Vellard/Tahiri/Sairam Trialogue
"Allahu akbar" - kraftvoll erschallt der Ruf des Muezzins durch den Raum einer Kirche, hallt nach in der Stille, schwingt sich wieder auf, ruft zur Sammlung, zum Gebet.
Dann eine andere, sanftere Stimme, auf Latein: "Benedicam Dominum", ein gregorianischer Lobgesang, nicht minder reich verziert, mit ausladenden Melismen, die den Geschmack der Unendlichkeit erahnen lassen. Und schließlich eine Frauenstimme, vibrierend, vital, insistierend. Setzt ein mit dem "Om", dem Urklang, der heiligen Silbe der Hindus, und beschwört dann in einem uralten vedischen Text die tausend Namen der "allumfassenden Mutter".
Orientalisierender Schimmer
Drei Stimmen, drei Religionen, drei Kontinente - und doch, trotz aller Unterschiede, gibt es da einen gemeinsamen Urgrund. Verblüffend stimmig wirkt das Programm, dass der Franzose Dominique Vellard zusammen mit der Inderin Aruna Sairam und dem Marokkaner Noureddine Tahiri im wahrsten Wortsinn "komponiert" hat. Seit mehr als 30 Jahren erkundet Vellard, Gesangsprofessor an der Schola Cantorum Basiliensis und Leiter des Ensemble Gilles Binchois, die Musik des Mittelalters. Längst hat er sich von der bloß papiernen Philologie verabschiedet, um zum Kern des Gregorianischen Chorals vorzudringen. Wie wurden diese ursprünglich mündlich, dann durch Neumen überlieferten Melodien gesungen? Den Schlüssel glaubt Vellard im Studium anderer, auch außereuropäischer, aber noch heute lebendiger oraler Traditionen gefunden zu haben. So entwickelte er einen Interpretationsstil, der die mehr als 1000 Jahre alten Antiphonen und Hymnen mit einem leicht orientalisierenden Schimmer versieht. Und so begegnete er auch Aruna Sairam und, etwas später, Noureddine Tahiri.
Oud, Violine, Fidel
Man spürt, dass sich die drei Zeit genommen haben, um dieses Programm zu entwickeln, sich vorgesungen, aufeinander gehört haben. Entstanden ist dann in der burgundischen Kirche Mont-Saint-Jean eine CD, deren Architektur ähnlich perfekt austariert ist wie die Bögen eines Kirchenschiffs. Nach dem unbegleiteten Beginn treten nach und nach die für die jeweilige Kultur typischen Instrumente hinzu: die arabische Oud, die karnatische Violine, die mittelalterliche Fidel. Virelais von Machaut gibt es zu bestaunen, Noubas aus dem maurischen Andalusien und indische Ragas. Und dazwischen auch schon einzelne Stücke, bei denen sich zwei Sänger begegnen - behutsam, respektvoll, ohne sich ins Wort zu fallen.
Dreisprachiges Friedensgebet
Im Zentrum der CD steht dann eine gemeinsame Improvisation aller Instrumente, angeleitet von Baptiste Romain, dem derzeit wohl weltbesten Fidel-Spieler. Schließlich mündet der Weg, der im einstimmigen Gesang begonnen hatte, in ein dreisprachiges Friedensgebet, für das sich alle Interpreten vereinen. Spätestens hier wird deutlich, dass es um mehr geht als um eine rein musikalische Begegnung: Vellard, Sairam und Tahiri beschwören die Utopie des Friedens zwischen Religionen und Kulturen. Hier, im Singen und Aufeinander-Hören, ist sie schon Wirklichkeit geworden.
Trialogue
A Project around South Indian, Moroccan and Medieval European Traditions
Aruna Sairam, Noureddine Tahiri, Dominique Vellard (Gesang)
H.N. Bhaskar (Violine)
Patri Satsh Kumar (Mridangam)
Driss Berrada (Oud)
Baptiste Romain (Fidel)
Keyvan Chemirani (Zarb)
Label: Glossa

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