Wissen - Rote Liste


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Haussperling Der kleine Spatz wird vermisst

Früher stibitzten sie uns die Brösel vom Tisch. Heute sind in den Städten fast keine Haussperlinge mehr zu sehen. Der Spatz wurde vom Allerweltsvogel zum bedrohten Piepmatz. Woran das liegt, warum er uns fehlt - und was Sie tun können.

Stand: 14.06.2017

Männlicher Spatz (Haussperling) | Bild: LBV/Dieter Hopf

Ein Leben ohne einen Spatz? Undenkbar! Spatzen haben sich uns wahrscheinlich schon vor rund 10.000 Jahren angeschlossen, als der Mensch sesshaft wurde und mit dem Ackerbau begann. Denn auch Spatzen lassen sich gerne fest nieder und bewegen sich nur in Ausnahmefällen wenige Kilometer von ihrem Geburtsort weg. Mit ihren menschlichen Gefährten zogen sie von den ersten Ansiedlungen bis in die heutigen Großstädte. Überall dahin, wo sie ausreichend Futter und Nistplätze fanden und finden.

Unnützes Spatzen-Wissen I

1851/52 setzten New Yorker Bürger insgesamt 100 Haussperlinge auf einem Friedhof in Brooklyn aus. Bis dahin war der Spatz auf dem amerikanischen Kontinent nicht heimisch. Vielleicht wollten sie sich in ihrer neuen Heimat mit vertrauten Vögeln umgeben und/oder etwas gegen die Insektenplage unternehmen, die damals einige New Yorker Grünanlagen heimsuchte. Dem Haussperling eine neue Heimat zu bieten, ist ihnen jedenfalls gelungen.

Von wegen Spatzenhirn

Das Spatzenhirn ist äußerst lernfähig - vor allem, wenn es um Nahrungsbeschaffungsmaßnahmen geht.

Einen ersten Rückschlag mussten die Spatzen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hinnehmen: Autos verdrängten die Zugpferde, damit verloren die Vögel eine ihrer Hauptnahrungsquellen: die unverdauten Haferkörner in den Pferdeäpfeln. Zwischenzeitlich beschuldigte man den Haussperling auch, ein Schädling und Korndieb zu sein. Bis in die 1950er-Jahre wurde er deshalb bekämpft. Dabei ist der intelligente Vogel, was die Nahrungssuche angeht, ganz schön findig. Immer wieder erschließen sich Spatzen neue Nahrungsquellen: Sie haben gelernt, dass manche Türen automatisch aufgehen, wenn man vor ihnen umherflattert. Dass man über die Rolltreppenschächte in die U-Bahn-Stationen hinunterfliegen kann. Und dass es Papiertüten gibt, aus denen man durch Schütteln kostbare Brösel zaubert. Oder dass parkende Autos wahre Insekten-Schnellimbisse sind.

Spatzen-Stadt Berlin

Weltspatzentag

Am 20. März wird jedes Jahr der Weltspatzentag begangen. Ins Leben gerufen hat den "world sparrow day" die indische Naturschutzorganisation "Nature Forever Society" 2010. Seither macht der Tag jedes Jahr auf den Rückgang der Spatzen aufmerksam. Viele Naturschutzorganisationen haben sich der Initiative angeschlossen.

In vielen Städten sind Spatzen immer seltener anzutreffen - nicht so in Berlin. Landschaftsökologin Diana Gevers erklärt das Spatzen-Paradies so: "Wir sind hier schon die Hauptstadt der Spatzen. Es ist sehr grün hier, überall gibt es Vorgärten, die verwildert sind. Wir haben immer noch Brachflächen, um die sich keiner kümmert, zum Glück. Und wir haben natürlich ganz ganz viele Touristen, die hier viel essen und viel runterfallen lassen."

Der Spatz nimmt ab

Im Freistaat Bayern geht es dem Haussperling schlecht. Das zeigen auch die Ergebnisse der vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) zusammen mit dem NABU durchgeführten Vogelzählung "Stunde der Gartenvögel". Auch wenn der Spatz weiterhin der am häufigsten beobachtete Vogel in Bayerns Gärten bleibt: Im Frühjahr 2017 wurde der ehemalige Allerweltsvogel im gesamten Freistaat nur noch in zwei Drittel der Gärten beobachtet. Sein Bestand stagniert und nimmt bayernweit vor allem in den Stadtzentren ab. Ein Aufschwung ist nicht in Sicht. In München gehört er noch zu den fünf häufigsten Gartenvögeln. Für den LBV ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Spatz aus dieser Rangliste verschwindet.

