Inge Brandenburg Sing! Inge, sing!
Ein Sammler blättert auf dem Flohmarkt in einem Fotoalbum - und stößt darin auf Autogrammkarten einer Sängerin, die ihm völlig unbekannt ist. Die Bilder faszinieren ihn - es sind Fotos von Inge Brandenburg, einst in Europa als große Jazzsängerin gefeiert und 1999 im Alter von 70 Jahren gestorben.
Er möchte mehr wissen, ersteht einen Teil ihres Nachlasses - und setzt sich mit dem Filmemacher Marc Boettcher in Verbindung, bekannt durch Dokumentationen über die Unterhaltungsmusik-Welt. Gemeinsam tauchten sie in ein Leben voller Tragik ein - oder, wie es der Jazz-Journalist Marcus Woelfle in einem Nachruf schrieb: "ein Leben voller verpasster Gelegenheiten und unglücklicher Zufälle". Dieses Leben hat Boettcher verfilmt: "Sing! Inge, sing!" wird am 25. Oktober in Berlin Premiere feiern. Doch jetzt schon erschienen ist der Soundtrack dazu: eine CD mit demselben Titel - darauf finden sich 22 Aufnahmen Inge Brandenburgs aus den Jahren 1959 bis 1995.
Und schon die CD allein erzählt eine Geschichte voller Zeitkolorit. Es ist die Geschichte einer hervorragenden Jazz-Interpretin, die daran scheiterte, dass sie nicht auch fürs Schlagergeschäft geschaffen war. 1929 in Leipzig geboren, flüchtete Inge Brandenburg 1949 in den Westen. Die Tochter von Eltern, die beide in Konzentrationslagern ermordet worden waren, war auf sich gestellt und suchte Jobs im amerikanischen Sektor. 1950 sang sie in Augsburg erstmals für amerikanische Soldaten - und feierte Erfolge mit einem Repertoire, das sie bald auf rund 2000 Stücke erweiterte. 1957: Tour durch Schweden, aufgrund begeisterter Reaktionen von vier Wochen auf acht Monate ausgedehnt. 1958: Durchbruch beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt. 1960 wird sie beim Jazzfestival im französischen Antibes zur besten Jazzsängerin Europas" gekürt. Doch der große Erfolg, den sie auf Bühnen hat, stellt sich auf Schallplatte nicht gleichermaßen ein. Inge Brandenburg beginnt, Schlager zu singen - aber sie kann in diesem Metier nicht Fuß fassen, im Unterschied etwa zu Sängerinnen wie Caterina Valente oder später Gitte Haenning, die vom Jazz auf die leichte Muse kamen. Und bald zieht sie sich aus dem Geschäft zurück, absolviert nur noch vereinzelte Auftritte in den Siebzigern und Achtzigern - sowie einen allerletzten im Bayerischen Hof in München 1995 -, führt ansonsten die Hunde von Nachbarn gegen Geld aus, um sich finanziell über Wasser zu halten. 1999 stirbt Inge Brandenburg kurz nach ihrem 70. Geburtstag.
Eine früh vom Leben gezeichnete Stimme
Mit den Stücken der CD kann man diese für Momente glanzvolle, doch darum herum sehr traurige Geschichte musikalisch nach und nach abschreiten. Da sind Klassiker wie "Secret love", "Moonglow", "Cheek to cheek" und "All of me", deren Töne Inge Brandenburg mit fein modulierter Stimme zum Zerschmelzen brachte; da ist die deutsche Übersetzung des Musical-Hits "Over the rainbow", der bei ihr "Wenn du in meinen Träumen" hieß - und den sie trotz sperriger Textfassung verblüffend elegant sang; und da ist nicht zuletzt das Lied "Morgen ist es vielleicht schon zu spät", zu dem Inge Brandenburg selbst den Text geschrieben hat. Darin heißt es, nicht frei von Kitsch, aber mit ergreifend ernstem Untergrund: "Jeder Tag bringt uns glückliche Stunden, doch so mancher, der fühlt sich allein; schon durch Lachen und durch Singen kann man anderen Freude bringen. Morgen kann es dazu schon zu spät sein", und man kann annehmen, dass Inge Brandenburg beim Schreiben des Textes ganz ihr eigenes Leben vor Augen sah. Begleitet wird Inge Brandenburg auf diesen sehr unterschiedlichen Aufnahmen von so berühmten Big Bands wie dem RIAS-Tanzorchester unter Werner Müller, dem Südfunk-Tanzorchester unter Erwin Lehn, dem Orchester Kurt Edelhagen oder auch dem Quartett des noch heute in München lebenden Trompeters Dusko Goykovich. Die Stimme Inge Brandenburgs klingt dabei bei weitem nicht immer gleich. Warm timbriert und von schöner Fülle in manchen frühen Aufnahmen, mit einer Ästhetik, die an eine deutsche Sarah Vaughan erinnern könnte; etwas flacher, fast niedlicher Mitte der Sechziger, mit kratzigen Effekten, die eher der "Cat woman" Eartha Kitt abgelauscht klingen; und von angerauter Zerbrechlichkeit 1971 in ihrem anspruchsvollen Schlagerversuch mit eigenem Text. Gerade dieses späte Stück lädt zum Immer-wieder-Hören - und zum Nachsinnen - ein. Denn diese Aufnahme macht klar, warum Inge Brandenburgs Stimme fürs Schlager- und Show-Geschäft nicht taugte: Sie glitzerte nicht, bot keinen schönen Schein in trällerndem Gefunkel. Es war eine Stimme, die schon sehr früh vom Leben gezeichnet war. Und die gerade heute, in der Rückschau, mehr vom Leben spricht als viele aalglatte andere.
Inge Brandenburg: "Sing! Inge, sing!"
Label: Silver Spot Records

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