Andy Sheppard, Michel Benita und Sebastian Rochford "Trio Libero"
Eines ist gewiss: Seine Töne gehören zu den feinsten, die man zurzeit von einem Tenor- oder einem Sopransaxophon hören kann. Bei dem Briten Andy Sheppard werden Saxophontöne zu wunderschönen Skulpturen aus Luft. Er formt sie zarter und zugleich ausdrucksvoller als die meisten seiner zeitgenössischen Kollegen. Sie wachsen schillernd aus dem Nichts, schmiegen sich in viele Stimmungsnuancen zwischen Anmut, Glanz und leiser Melancholie, tanzen flinkfüßig und vergehen hauchfein wie ein Schatten, der lautlos verschwindet.
Diese hohe leise Kunst kann man hier in allerbester Klangumgebung genießen: "Trio Libero" heißt die CD - wie das Trio selbst mit Sheppard sowie Michel Benita (Bass) und Sebastian Rochford (Schlagzeug). Und sie versammelt auf 52 Minuten 13 aufregend sensible Stücke. Die sind für Jazzverhältnisse also relativ kurz, aber dafür umso reicher an Stimmungen und Nuancen.
"Tio Libero"heißt "reies Trio" und das meint hier: eines, das sich frei in einer außergewöhnlich lyrischen Sprache des Jazz bewegt. Die meisten haben hinreißend elegante Melodien, die schnell ins Ohr gehen, aber in ihren vielen Finessen weit anspruchsvoller sind, als man aufs erste meinen könnte. Es ist Musik mit Understatement.
Andy Sheppard, geboren 1957 in England, hat eine klassische Vergangenheit und wechselte erst mit 19 zum Jazz. Viele kennen ihn nicht zuletzt aus der Zusammenarbeit mit der Pianistin und Jazz-Komponistin Carla Bley. Michel Benita, geboren 1954 in Algerien, ist eine der renommiertesten Figuren des französischen Jazz seit dreißig Jahren. Und Sebastian Rochford, geboren 1973 in Schottland, gehört zu den kreativen Grenzgängern seines Instruments: Er hat für Popmusiker wie Pete Doherty und David Byrne gearbeitet, aber auch mit Jazzern wie Herbie Hancock. Sein auffälliger Struwwelkopf - mit Haaren, die das Gesicht wie eine riesige ballonförmige Mütze umgeben - ist ein musikalisch stets unberechenbarer.
Andy Sheppard schildert, dass er sich und die beiden anderen Musiker bei der ersten Session einfach mal vier Tage lang in einen Raum gesperrt habe. Was dort aus lauter freien Improvisationen entstand, ist auf dieser CD in verdichteter Form zu hören. Ganz weite Räume tun sich da auf: mit einem klangvoll leisen Schlagzeug, das die Umgebung zu ertasten scheint, mit einem Saxophon, das lauter melodisch ergreifende Geschichten erzählt, und einem Bass, der diese Geschichten in eigenen, höchst raffinierten Worten kommentiert.
Wie die Klänge der drei Instrumente einander umkreisen und dann wieder in unmerklicher Distanz einander zu beobachten scheinen: Das ist ein Kammermusik-Erlebnis erster Güte. Drei, die überhaupt keinen Wind machen: Gelassener - nd zugleich sorgfältiger, präziser - kann man Jazz gar nicht spielen. Luftgebilde und tönende Raum-Skulpturen voller Anmut: Musik, in die man sich hineinbegeben kann, um viele Stunden lang immer neue kleine Schönheiten zu entdecken. Und ganz viele große.
"Trio Libero"
Unter anderem mit "Libertino", "Slip Duty", "I'm Always Chasing Rainbows"
Andy Sheppard (Tenor- und Sopransaxophon)
Michel Benita (Bass)
Sebastian Rochford (Schlagzeug)
Label: ECM

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