"Der Charaktervogel der bayerischen Biergärten - der Hausspatz auf der Suche nach Brezenbröseln - ist unter vielen Münchner Biertischen mittlerweile verschwunden und damit ist auch ein bayerisches Kulturgut bedroht."

Thomas Rödl, LBV-Ornithologe

Dem Spatz ist die Stadt zu geschleckt

Dass in den Großstädten überall gebaut und modernisiert wird, naturnahe oder brachliegende Gebiete verschwinden und Flächen versiegelt werden, macht dem Spatz zu schaffen. Seine ursprünglichen Nistplätze - vor allem Nischen und Hohlräume an Häusern - werden dank energetischer Bauweisen und Fassadendämmungen immer seltener. Zusätzlich findet er in Städten immer weniger proteinreiche Nahrung für die Jungen. Städtische Grünanlagen und Gärten sind oft zu gut gepflegt und zu exotisch angelegt für unsere heimischen Insekten - und somit auch für den Spatz. Seit 2016 steht der Haussperling in Bayern sogar auf der Vorwarnliste der Roten Liste der Brutvögel.

Spatzen sind Insektenvernichter

Natürliches Mittel gegen Insekten? Ein Spatz!

Viele Menschen stören sich an dem Getschilpe und den Hinterlassenschaften der Vögel und wollen nicht, dass sie am Haus brüten. Dabei kann ein einfaches Brett oder eine Platte direkt unter dem Nest als Auffanghilfe dienen. Spatzen, die auf Getreidelager scharf sind, kann man den Zutritt mit Netzen - sogenannten Windbrechnetzen - an den Lüftungsöffnungen verwehren. Vielleicht hilft auch der Gedanke an den großen Vorteil der Haussperlinge, tolerant mit ihnen umzugehen: Sie sind grandiose Schädlingsvernichter! Ein Ornithologe will gezählt haben, dass sieben Spatzen-Brutpaare in einer halben Stunde 700 Mücken verfüttert haben.

Dem Spatzl was Gutes tun

Unnützes Spatzen-Wissen II

Das Schimpfwort "Dreckspatz" haben wir tatsächlich dem Sperling zu verdanken. Weil er so gerne im Sand badet. Dabei macht er sich aber nicht dreckig, sondern sauber: Die feinen Körnchen gelangen durch sein Gefieder und säubern ihn von Parasiten. Also eigentlich ein Sauberspatz.

Wer dem Haussperling helfen will, kann eine künstliche Nisthilfe anbringen. Werden Gebäude saniert oder neu gebaut, können Nischen und Mauerspalten eingerichtet werden - perfekte Orte für ein Spatzennest. Auch in eine begrünte Fassade wird gerne eingezogen. Wer einen Garten besitzt, pflanzt einheimische Sträucher, Stauden und Gräser, sie sichern dem Spatz ein reiches Angebot an Insekten und Samen. Bäume und Hecken bieten Schutz, Nest und eine Überwinterungsmöglichkeit. Wer den Sperlingen ein wahres Paradies einrichten möchte, stellt eine Vogeltränke und ein Sandbad zur Gefiederpflege auf. Hierfür kann man entweder einen größeren Blumenuntersetzer mit Sand füllen oder im Garten eine kleine Mulde graben und mit den Körnchen bestücken.

Unterschiede zwischen Haussperling und Feldsperling

Haussperling

Der Haussperling wird rund 16 Zentimter groß. Auffallend sind sein großer Kopf und sein kräftiger Schnabel. Die Weibchen sind mattbraun. Die Männchen sind auffällig gezeichnet: Ihre Kehle ist schwarz, die Kopfoberseite grau. An den Kopfseiten besitzen sie kastanienbraune Streifen, der Rücken ist bräunlich mit schwarzen Streifen. Der Haussperling ist eigentlich Vegetarier und ernährt sich hauptsächlich von Körnern und Samen. Seine Jungen füttert der Spatz mit proteinreichen Insekten.

Feldsperling

Der Feldsperling wird bis zu 14 Zentimeter groß und ist damit etwas kleiner als der Haussperling. Weibchen und Männchen besitzen ein braunes Gefieder mit schwarzen Streifen. Am besten unterscheiden vom Haussperling kann man den Feldsperling wahrscheinlich an seinem braungefärbten Köpfchen, seiner schwarzen Wange und seinem weißen Halsband.

