Keith Jarrett Rio
Und er überrascht einen doch noch. Keith Jarrett, der spektakulärste Solo-Pianist der letzten Jazz-Jahrzehnte, ist hier in einer Aufnahme vom April 2011 aus dem Theatro Municipal in Rio de Janeiro zu hören. Im Booklet-Foto lächelt der Musiker entspannt über eine Espresso-Tasse hinweg. Und ganz offenbar entspricht die Stimmung auf diesem Bild derjenigen, die Jarrett an jenem Abend hatte.
Sonst einer der Übellaune-Meister des Musikbetriebs, der gern auch mal sein Publikum rüde anraunzt, präsentierte er sich hier ausgeglichen wie selten. Und diese Doppel-CD - die einfach nur "Rio" heißt - lässt den Hörer einen Pianisten von überbordender Spiellaune erleben: einen Jarrett voller Intensität, dessen Gastspiel von Stück zu Stück mehr eines zum Schwelgen wurde. Und das denn auch in einer ganzen Reihe von Zugaben mündete.
Diese CD erscheint vierzig Jahre nach Jarretts ersten Aufnahmen als Solo-Künstler bei seinem deutschen Label. Und 36 Jahre nach seiner berühmtesten Platte: dem 1975 eingespielten "Köln Concert", das bisher 3,5 Millionen mal verkauft wurde und damit einen Rekord hält. An diesen Verkaufsrekord wird wohl keine Jarrett-Aufnahme mehr heranreichen. Aber "Rio" hat mehr als die allermeisten Solo-CDs des Pianisten das Zeug zu einem neuen Hit. Sie steckt voller Momente, die zum Wieder- und Wieder-Hören verführen.
Impressionistisch perlende Klang-Wassertropfen
Dabei beginnt dieser Live-Mitschnitt so streng und sperrig wie selten einer. Kantig-expressiv hebt er an, mit massiven, kraftvollen, alles andere als lieblichen Tonfolgen, wird danach suchend-melancholisch - und gibt den Fans erst im dritten Teilstück rhythmischen Zucker. Von da an ist man plötzlich mit Jarrett in einem Spiellust-Höhenflug. Da gibt sich der Pianist ungemein hymnisch über einem pulsierenden Bass, quengelt dabei verzückt im Hintergrund zur Schönheit der Einfälle, findet im nächsten Track ganz zarte lyrische Melodiewendungen, die man auch für Judy Garland oder Barbra Streisand hätte schreiben können, wird danach plötzlich grandios ohrwurmverdächtig wie in einem unentdeckten Beatles-Song, ergeht sich dann wieder in impressionistisch perlenden Klang-Wassertropfen - und lässt schließlich auch noch, tiefgründig und hochvirtuos, ganz wilde Free-Jazz-Wirbel losbrechen. Ständig taucht man mit ihm in neue Welten ein. Mehr Klang- und Stil-Facetten sind bei Klavier-Solospiel kaum möglich. Aber nicht die Vielfalt selbst, sondern die organische Folge, in der sie daherkommt, ist das Starke an dieser Aufnahme. Von Stück zu Stück erlebt man hier eine zwingende Logik. Das jeweils nächste Stück könnte einfach gar nicht anders klingen, ist man versucht zu glauben.
Mitreißend, inspiriert und dramaturgisch rund
Die CD enthält laut Label das komplette Rio-Konzert. Und Jarrett, der betont, dass hier alles improvisiert und nichts vorgeplant gewesen sei, findet dieses Konzert eines seiner besten überhaupt. Seit über zwanzig Jahren hatte er nicht mehr in Lateinamerika gastiert, er habe dort "noch zu tun gehabt" - mit diesem Gastspiel hat er das erfüllt. Und zwar auf eine Weise, dass er selber schwärmt. Zu diesem speziellen musikalischen Ausdruck, so Jarrett, "würde ich nie wieder zurückfinden, kein zweites Mal, auch in keinem anderen Land: nicht in einer anderen Halle oder mit einem anderen Publikum an einem anderen Abend". Man muss nicht alles teilen, was er sagt - aber fest steht: "Rio" ist so mitreißend, so inspiriert und dramaturgisch so rund wie nur die wenigsten Aufnahmen dieses Improvisations-Weltstars. Ob's an der Tasse Kaffee lag, an der guten Laune oder am Spielort selbst, ist da ganz unwichtig. Ein Jarrett fürs Herz und für die Repeat-Funktion.
Keith Jarrett: "Rio"
Keith Jarrett (Klavier)
Label: ECM

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