Franz Schubert Werke für Violine und Klavier
Auch unter den weniger gut bekannten Kammermusikwerken Franz Schuberts finden sich wertvollste Schätze. Dies rücken die aus München stammende Geigerin Carolin Widmann, Jahrgang 1976, und ihr Klavierpartner, der 1960 in Trier geborene Pianist Alexander Lonquich wieder mal mit großer Meisterschaft – und hoffentlich nachhaltig – ins Bewusstsein. Für ihre erste gemeinsame CD, erschienen dieser Tage beim Label ECM, haben sie die Fantasie C-Dur, D 934, das Rondo h-Moll, D 895 und die Sonate A-Dur, D 574 eingespielt.
So gar kein Anflug routinierter Redseligkeit ist in ihren Interpretationen zu spüren. Dies hat sicher auch etwas mit der Tatsache zu tun, dass beide Künstler versiert sind im Umgang mit diffizilsten technischen Problemen der zeitgenössischen Musik. Es ist faszinierend mitzuvollziehen, wie sich die beiden Spieler im Zeichen aufeinander bezogenen Musizierens und unter Wahrung individueller Züge die Bälle zuwerfen und zugleich Raum zum Atmen lassen. Etwa im kernig-konzisen, merklich noch an Beethovens Vorbild orientierten Scherzo der 1817 entstandenen A-Dur Sonate des zwanzigjährigen Schubert. Alle vier Sätze dieses weithin unterschätzten Werkes sind technisch wie musikalisch anspruchsvoll und jener Sphäre der Hausmusik weit entwachsen, welcher die Jahrs zuvor entstandenen drei "Sonatinen" op. 137 angehören.
Schuberts Spätwerke
Noch mehr gilt dies für die beiden anderen Meisterwerke, die in Schuberts letzten Lebensjahren entstanden sind. Caroline Widmanns Geigenton – schlank und doch voller Elektrizität, präsent, nie aber eitel auftrumpfend – rührt zielsicher an alle Aspekte des Wesenskerns dieser Musik. Tieflotend das Andante, das dem spielerisch-hurtigen Hauptsatz des Rondos vorangestellt ist. Es hebt plakativ an, mit wuchtigen, nach Art einer französischen Ouvertüre punktierten Klavierakkorden. Makellose Vierundsechzigstelskalen der Violine überhöhen den extrovertierten Gestus, um alsbald aber einzutauchen in eine geheimnisvolle Welt kantabler Innerlichkeit.
Alexander Lonquich ist ein denkbar sensibler Partner am Klavier, alle Register pianistischer Tongebung stehen ihm zu Gebote. Hochbedeutende Musik: die C-Dur-Fantasie - ein echtes Schubert'sches Spätwerk, das weniger bekannt sein mag als etwa seine Wanderer-Fantasie oder die f-Moll-Fantasie für Klavier zu vier Händen, gewiss aber nicht von weniger Gewicht. Wer die wunderbare Einspielung von Carolin Widmann und Alexander Lonquich wahrhaftig gehört hat und sich dann zwei Wiener Kritikerstimmen zu Gemüte führt, welche über die Uraufführung des Werkes im Jahr 1928, dem Todesjahr Schuberts berichteten, der mag den Impuls verspüren, sich an den Kopf zu fassen:
"Die Fantasie für Pianoforte und Violine, eine Komposition des Hrn. Franz Schubert, dehnte sich etwas zu lang über die Zeit aus, die der Wiener den geistigen Genüssen widmen will. Der Saal wurde allmählich leerer, und Referent gesteht, dass auch er von dem Ausgang dieses Musikstückes nichts zu sagen weiß. ... Die neue Fantasie für Pianoforte und Violine, von Franz Schubert, wollte keineswegs ansprechen. Man könnte darüber füglich das Urteil fällen, der beliebte Tonsetzer habe sich hier geradezu verkomponiert."
(Kritiker, 1928)
Franz Schubert: Kammermusikwerke
Fantasie C-Dur, D 934
Rondo h-Moll, D 895
Sonate A-Dur, D 574
Carolin Widmann (Violine)
Alexander Lonquich (Klavier)
Label: ECM

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