BR-KLASSIK

Chick Corea / Stefano Bollani Orvieto

Hier wirbeln und tanzen die Töne nur so. Und das in einer reizvollen Doppelbelichtung. Zwei ganz große Jazzpianisten unterschiedlicher Generationen trafen sich in Orvieto auf der Bühne - beim Festival "Orvieto Jazz Winter 2010" - und ließen Evergreens und Improvisationen einfach auf sich zukommen.

Autor: Roland Spiegel Stand: 28.10.2011

Die beiden Tastenmänner, die das wagten: Chick Corea, geboren 1941, und Stefano Bollani, 31 Jahre jünger. Ein Amerikaner mit spanischen und sizilianischen Vorfahren - und ein Nord-Italiener. Ein Jazzpianist mit langer Geschichte als einer der größten Virtuosen des aktuellen Jazz - und einer der jüngeren internationalen Gipfelstürmer des Genres. Zwei Wuschelköpfe - und zwei Meister gestochen scharfer Töne. Harmonieren sie?  Und wie! "Orvieto" heißt die CD wie der Aufnahmeort. Ein Abenteuer ist auf ihr nachzuerleben - und ein Tastenfest.

Tönendes Zwiegespräch

Große Spieltechnik allein genügt nicht, um so zu musizieren wie diese beiden Jazzer. "Große Ohren" -  wie sie im Booklet-Text der Jüngere dem Älteren attestiert - braucht man dazu schon auch. Und eine spezielle Gabe für Duo-Kombinationen. Chick Corea hat seit Jahrzehnten Duo-Erfahrungen mit anderen Klaviergrößen wie Herbie Hancock, Friedrich Gulda und Gonzalo Rubalcaba gesammelt - und mit hochkarätigen Partnern an anderen Instrumenten, wie Vibraphonist Gary Burton. Und Stefano Bollani hegt ebenfalls eine Vorliebe fürs tönende Zwiegespräch - mit Überfliegern und Erzmusikanten wie den Akkordeonisten Stian Carstensen und Antonello Salis oder Leitfiguren wie dem Trompeter Enrico Rava. Wenn er früher keine großen Ohren hatte, dann sind ihm bei diesen Gelegenheiten welche gewachsen.

Gemeinsame Fabulierkunst

Corea und Bollani: die Begegnung zweier Tasten- und Lauschakrobaten also. Und sie klingt locker und selbstverständlich wie selten andere. In freien Improvisationen tasten sie sich aneinander heran, in Bravourstücken wie Coreas spanisch gefärbtem Klassiker "Armando's Rhumba" und dem Bossa-Nova-Hit "Doralice" überbieten sie sich gegenseitig in rasantem Hochglanz, und in Jazz-Evergreens wie "If I should lose you" und "Darn that dream" zeigen sie, wie themengebunden unaustauschbar ihre gemeinsame Fabulierkunst ist. Hier fliegen zwei nicht nur mit schnellen Tönen auf und davon, sondern bohren auch in musikalische Tiefen. Das gelingt ihnen wunderbar, weil sie sich in Manchem so ähnlich sind - großartiges Timing, Vorliebe für griffige Melodien und prägnante Rhythmen - und dann doch verschieden: Der eine mag's eher spanisch, der andere brasilianisch, der eine liebt gemeißelte Konturen, der andere gewitzt gesetzte Lichtpunkte, der eine ist ein ganz strenger Stilist, der andere ein verrückter, wilder Hund.

Wintermusik

Beides zusammen ist ein Highlight gegenseitiger Inspiration. Keine Proben habe es für diese Duo-Stücke gegeben, nur eine kurze Absprache des Repertoires - und die Passagen mit den freien Improvisationen seien wirklich "frei" gewesen, also nicht einmal vorskizziert, schreibt Corea. Zwei Musiker wie diese finden in solchen Momenten Klänge von innigem Zauber. Wintermusik, mit der einem schnell warm wird.

Chick Corea / Stefano Bollani: "Orvieto"

Chick Corea (Klavier)
Stefano Bollani (Klavier)
Label: ECM