BR-KLASSIK

East Drive "Folksongs"

Wenn man diese CD einlegt, um sich an osteuropäischen Volksliedern in Jazzfassungen zu erfreuen - weil die Band "East Drive" heißt und "Folksongs" angekündigt sind -, muss man eine ganze Weile warten, bis diese Erwartung ein einziges Mal erfüllt wird.

Autor: Oswald Beaujean Stand: 16.06.2011

Das vierte Stück auf der CD hält eine, sich aus traumverlorener Kollektivimprovisation heraus schälende, Balladenfassung von "Podmoskovnye Vechera" bereit. Das Stück ist Anfang der 60er Jahre in Westeuropa unter dem Titel "Moscow Nights" zum Hit geworden. Ein Volkslied war es nie. Der linientreue Sowjetkomponist Vasily Solovyov-Sedoi hat es Mitte der 50er Jahre geschrieben und dem Zentralkomitee damit einen "Theme-Song" für viele seiner offiziellen Anlässe beschert.

Imaginierte globale Volksmusiken

Mit dem "East Drive", den die drei jungen Musiker im Namen ihrer Band führen, muss also etwas Anderes gemeint sein - und mit den "Folksongs" auch. Diese erweisen sich als Originale und werden von den beiden kompositorischen Masterminds der Band geschrieben: dem aus dem ukrainischen  Dnepropetrovsk stammenden und in Köln lebenden Gitarristen Vitaliy Zolotov und dem in Karlsruhe aufgewachsenen Schlagzeuger und Perkussionisten Bodek Janke, Spross einer polnisch-russischen Musikerfamilie. Sie schreiben Stücke, in denen globale Volksmusiken imaginiert werden - solche aus Osteuropa, aus Südamerika, aber auch aus Nordindien - und in melodiösen, groove-orientierten Jazz einfließen, dessen "Drive" wahrscheinlich wegen der Herkunft seiner Macher zum "East Drive" wird.

Musikalisches Weltbürgertum wird hier gemeinsam mit dem Bassisten Philipp Bardenberg und der Gastpianistin und Sängerin Olivia Trummer zum Ausdruck gebracht - in Songs, von denen manche acht bis neun Minuten lang sind und bisweilen den Charakter einer Jamsession entwickeln. Zolotov gibt sich dabei als Spieler im Stile der Jazzfusion-Stars Pat Metheny, Lee Ritenour und Robben Ford zu erkennen, sein E-Gitarrensound kommt mit dezenten Effekten aus, sein virtuoses Potenzial stellt er in den Dienst der Songs und lässt es nur ab und an aufblitzen. Der Teil seiner Kompositionen, die er erdig und rau gestaltet, steht in schönem Kontrast zu seinen poetischeren Nummern, deren quicklebendige Themen er in  Unisono- und Harmonielinien mit dem, ohne Texte auskommenden, glasklaren Gesang von Olivia Trummer spielt, deren pianistische Arbeit dem Album auch noch zusätzliche Glanzlichter beschert.

Globales Musikverständnis

Weitere Aspekte eines globalen Musikverständnisses bringt Bodek Janke mit seinen Kompositionen  ins Spiel. Der versierte, weltweit konzertierende Jazzmusiker ist in der klassischen indischen Musik ausgebildet und ein ausgezeichneter Tablaspieler, weswegen auch  Anklänge aus dieser Musikkultur auf dem Album zu hören sind.

Die Vielfalt, die so entsteht, ist beeindruckend, aber manchmal ein wenig disparat. Dann wünscht man sich mehr inneren Zusammenhang zwischen den Stücken, eine homogenere Gesamtdramaturgie des Albums - auch, wenn manche unerwartete Wendung höchst spaßig ist, wie etwa eine, zum spontanen Kasatschok animierende, Gesangeinlage der Band, in der das russische Klischee augenzwinkernd bedient und dann in spannenden Jazz überführt wird.

East Drive feat. Olivia Trummer: "Folksongs"

Vitaliy Zolotov (Gitarren)
Philipp Bardenberg (E-Bass)
Bodek Janke (Schlagzeug, Perkussion, Tabla)
Olivia Trummer (Klavier, Gesang)
Label: Neuklang