BR-KLASSIK

Jacob Karlzon 3 Enrico Rava Quintet: "Tribe"

Aus dem dunkel eingefärbten Ton des italienischen Trompeters Enrico Rava kann man Schmerz, aber keinesfalls Larmoyanz, eher wütendes Aufbegehren heraushören, und darin gleicht er seinem frühen Idol Miles Davis.

Autor: Beate Sampson Stand: 17.10.2011

Nachdem er ihn live erlebt hatte, wechselte der 1939 in Triest geborenen Rava von der Posaune, die er in seiner frühen Jugend in einer New Orleans Jazzband spielte, zur Trompete, ging zum Musikstudium nach New York und machte sich ab Mitte der 60er Jahre einen Namen an der Seite amerikanischer Jazzgrößen wie Mal Waldron, Steve Lacy, Lee Konitz, Roswell Rudd, Don Cherry, Carla Bley, Archie Shepp und vielen anderen. Im Free Jazz Idiom und in Avantgarde-Projekten wie Carla Bleys Großwerk "Escalator over the Hill" entwickelte er sein improvisatorisches Vermögen und die klangvolle Expressivität, die bis heute seinen Stil ausmacht.

Von New York aus, wo er mit Unterbrechungen bis 1977 lebte, begann Enrico Rava sich mit eigenen Bands ab den frühen 70er Jahren als herausragende Persönlichkeit des europäischen Jazz zu profilieren. In einem steten Fluss von erstklassigen Produktionen brachte er immer wieder europäische und amerikanische Jazzmusiker zusammen. 1975 nahm er mit einer solchen Allianz seine erste Platte für das Münchner Label ECM auf: "The Pilgrim and the Stars" mit dem amerikanischen Gitarristen John Abercrombie, dem schwedischen Bassisten Palle Danielsson und dem norwegischen Schlagzeuger Jon Christensen. Die Musik: frei flottierend und lyrisch zugleich, in weiten Dramaturgiebögen die offenen Räume zwischen Melancholie und Ausbruch erkundend.

Der hier eingeführten Klang- und Stilästhetik blieb Enrico Rava auf vier weiteren Alben, die er - parallel zu einer Vielzahl weiterer Einspielungen für andere Plattenfirmen - für das Label bis 1986 aufnahm, treu. Er befasste sich mit italienischer Musik: adaptierte Opernarien und Filmmusik für den Jazz, ließ das Melos der norditalienischen Volksmusik in seine Kompositionen einfließen, frönte parallel auch immer wieder dem Jazzrock und widmete sich in Einspielungen mit seinem Trompeterkollegen Paolo Fresu der nordamerikanischen Jazzgeschichte und dem Vermächtnis von Musikerpersönlichkeiten wie Miles Davis oder Chet Baker.

Musikalischer Dialog

Nach siebzehn Jahren Pause nahm Enrico Rava 2003 wieder eine CD für ECM auf, der seitdem sechs weitere gefolgt sind. Neben dem inzwischen zum Jazzstar avancierten Pianisten Stefano Bollani stellte er damals in seiner Band auch den 1975 geborenen Posaunisten Gianluca Petrella vor, mit dem er seit 1997 kontinuierlich zusammenarbeitet. Dieser Musiker ist auch auf dem neuen Album "Tribe" ein - wunderbare Klänge schmiedender und sie im musikalischen Dialog verschmelzender - Partner für Enrico Rava. Für die Rhythmusgruppe hat der Trompeter mit dem Pianisten Giovanni Guidi und dem Bassisten Gabriele Evangelista zwei außerordentliche Talente engagiert, die beide noch keine 25 Jahre alt sind, und komplettiert die Band mit dem erfahrenen Schlagzeuger Fabrizio Sferra.

Wunderbar transparent

Im Zusammenspiel dieses Quintetts fehlt es an nichts. Jeder Impuls sitzt genau an der richtigen Stelle - ob in schwelgerisch, bittersüßen Balladen, in dichten Up-Tempo Rhythmen, die so wunderbar transparent bleiben, in den bluesigen Hymnen an die Melancholie, oder in den lustvoll- skurrilen Abstechern in die musikalische Schräglage, die bisweilen auch unternommen werden.

Mit diesem Album, auf dem Enrico Rava auch einige Kompositionen wieder aufgreift, die er vor 30 Jahren schon einmal veröffentlicht hat - darunter übrigens auch das Titelstück -, setzt der Trompeter auf Kontinuität in seiner lebenslangen, inspirierten Erkundung des schönen Jazzklangs und erfüllt dabei auch das, worauf der CD-Titel "Tribe" - zu deutsch: "Stamm" - hinweist. Er erweist sich ein weiteres Mal in seiner Karriere als weiser und kraftvoller Häuptling eines Stammes junger Musiker.

Enrico Rava Quintet: "Tribe"

Enrico Rava (Trompete)
Gianluca Petrella (Posaune)
Giovanni Guidi (Piano)
Gabriele Evangelista (Bass)
Fabrizio Sferra (Drums)
Label: ECM