über 100 Kilometer pro Stunde: Die Profis, die in Garmisch-Partenkirchen die legendäre Kandahar-Abfahrt herunterrasen, verlangen ihrem Körper alles ab. Doch die Rennstrecke, die als eine der anspruchsvollsten im Ski Alpin-Weltcup gilt, ist nicht nur für die Sportler eine Herausforderung – sondern auch für diejenigen, die dafür sorgen, dass man als Zuschauer all das bequem vom Sofa aus mitverfolgen kann. Denn hinter der Live-Übertragung steckt jede Menge logistischer Aufwand. "Wir müssen den Berg komplett verkabeln", sagt Christoph Netzel von der BR-Sportredaktion. Er ist verantwortlich für die Liveübertragung vom Ski-Weltcup der Herren in Garmisch-Partenkirchen am 30. und 31. Januar – genauso wie für alle anderen Wintersportveranstaltungen, die im bayerischen Sendegebiet stattfinden und deshalb vom BR für die ARD produziert werden.

BR-Sportmoderator Markus Othmer und Ski-Expertin Maria Höfl-Riesch

Bei den Übertragungen ist Netzel eines besonders wichtig: die Dynamik. Mit welcher Wucht die Schuhe in die Bindung gedrückt werden, wie der Schnee hochspritzt, wie die Sportler auf den Außenkanten der Skier die Piste herunterpreschen – all diese Details sollen die Kameras, von denen ein Großteil mit Superzeitlupenfunktion und Teleobjektiven ausgestattet ist, einfangen. Schon im November legen die Mitarbeiter der Ausstattung deshalb los mit den Vorbereitungen. Noch bevor der erste Schnee fällt, schaffen sie mit Pistenraupen, Motorschlitten und Helikoptern Metallstangen und anderes Equipment auf den Berg, aus dem sie Podeste und Türme für die insgesamt 28 Kameras bauen. An welchen Punkten entlang der Piste die positioniert werden – das hat der zuständige Regisseur schon lange vorher minutiös geplant. "Sieger werden im Sommer gemacht, da muss trainiert und geschwitzt werden", sagt Christoph Netzel. "So ist das auch bei uns." Ein halbes Jahr vor dem Rennen geht das Übertragungsteam deshalb gemeinsam zu Fuß die gesamte Strecke ab, um ein Regiekonzept zu erstellen. Wie können drei Kilometer Abfahrt filmisch umgesetzt werden? Wo braucht man Nahaufnahmen, wo Totalen? Wo liegen die kritischen Stellen, die man in Zeitlupe zeigen muss? In welcher Reihenfolge werden die einzelnen Kameras zugeschaltet? All das legen Regisseur, erster Kameramann, Produktionsleiter und ein Verantwortlicher des Skisport-Weltverbands FIS bei ihrem Rundgang fest. Denn ohne einen genauen Plan wäre eine Wintersport-Liveübertragung unmöglich. Schließlich müssen die Kameras jede riskante Kurve im Blick haben. Das ist umso wichtiger, weil der BR mit seinen Bildern nicht nur die ARD beliefert, sondern sämtliche Sportsender weltweit, die das Rennen live übertragen. Fehler dürfen sich die Verantwortlichen nicht erlauben.

BR-Magazin 03/2016 | Bild: BR zum Download BR-Magazin zum Download BR-Magazin 03 vom 30.01.2016 – 12.02.2016

Das hauseigene Magazin des Bayerischen Rundfunks informiert vierzehntägig über die Höhepunkte im Programm. Hier finden Sie Hintergründe zu neuen Produktionen und Veranstaltungen. Außerdem gibt es eine ausführliche Programmübersicht. [mehr]

Doch auch mit dem besten Konzept kommt gerade in Sachen Wintersport vieles anders als geplant. "Wenn zwei Tage lang ein Schneesturm wütet, ist alle Logistik für die Katz", sagt Netzel. Sein schlimmstes Erlebnis in dieser Hinsicht war die Ski-WM in Schladming vor drei Jahren. Das Super-G-Rennen der Damen musste damals wegen starken Nebels dreizehnmal verschoben werden. Statt der geplanten 70 Minuten war der Bayerische Rundfunk vier Stunden live auf Sendung. "Da heißt es dann improvisieren", sagt Netzel. Genau das taten er und seine Kollegen von der Ski-Alpin-Crew. Netzel organisierte einen Wetterexperten vom ORF, machte sich auf die Suche nach neuen Interviewpartnern und feuerte sämtliches Ersatzmaterial ab, das er sich bereitgelegt hatte: Vorbereitete Einspieler über den Wintersport und einzelne Skifahrer retteten das Team über die Wetterpanne hinweg. "In 95 Prozent der Fälle braucht man diese Filme nicht, aber in den restlichen fünf Prozent zeigt sich, dass man gut vorbereitet war", sagt Netzel. Gerade weil im Wintersport so oft alles anders kommt als gedacht, sei eines besonders wichtig: in einem eingespielten Team zu arbeiten. Dazu gehören die Moderatoren Markus Othmer und Expertin Maria Höfl-Riesch, Live-Reporter Bernd Schmelzer, erfahrene Redakteure, Regisseure, Produktions- und Aufnahmeleiter, Kameramänner und Cutter. "Zusammen fahren wir den ganzen Winter durch die Berge", erzählt Netzel. Schließlich zählt Wintersport zu den Kernkompetenzen des Bayerischen Rundfunks, den manch einer deshalb auch "Schneeflockensender der ARD" nennt. Wenn das Team ein Rennen wie den Ski-Weltcup in Garmisch mal wieder gestemmt hat, es keine Stürze gab und das Wetter mitgespielt hat, atmet Christoph Netzel einmal tief durch und freut sich. Eine Viertelstunde nach der letzten Sendung dreht sich dann aber schon wieder alles um die Frage: "Wo geht es als nächstes hin?"


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