BR-KLASSIK - CD-Tipps

Dimitri Schostakowitsch Orango

Er ist halb Affe, halb Mensch und ein künstliches Produkt eines absurden Experiments, nämlich der Paarung eines Wissenschaftlers mit einem Labortier. Doch kein King-Kong-Verschnitt trampelt als Orango über die Opernbühne, eine gequälte und gedemütigte Kreatur wird von einem schmierigen Showmaster einem fiktiven sensationslüsternen Publikum vorgeführt. Woher aber kommt dieser Orango?

Von: Julia Schölzel Stand: 07.07.2012

Entstanden sind die Skizzen zum Bühnenwerk "Orango" von Dimitri Schostakowitsch im Jahr 1932. Entdeckt wurden sie sensationellerweise erst vor 6 Jahren in einem Moskauer Archiv. Das Sujet geht auf einen Stoff des russischen Science-fiction-Autors Alexei Tolstois zurück und handelt von einem fantastischen Wesen, dessen Aufstieg und Niedergang. Komponiert hat Schostakowitsch diese satirische Tragödie für die heroischen Feiern zum 15. Jahrestag der sowjetischen Revolution. Doch so weit kam es nicht, Schostakowitsch hat seine Arbeit mittendrin abgebrochen. Just nach der Szene, als das Showpublikum mitsamt dem klebrigen Showmaster ein frivoles Trinklied johlt - das Treiben wird zur Farce. Das war wohl zu unpassend für die Verherrlichung sowjetischer Heldentaten. Und in der Tat: am Ende des Librettos sollte Orango  Generalsekretär der kommunistischen Partei werden. Schostakowitsch kontrastierte revueartige Abschnitte mit tiefmelancholischen Szenen, Protestmusik mit Opernpomp. Sein bewährter Witz und Spott blitzt immer wieder auf in dem rund 30-minütigen Prolog, bis in der gleißend-parodistischen Show der Halbaffe Orango als menschlichstes aller Wesen übrigbleibt.

Im Auftrag der Komponistenwitwe orchestrierte Gerard McBurney die 2006 aufgefundenen Klavierskizzen, die Uraufführung dirigiert von Esa-Pekka Salonen fand letzten Dezember unter großem öffentlichen Interesse mit dem Los Angeles Phihharmonic statt. So konnte für diese Ersteinspielung die überzeugende Premierenbesetzung genutzt werden, vorneweg der Bass Ryan McKinny als wuchtig-kolossaler Entertainer. Der agile Tenor Michael Fabiano mimt den aalglatten Zoologen. Plastisch zeichnet Dirigent Salonen die schablonenartigen Szenen nach, subtil gelingen den Sängern und Orchester ironische Sollbrüche, flankiert von beeindruckender kraftvoller Klangopulenz. Insgesamt ergibt sich ein sehr geschmeidiges Bild dieses imponierenden Livemitschnitts, der aber durchaus mehr ätzende Scharfkantigkeit vertragen hätte.

Erschütterndes Testament des stalinistischen Terrors

Die bestürzende Wucht der 4. Symphonie von Schostakowitsch, dessen erschütterndes Testament des stalinistischen Terrors, mit dem zeitnah skizzierten Orango zu kombinieren, folgt sowohl der biographischen als auch der musikalischen Logik. Im Verstummen aller satirischen Experimente kondensiert der Nachhall menschlicher Katastrophen. Auch hier führt Salonen ruhigen Mutes durch die aufrüttelnde Partitur und formuliert Unaussprechliches.  

Dimitri Schostakowitsch: Orango; Symphonie Nr. 4

Los Angeles Philharmonic Orchestra
Leitung: Esa-Pekka Salonen
Label: Deutsche Grammophon


0