Richard Wagner Die Meistersinger von Nürnberg
Welche Stadt außer Sevilla hat schon das Glück im Titel einer weltberühmten Oper vorzukommen? Nürnberg hat es. Das Image der Frankenmetropole in der Welt wird maßgeblich mitgeprägt von Richard Wagners 1868 uraufgeführter komischer Oper Die Meistersinger von Nürnberg. Stolz eröffneten die Nürnberger 1905 ihr neu erbautes Opernhaus mit diesem Stück.
30 Jahre später folgte die Kontamination der "Meistersinger" durch die Vereinnahmung der Nationalsozialisten, die damit ihre Reichsparteitage eröffneten. Seit dem Krieg wurde diese Oper mehrfach in Nürnberg inszeniert. Doch kein Regisseur konnte das Stück auf die Bühne bringen, ohne an seine Rezeptionsgeschichte zu denken, und das in den Inszenierungen auch zu thematisieren. Erst der israelische Theaterregisseur David Mouchtar-Samorai fühlte sich frei von diesen wichtigen Zwängen und inszenierte "Die Meistersinger von Nürnberg" wieder als Komödie einer Sommernacht, in der er sämtliche politischen Deutungen ausblendete. Dass das aufs Schönste funktioniert, davon gibt die Doppel-DVD mit der aktuellen "Meistersinger"-Inszenierung am Staatstheater Nürnberg ein beeindruckendes Zeugnis.
Bilder à la Roy Lichtenstein
David Mouchtar-Samorai zeigt die Komödie einer von Fliederduft geschwängerten Johannisnacht, stimmungsvoll getaucht in blaulila Licht. Bei diesem von Shakespeare und Mendelssohn inspirierten fränkischen Sommernachtstraum gerät selbst die berühmte Prügelszene am Ende des 2. Aufzug zu einem Bacchanal, bei dem sogar ein leibhaftiger Puck auftritt. Der Regisseur und sein Bühnenbildner Heinz Hauser zeigen ein modernes Nürnberg der Kunst mit riesigen Popart-Bildern à la Roy Lichtenstein und verlegen das Geschehen in das Jahr 2006, als auch Nürnberg Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft war. Denn was passt nicht besser zum Sommernachtstraum als das deutsche Sommermärchen? So besteht das Publikum beim Meistersinger-Wettbewerb aus einer ausgelassen tanzenden, schwarz-rot-gold gekleideten Spaßgesellschaft, die zum Public Viewing auf die Festwiese gekommen ist.
Und das Schönste. Sie funktioniert diese unbeschwert heitere Komödie, bei der man viereinhalb Stunden bestens unterhalten wird. Dafür sorgen die ausgefeilt gute Personenregie und auch, dass Mouchtar-Samorai jene Stellen nicht ausblendet, die den Nazis besonders gefallen haben. Dass der pedantische Junggeselle Beckmesser von Wagner antisemitisch gemeint war, wird dezent angedeutet, doch Beckmesser am Ende nach seiner Gesangsblamage wieder in die Gemeinschaft integriert. Und wenn der Volksheld Hans Sachs seinen chauvinistischen Schlussgesang anstimmt, dreht ihm das Partyvolk demonstrativ den Rücken zu, weil es von diesem aggressiven Nationalismus nichts wissen will, und schwenkt demonstrativ Europafähnchen.
Tempo, Schmelz und starke Akzente
Auch musikalisch glänzt diese Produktion. Der neue Nürnberger Generalmusikdirektor Marcus Bosch gibt einen gelungenen Einstand bei der Staatsphilharmonie mit Tempo, Schmelz und starken dynamischen Akzenten. Michaela Maria Mayer glänzt in ihrem Rollendebüt als Eva mit einem jugendlich auftrumpfenden Sopran. Guido Jentjens überzeugt mit seinem warmen Bass als besorgter, an sich selbst zweifelnder Vater Veit Pogner. Bariton Jochen Kupfer singt mit baritonaler Raffinesse und spielt den sich verrennenden Erbsenzähler Beckmesser sehr komisch, ohne zu chargieren. Ein ebenfalls humorvolles Rollendebüt gibt auch Tilman Lichdi als Lehrbub David – der eher als Mozarttenor bekannte Sänger überzeugt mit Humor und Belcanto. Am meisten, ja geradezu frenetisch vom Publikum gefeiert, wird Gastsänger Albert Pesendorfer von der Staatsoper Hannover in der Rolle des Hans Sachs. Pesendorfer singt diese wohl anstrengendste Basspartie der Opernliteratur einfach meisterhaft. Mit charismatischer Bühnenerscheinung, ausdrucksstarker Mimik und Gestik und beindruckend souveräner Stimme in allen Lagen ist er das Kraftzentrum dieser "Meistersinger". So einen Hans Sachs hat man selbst in Bayreuth seit Jahren nicht mehr gehört. Eine rundherum überzeugende Einspielung.
Richard Wagner: Meistersinger von Nürnberg
Albert Pesendorfer, Bass - Hans Sachs
Michaela Maria Mayer, Sopran - Eva
Guido Jentjens, Bass - Veit Pogner
Jochen Kupfer, Bariton - Beckmesser
Tilmann Lichdi, Tenor - Lehrbub David
Chor und Orchester der Staatsphilharmonie Nürnberg
Leitung: Marcus Bosch
Inszenierung: David Mouchtar-Samorai
Label: Coviello Classics

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