Sofia Gubaidulina Canticle of the Sun
Der Sonnengesang des Hl. Franz von Assisi zählt zu den zentralen Texten des Christentums. Eine Lobpreisung voller Poesie.
Der Sonnengesang ist ein Text des Glaubens und der Mystik - verbunden mit der Aufforderung, ihn nachzusingen. Mit ihrer Komposition "The Canticle of the Sun" ist Sofia Gubaidulina dieser Aufforderung in der ihr eigenen Tonsprache nachgekommen.
"Gelobt seist Du, Herr,
mit allen Wesen, die Du geschaffen,
der edlen Herrin vor allem, Schwester Sonne,
die uns den Tag heraufführt und Licht
mit ihren Strahlen, die Schöne, spendet;
Gar prächtig in mächtigem Glanze:
Dein Gleichnis ist sie, Erhabener."
Hl. Franz von Assisi
1997 widmete Gubaidulina ihr Werk dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch zu dessen 70. Geburtstag. Daher hat sie auch dem Cello die Rolle der wichtigsten Solostimme zugedacht. Ein gewichtiger Part, der sich nicht in lobpreisenden Kantilenen erschöpft, sondern der auch die Reflexion der franziskanischen Texte zu übernehmen scheint. Sogar das Grübeln über den Zustand der Schöpfung Gottes heute meint man herauszuhören und die Trauer darüber, wie die Menschen mit ihr umgehen. Die zweite Hauptrolle ist den Perkussionsinstrumenten zugedacht, die dem Werk Struktur und Dramatik verleihen. Den Text schließlich bringt der Chor ein, dessen Ausdrucksspektrum von sphärischen Harmonien über psalmodierende Passagen bis zum deklamatorischen Sprechgesang reicht.
Sofia Gubaidulinas "Sonnengesang" ist ein komplexes Werk voller Kraft und Tiefe, die Tonsprache polystilistisch. Kein "einfaches", eingängiges Werk. Man muß sich einhören und bereit sein, einzutauchen in den archaischen Klangkosmos dieser Komposition. Schade in diesem Zusammenhang: dass der Text im Begleitheft zur CD nur in italienischer und englischer Sprache abgedruckt ist.
Das musikalische Niveau dieser Einspielung - entstanden 2010 beim Lockenhaus Festival - ist ausgezeichnet. Der junge Cellist Nicolas Altstaedt überzeugt durch sein facettenreiches Spiel, und der Kammerchor "Kamer..." aus Riga weiß mit großer Sicherheit und Wendigkeit mit den ständig wechselnden Anforderungen an Ausdruck und Stimmung umzugehen.
Als Eingangswerk findet sich auf dieser CD übrigens noch ein Mitschnitt vom Lockenhaus Festival 2006 mit Gidon Kremer und der Kremerata Baltica: die Komposition "Die Leier des Orpheus. Ein spannendes Experiment, bei dem Sofia Gubaidulina unter anderem mit musikalischen und mathematischen Ton- und Zahlenverhältnissen spielt. - "Canticle oft he Sun" - eine sehr empfehlenswerte CD für "Kopf-Hörer".
Sofia Gubaidulina: Canticle of the Sun
Gidon Kremer, Violine
Marta Sudraba und Nicolas Altstaedt, Violoncello
Andrei Pushkarev und Rihards Zalupe, Percussion
Rostislav Krimer, Celesta
The Kremerata Baltica
Chamber Choir Kamēr…
Leitung: Māris Sirmais
Label: ECM New Series

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