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Notenarchiv des Bayerischen Rundfunks Ein Keller voller Musik und Geschichte

Mein lieber Schwan! Das Notenarchiv des Bayerischen Rundfunks ist für die Orchester und den Chor unentbehrlich und birgt historische Schätze

Von: Dr. Felicia Englmann

Stand: 12.02.2016

Lohengrin-Partitur | Bild: Felicia Englmann

Die Seiten der "Lohengrin"-Partitur sprechen. "Nie sollst Du mich befragen", steht darin, aber der Band mit dem verwitterten Titelblatt gibt seine Geschichte dennoch preis. Er ist ein Zeitzeuge der Hörfunkgeschichte und immer noch im Dienst – zuletzt im Sommer 2015, als BR-Cheftonmeisterin Pauline Heister sich damit auf die "Lohengrin"-Liveübertragung aus Bayreuth vorbereitete. Die Studienpartitur stammt noch aus den Anfangstagen des Radios, als die "Deutsche Stunde in Bayern", der Vorgänger des BR, erste Sendungen ausstrahlte. Am 21. Februar 1925 übertrug die Deutsche Stunde erstmals live aus dem Münchner Nationaltheater – den "Lohengrin". Damals benutzten diejenigen, die für den Ton verantwortlich waren, genau diese Partitur, um den Hörern den bestmöglichen Klang zu bieten und etwa an Stellen, an denen das Orchester laut spielte, die Mikrofone anders einzustellen als bei leisen Gesangssoli. Das Notenarchiv ist fast so alt wie das Radio in Bayern, denn schon seit 1925 gibt es ein rundfunkeigenes Orchester. Für jedes Stück, das ein Orchester spielt, braucht ein Dirigent eine Partitur; sie ist das "Drehbuch" für das Werk, eine Übersicht über alle Stimmen. Jeder Musiker braucht seine eigene Stimme – ein Blatt oder Heft mit den Noten, die er spielt. Musikverlage stellen dieses Aufführungsmaterial her. Orchester können es dort gegen Gebühr ausleihen oder kaufen. Gekaufte Noten bleiben im Archiv, und heute ist Archivar Michael Fritsch der Herr der Noten. Seit 22 Jahren ist der gebürtige Wiener beim BR und arbeitet eng mit den jeweiligen Chefdirigenten des Symphonieorchesters zusammen – seit 2003 mit Mariss Jansons. "Ich weiß schon ziemlich genau, was er will", erzählt Michael Fritsch. Er beginnt die Noten-Recherche für Jansons oder die Gastdirigenten bis zu eineinhalb Jahre vor einem Konzert. Auch für den BR-Chor und das Münchner Rundfunkorchester ist je ein Mitarbeiter des Archivs zuständig. Insgesamt sechs Kollegen recherchieren, suchen und bestellen Material, klären Rechte und sind in Kontakt mit Musikverlagen und Künstlern.

Wie oft die "Lohengrin"-Partitur in den vergangenen 91 Jahren in den Keller und wieder ans Licht kam, weiß niemand mehr. In Bayreuth muss sie oft gewesen sein, denn schon seit 1931 gibt es Live-Übertragungen vom Grünen Hügel, im selben Jahr wurde die Deutsche Stunde in Bayern zum Bayerischen Rundfunk. Die Partitur überstand den Zweiten Weltkrieg und blieb im Archiv des 1949 neu gegründeten BR. Sie erhielt einen neuen Buchdeckel, die Seiten wurden oft geklebt. Immer wieder bekam der Band eine neue Archivnummer. Damit man ihn auch ­findet. Aber wo ist die Partitur heute? In fernem Land? "Da schauen wir gleich mal", sagt Michael Fritsch, und befragt seine elektronische Datenbank. In seinem Büro stapeln sich Türme von Notenmaterial, in Regalfächern sind Stücke nach kommenden Konzerten und Dirigenten geordnet. Doch "Lohengrin" versteckt sich. Keine der Nummern ergibt einen Treffer im System von Michael Fritsch. Das wundert ihn. Denn Ordnung ist in seinem Beruf mehr als das halbe Leben. Hätte das Archiv eine Partitur von Richard Strauss’ "Salome", Fritsch wüsste auswendig, wo sie steht – denn dies ist sein Lieblingsstück. Er selbst singt Wienerlieder, spielt Gitarre und Klavier. Allerdings nicht im Keller. Wie mit dem Lineal aufgereiht stehen dort die Noten in den Regalen. 1,25 Regalkilometer Noten erstrecken sich in dem klimatisierten Kellerraum, allein 11.000 Partituren. Wo steckt "Lohengrin"? Die Archivspinne Eulalia, die alle Archivalien kennt und eifrig Staub- und Papiermilben vertilgt, hat sich verkrochen und kann keine Auskunft geben.

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Noch immer kommen fast alle Noten in gedruckter Form. Sie zu digitalisieren oder zu kopieren ist nicht erlaubt. Aber einige zeitgenössische Komponisten schicken ihre Werke bereits elektronisch. Um diese auszudrucken und für die Musiker vorzubereiten, hat Michael Fritsch eine spezielle Maschine. Nagelneu gedruckt müssen Noten nicht sein, aber die Archivare recherchieren dennoch nach den neuesten, wenn möglich wissenschaftlichen Ausgaben. Wenn Künstler während der Proben mit Bleistift Notizen in die Noten eintragen, werden diese nach dem Konzert nicht entfernt, da sie den nächsten Musikern helfen können. Auch in der "Lohengrin"- Partitur sind Anmerkungen mit Bleistift oder auch mit Haftnotizen. Nach einer gewissen Gebrauchszeit werden Noten aussortiert oder ersetzt, sagt Michael Fritsch. Etwa, wenn es zu viele Notizen werden.

Anruf bei den Tonmeistern. In deren Büro liegen sogar zwei "Lohengrin"-Partituren. Auch die von 1924. Michael Fritsch stellt erleichert fest, dass er diesen Band längst ausgesondert hat. Sie steht nicht mehr im System, auch nicht im Regal, aber das Tonmeister-Team hütet sie wie einen Schatz. Eine weiße und eine schwarze Feder stecken zwischen den Seiten – sie stammen von Kostümen der Elsa und der Ortrud aus der Bayreuther Inszenierung von Hans Neuenfels. Die historische Partitur darf auch weiterhin mit auf den Grünen Hügel. Sie hat ihre letzte Fahrt noch lange nicht erlebt.


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