Das Amaryllis Quartett spielt Streichquartette von Haydn und Webern
Nirgendwo im gegenwärtigen Konzertleben klafft die Altersstruktur zwischen Publikum und Musikern so weit auseinander wie in der Kammermusik. Während das Durchschnittsalter der Hörerschaft im Saal beharrlich und bedrohlich ansteigt, sitzen vorn auf der Bühne immer mehr erstklassige junge Ensembles.
Vor allem bei den Streichquartetten ist in den letzten Jahren ein regelrechter Frühling ausgebrochen. Einige, darunter das Jerusalem- und das Ebène Quartett, zählen bereits zu den absoluten Spitzenensembles, die auch mit den ganz großen Namen der Vergangenheit keinen Vergleich scheuen müssen. Dicht auf den Fersen folgt ihnen eine Generation noch relativ unbekannter Quartette, die auf ihren ersten CDs ein bemerkenswert hohes Niveau erreichen und große Hoffnungen wecken. Da wären etwa das Minetti Quartett aus Österreich, das Apollon Musagète Quartett aus Polen, Meta-Four aus Finnland und das Modigliani Quartett aus Frankreich. Die Reihe könnte man leicht fortsetzen. Zum Beispiel mit dem Amaryllis Quartett.
Schlüssige Programmzusammenstellung
Beim Premio Borciani und beim Kammermusikwettbewerb in Melbourne erhielt das junge Ensemble (die Musiker sind Ende 20, Anfang 30) in diesem Jahr zwei angesehene Preise. Auch die Namen seiner Lehrer sind überaus klangvoll: das Alban Berg Quartett und Walter Levin, der legendäre Quartett-Erzieher und ehemalige Primarius des LaSalle-Quartetts. Ihm ist die neue CD des Amaryllis Quartetts (es ist bereits seine zweite) auch gewidmet. Die Programmzusammenstellung trägt unverkennbar Levins Handschrift: Je ein bekanntes und ein unbekanntes Werk Joseph Haydns umrahmen die Fünf Sätze op. 5 von Anton Webern. Das LaSalle-Quartett hatte mit seiner Gesamteinspielung aller Streichquartette der Wiener Schule Pionierarbeit geleistet. Walter Levin hat sein Wissen um diese großartige Musik an die jüngere Generation weitergeben und, was noch wichtiger ist, auch seine Begeisterung.
Die Fünf Sätze zeigen Anton Webern auf einem konsequenten Weg nach innen. Die Tonalität hat er bereits hinter sich gelassen, die Formen werden immer knapper, der Ausdruck konzentriert sich in wenigen Tönen. Aber noch gibt es Erinnerungen an die Tradition der Klassik, etwa an die Sonatenform, die Joseph Haydn einst maßgeblich in seinen Streichquartetten entwickelt hatte.
Konturiert, rhythmisch prägnant, strukturbewusst
Beide Komponisten seien überaus klar in ihrer musikalischen Sprache, sagen die Musiker des Amaryllis Quartetts - und so spielen sie auch: konturiert, rhythmisch prägnant, strukturbewusst. Unnötige Sentimentalitäten haben die Vier nicht nötig: Der Vibratoeinsatz ist differenziert, die Tempi angenehm straff, dabei nicht unflexibel. In ihrer jeweils sehr klaren Sprache formulieren beide Komponisten allerdings auch Vieldeutiges und Traumhaftes: Bei Webern sind es geflüsterte, schattenhafte Melodien, bei Haydn, im langsamen Satz von op. 50 Nr. 5, unwirklich schwebende Akkord-Ketten. Nach diesem wunderbaren Poco Adagio erhielt das viel zu selten gespielte Werk seinen Beinamen "Der Traum", der ebenso gut zu Weberns Fünf Sätzen passt - auch insofern eine reizvolle Zusammenstellung.
Dass man sich den Quartettklang noch runder, noch auratischer vorstellen könnte, dass der Haydn manchmal etwas scharf, der Webern stellenweise etwas trocken klingt, mag auch an der nicht ganz optimalen Aufnahmetechnik liegen. Trotz dieses kleinen Einwands: eine überzeugende CD und ein Name, den man sich merken sollte.
Haydn und Webern: Streichquartette
Joseph Haydn:
Streichquartett op. 50 Nr. 5 "Der Traum"
Streichquartett op. 74 Nr. 3 "Reiterquartett"
Anton Webern:
Fünf Sätze für Streichquartett op. 5
Amaryllis Quartett
Label: Genuin

Wetter

