BR-KLASSIK

Hans Pfitzner Palestrina

"Ich hörte Hans Pfitzners musikalische Legende 'Palestrina' dreimal bisher, und merkwürdig rasch und leicht ist mir das spröde und kühne Projekt zum vertrauten Besitz geworden. Dies Werk, etwas Letztes und mit Bewusstsein Letztes aus der schopenhauerisch-wagnerischen, der romantischen Sphäre, mit seinen dürerisch-faustischen Wesenszügen, seiner Mischung aus Musik, Pessimismus und Humor, - es gehört durchaus 'zur Sache' - zur Sache dieses Buches."

Autor: Oswald Beaujean Stand: 16.02.2012

Dies schrieb Thomas Mann 1918, und mit diesem Buch waren seine "Betrachtungen eines Unpolitischen" gemeint. Und Mann traf den Nagel auf den Kopf: Schopenhauer, Wagner, Faust - alle geistern sie durch dieses seltsam großartige, tief berührende wie auch polarisierende Hauptwerk Hans Pfitzners. Denn jener Giovanni Pierluigi da Palestrina war für den galligen, scharfzüngigen und deutschtümelnden Pfitzner nicht nur jene historische Figur, dessen "Missa Papae Marcelli" wir angeblich die Rettung der mehrstimmigen Kirchenmusik zu danken haben. Palestrina, daran kann kaum ein zweifel bestehen, ist Hans Pfitzner. Der - ein, man kann es leider nicht anders sagen, Chauvinist, Antisemit und Antidemokrat in der jungen Weimarer Republik - stilisiert sich unverhüllt zum "Retter der Musik", zum wort- und musikmächtigen Streiter wider die "Futuristengefahr", die er selbst in einer polemischen, gegen Furrucio Busoni gerichteten, Schrift beschworen hat.

Spröde, weltabgewandte Schönheit

Gegen die Modernisten beschwor Pfitzner in seinem "Palestrina" noch einmal die deutsche Romantik, mit einem von ihm selbst verfassten Textbuch und einer Musik, die von spröder, weltabgewandter Schönheit erfüllt ist, im zweiten Akt allerdings auch von leicht plakativer "Meistersinger"-Beschwörung. In diesem Konzilsakt mit seinen zerstrittenen, böse karikierten Kardinälen zog Pfitzner gegen die politischen Dilettanten der Weimarer Republik zu Felde, die im Reichstag, der parlamentarischen Schwatzbude, den deutschen Geist zersetzten. Ein streitbares Werk, dieser "Palestrina", wie sein Schöpfer, der sich alsbald heillos in die deutsche Geschichte und leider auch die Weltanschauung der Nationalsozialisten verstricken sollte. Doch "Palestrina" ist fraglos auch ein großes Werk, das noch einmal das romantische Genie beschwor. Bruno Walter, der jüdische Uraufführungsdirigent, liebte es bis zuletzt - und ließ sich in dieser Liebe auch durch Pfitzners Antisemitismus nicht beirren.

Fast jeder Hinsicht brillant

Das Label Oehms Classics setzt mit der Veröffentlichung dieses Live-Mitschnitts aus der Frankfurter Oper vom Juni 2010 seine bewundernswerte Reihe außergewöhnlicher Opernveröffentlichungen der letzten Jahre fort - eines der letzten Labels, die das Wagnis solcher großen Projekte überhaupt noch eingehen, nachdem sich die Majors nahezu vollständig von diesem Feld verabschiedet haben. Die Aufnahme ist in fast jeder Hinsicht brillant, für einen Live-Mitschnitt zumal. Kirill Petrenko führt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester wie den Chor der Oper Frankfurt mit wohltuend zügigen Tempi, enorm spannungsvoll und klanglich wunderbar differenziert durch Pfitzners eigenwillig großartige Partitur. Ohne die romantischen Momente zu unterschlagen oder gar zu beschädigen spürt er unverkennbar und ausgeprägter als die nicht sehr zahlreichen Kollegen, die sich mit der Oper beschäftigt haben, dem kantig Spröden dieser Musik nach. Petrenko zeigt, das Pfitzners Hauptwerk im Uraufführungsjahr 1917 alles andere als Musik von gestern war, man sollte sich diesbezüglich vom Libretto nicht täuschen lassen.

Neue Referenzaufnahme

"Palestrina" ist auch deshalb eher selten auf der Bühne zu erleben, weil kaum ein Opernhaus in der Lage ist, die zahllosen Rollen adäquat zu besetzen. Mag das Ensemble dieses Frankfurter Mitschnitts auch nicht ganz mit der grandiosen Besetzung der Studioproduktion Rafael Kubeliks (Gedda, Fischer-Dieskau, Fassbaender, Donath) aus dem Jahr 1973 mithalten können, so ist die Ensembleleistung der Frankfurter Oper doch schlicht imponierend. Wolfgang Koch ist ein faszinierend präsenter Borromeo - eine großartige Rollengestaltung, durchaus in der Nähe Dietrich Fischer-Dieskaus. Ähnliches gilt für Peter Bronder, der die Titelpartie ungemein intensiv und facettenreich ausleuchtet, mag seine Stimme auch nicht über den Schmelz eines Nicolai Gedda verfügen. Überhaupt ist das 40-köpfige Ensemble ein überragender Beweis für das sängerische Niveau, mit dem die Frankfurter Oper aufwarten kann. Fast vier Jahrzehnte nach Rafael Kubelik legt Kirill Petrenko eine neue, aktuelle Referenzaufnahme einer der widersprüchlichsten, aber gewiss bedeutendsten Opern des frühen 20. Jahrhunderts vor.

Hans Pfitzner: Palestrina

Peter Bronder, Tenor - Palestrina
Britta Stallmeister, Sopran - Ighino
Claudia Mahnke, Mezzosopran - Silla
Wolfgang Koch, Bariton - Borromeo
Johannes Martin Kränzle, Bariton - Morone
Frankfurter Opern- und Museumsorchester
Chor der Oper Frankfurt
Leitung: Kirill Petrenko
Label: Oehms Classics