BR-KLASSIK

Heinz Holliger dirigiert Bartók, Veress, Dutilleux

Hinter allen drei Stücken dieser CD steht eine außergewöhnliche Persönlichkeit: der Schweizer Dirigent und Mäzen Paul Sacher. Er hat die Werke für Kammerorchester bei Béla Bartók, Sándor Veress und Henri Dutilleux in Auftrag gegeben und Heinz Holliger stellt sie nun in einer fulminanten Einspielung mit dem Orchestre de Chambre de Lausanne und dem ungarischen Pianisten Dénes Várjon beim Schweizer Label Claves gegenüber.

Autor: Meret Forster Stand: 09.02.2012

Der Veress-Schüler, Oboist und Dirigent Heinz Holliger suchte Bartóks "Divertimento" (1939), Veress' Klavierkonzert (1952) und Dutilleux' "Mystère de l'instant" (1989) aus, weil ihm ihre Komponisten aus ganz unterschiedlichen Gründen sehr nahe sind, wie er sagt, und so viel Gemeinsames durch diese drei Stücke geistert. Das liegt an der Besetzung des Basler Kammerorchesters, aber auch an Vorgaben Paul Sachers: Er wollte etwas Schlagzeug dabei haben und nicht allzu viele Streicher.

Dutilleux' apokalyptische Klangwelt

Ganz deutlich wird der Sacher-Bezug im neunten Teil von Dutilleux' "Mystère de l'instant", den "Métamorphoses sur le nom de Sacher". Vieles in diesem Werk ist von Bartóks "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" (1936) beeinflusst, Sachers berühmtester und bedeutendster Auftragskomposition. Auch wenn sich Dutilleux' Stück aus zehn kurzen, unmittelbar aufeinanderfolgenden Momentaufnahmen zusammensetzt, entfaltet sich dennoch ein großer Formbogen. Die Streicherbehandlung und Integration des Schlagzeugs führt zu einer Klanglichkeit, die man normalerweise kaum mit diesen recht traditionellen Instrumenten verbinden würde. Zuletzt mündet die dichte und rhythmisch komplexe Textur in eine wahrlich apokalyptische Klangwelt, einen Ausbruch, der gleissendes Lichtgewebe ausströmen lässt.

Musik in in Schweizer Schutzräumen

Den beiden Stücken von Bartók und Veress ist gemein, dass sie als Musik exilierter ungarischer Komponisten in Schweizer Schutzräumen entstanden sind: Bartók schrieb sein "Divertimento" in fünfzehn Tagen in Paul Sachers Chalet nur zwei Wochen vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, Veress sein Klavierkonzert im Hause des kunstliebenden Ehepaars Müller-Widmann auf dem Basler Bruderholz. Für Bartók ist es der Abschied von seinem bisherigen Leben, er ist wenig später in die USA emigriert, wo er 1945 starb; für Veress, der 1949 in die Schweiz gekommen war und hier bis zu seinem Tod 1992 blieb, ist es eines der ersten Stücke am Anfang eines neuen Lebens. Im Zentrum beider Werke steht ein Klagegesang, der offen Verlust beklagt, auch wenn bei Bartók vorab Tanzcharaktere aufklingen und Veress Klavierkonzert mit lässiger Geste beginnt.

Ungeahnte Zusammenhänge

Den Interpreten Holliger und Várjon liegt das reiche Ausdrucksspektrum dieser Musik offensichtlich nahe. Virtuos, dynamisch reich abgestuft und klanglich unglaublich ausbalanciert bringen sie die Facetten und die emotionale Spannung dieser Musik zu Gehör. So eröffnen sich ungeahnte Zusammenhänge und interessante Dramaturgien. Mit viel Drive und Präzision werden die rhythmisch teils äußerst vertrackten Strukturen stets plastisch, scheinen greif- und nachvollziehbar. Und der zeitliche wie ästhetische Bogen von Bartók bis hin zu Dutilleux ist zwingend und gar nicht mehr weit. Über allem aber dominiert große musikantische Leidenschaft.  

Heinz Holliger dirigiert

Béla Bartók
Divertimento für Streichorchester
Sándor Veress
Konzert für Klavier, Streicher und Schlagzeug
Henri Dutilleux
Mystère de l'instant für Streicher, Cymbalum und Percussion
Dénes Várjon (Klavier)
Orchestre de Chambre de Lausanne
Leitung: Heinz Holliger
Label: Claves / MusikCenter