Ein Spatz kommt selten allein

Spatzen fühlen sich in der Gruppe wohl.

Spatzen umgeben sich gerne mit Artgenossen: "Ist ja auch praktisch: Man wärmt sich, man hat sich was zu erzählen, man beschützt sich gegenseitig. Es ist eine schöne Überlebensstrategie", erklärt Landschaftsökologin Diana Gevers. Rund 18 Minuten, bevor die Sonne aufgeht, beginnt ihr Zwitscherkonzert. Dann tschilpt jeder auf seine unverwechselbare Art im Frequenzbereich zwischen zwei und fünf Kilohertz und übermittelt Stimmungen wie Müdigkeit oder Ärger. Wer aufmerksam zuhört, kann verschiedene Lautäußerungen unterscheiden. Es gibt zum Beispiel ein drohendes Zetern, Warnsignale vor Feinden und Abwehrrufe, die der eigenen Art gelten. Spatzen können sogar die Rufe anderer Vögel lernen. Abends treffen sie sich dann wieder in großen Gruppen zum "Chorgesang", wie es die Ornithologen nennen.

Unnützes Spatzen-Wissen III

Spatzen brüten am liebsten in Hohlräumen von Gebäuden, in einer Höhe zwischen drei und zehn Metern. Die Nester werden jahrelang immer wieder genutzt, aber vor jeder neuen Brut entrümpelt und ausgebessert. Innen wird das Nest mit weichen Federn ausgepolstert.

Spatzen sind auch sehr fruchtbar. In drei bis fünf Bruten pro Jahr ziehen sie vier bis sechs Küken auf. Allerdings ist die Sterblichkeitsrate, wie bei allen kleinen Vögeln, im ersten Jahr hoch: Nur rund zwanzig Prozent der Kleinen überleben ihr erstes Jahr. Ist das geschafft, wird ein Spatz drei bis sechs Jahre alt.

Ein Spatz wird flügge

Etwa 16 Tage nach dem Schlüpfen verlassen die Spatzenkinder ihr Nest. Dann werden sie von Nesthockern zu Asthockern: Nach der Nestlingsphase beginnt ihre Ästlingsphase. "Das machen alle Singvögel, solange sie noch von ihren Eltern abhängig sind, meistens auch noch überhaupt nicht fliegen können, aber überhaupt kein Interesse mehr daran haben, zuhause zu sitzen. Also wie das bei Menschenkindern auch ist", sagt Diana Gevers. Jetzt beginnt für die Jungvögel eine besonders gefährliche Zeit. Krähen, Ratten und Füchse freuen sich über leichte Beute. Aber selbst Passanten, die es eigentlich gut meinen, können ihnen gefährlich werden. Oft sitzen die Jungvögel, noch etwas verstrubbelt und tapsig, auf dem Boden und schreien herzzerreißend. Viele Leute nehmen sie dann mit, weil sie denken, sie wären krank oder verletzt. Dabei wollen die Vögelchen nur ihre Eltern kontaktieren und gefüttert werden. Deshalb die kleinen Piepmätze lieber immer an Ort und Stelle lassen.

Etwa acht Tage, nachdem das Spatzenkind das Nest verlassen hat, wird es von seinen Eltern unabhängig. Es mausert sich, sucht Futter, ruht sich aus, badet im Staub oder im Sand und trifft sich abends im Schwarm zum Chorgesang. Sie können den Spatz dabei ein wenig unter Ihre Fittiche nehmen.

"Habt einen unordentlichen Garten, sorgt dafür, dass ihr Insekten habt, dass ihr Gräser habt, die Samen haben, und lasst sie aussamen, damit das rumliegt. Baut euch eine kleine Pfütze, wo sie baden können, einen Sandhaufen daneben, wo sie ein Sandbad nehmen können. Habt Nistkästen am Haus oder halt eine Möglichkeit, wo sie unterkriechen können. Seid ein bisschen natürlicher, dann kommen die Spatzen auch. Und das ist halt das, was in Berlin funktioniert. Und wenn die Münchner mal ein bisschen unordentlicher werden würden, dann wird der Spatz auch wieder in die Stadt kommen."

Diana Gevers, Landschaftsökologin

  • "Der Spatz - ein urbaner Überlebenskünstler": am Freitag, 16. Juni 2017, um 9.05 Uhr in radioWissen in Bayern 2.
  • "Der Spatz - ein urbaner Überlebenskünstler": am Donnerstag, 6. Juli 2017, um 15.05 Uhr in radioWissen in Bayern 2.

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