Antonio Vivaldi La Porta delle Muse
Der böse Satz von Igor Strawinsky, Antonio Vivaldi habe ein einziges Konzert sechshundertmal komponiert, wird von allen Vivaldi-Verächtern gerne und häufig zitiert. Vergessen wird dabei, wie ungerecht Strawinsky schon deshalb war, weil der Kollege Vivaldi vom Druck und Verkauf seiner 600 Konzerte leben musste, für die er - wenn überhaupt - genau ein einziges Mal bezahlt wurde, während der nicht ungeschickte Geschäftsmann Strawinsky im Zeitalter geschützter Urheberrechte unter Umständen sechshundertmal an einer einzigen Komposition verdienen konnte.
Vivaldi musste komponieren, allein quantitativ in einem unvorstellbaren Ausmaß. Er sei in der Lage, ein Violinkonzert schneller zu komponieren, als ein Kopist es abschreiben könne, meinte er einmal. Hat er deshalb 600 Mal ein einziges Konzert geschrieben? Mitnichten. Vivaldis Concerti können klassisch konventionell beginnen wie das Konzert für zwei Violinen in c-Moll RV 510. Es geht aber auch völlig anders, wie der Anfang des d-Moll-Konzertes RV 128 zeigt: Das lieblich melodische Thema in den ersten Geigen steht den lautenartig gezupften zweiten Geigen gegenüber, Bratschen und Bässe grundieren und kommentieren das mit leisen Seufzern. Oder nehmen wir die langsamen Sätze, etwa den des D-Dur für Streicher RV 125. Nein, das ist durchaus nicht dasselbe wie im langsamen Satz des vorherigen d-Moll-Konzertes.
Differenziert, liebevoll und farbig musiziert
Hört man all dies dann auch noch so differenziert, liebevoll und farbig musiziert wie auf der neuen Vivaldi-CD des exzellenten Originalklangensembles Harmonie Universelle und seiner beiden künstlerischen Leiter Florian Deuter und Mónica Waismann, dann lernt man die überbordende musikalische Fantasie des Antonio Vivaldi endgültig zu schätzen und den melodischen wie rhythmischen Reichtum seiner Musik staunend zu würdigen. Das Ensemble Harmonie Universelle trägt seinen Namen völlig zu Recht. Und das gilt nicht weniger für seine jüngste Veröffentlichung: La Porta delle Muse, heißt die neue Scheibe. Wenn man sie hört, kann man tatsächlich glauben, es öffne sich eine Pforte, hinter der einen jene Musen erwarten, die dereinst Antonio Vivaldi inspirierten.
Einfallsreichtum und Raffinesse
Was sich in seiner Musik an melodischem Einfallsreichtum, an rhythmischer und klangfarblicher Raffinesse findet, ist von faszinierender Vielseitigkeit. Es gehört durchaus ein wenig Ignoranz dazu, all diese Konzerte über einen Kamm zu scheren und dem Venezianer eine quasi industrielle musikalische Serienproduktion am Fließband zu unterstellen. Aber vielleicht hätte Igor Strawinsky ja seinen berühmt berüchtigten Satz auch nie gesagt, wenn er den heutigen Umgang mit Vivaldis Musik durch die historisch informierte Aufführungspraxis hätte erleben und beispielsweise die wunderbare CD von Harmonie Universelle, von Florian Deuter und Mónica Waisman hören können.
Antonio Vivaldi: La Porta delle Muse - Concerti et Sinfonie
Sinfonie für Streicher und Basso continuo D-Dur RV 125
Konzert für 2 Violinen, Streicher und Basso continuo c-Moll RV 510
Konzert für Streicher und Basso continuo d-Moll RV 128
Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo d-Moll RV 246
Konzert für Streicher und Basso continuo F-Dur RV 138
Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo g-Moll RV 330
Konzert für Streicher und Basso continuo g-Moll RV 157
Konzert für 2 Violinen, Streicher und Basso continuo C-Dur RV 508
Florian Deuter und Mónica Waisman (Violinen und Leitung)
Harmonie Universelle
Label: Accent

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