BR-KLASSIK

Jonathan Harvey Bird Concerto with Pianosong

Vogelgezwitscher aus Kalifornien und tibetische Tempelhörner, alte europäische Formmodelle und elektronische Loops - einen weiten Bogen spannt diese kontrastreiche CD mit Musik von Jonathan Harvey.

Autor: Thorsten Preuß Stand: 03.02.2012

Noch immer gehört Jonathan Harvey hierzulande zu den großen Unbekannten der Neuen Musik. Dabei ist der 72jährige Brite einer der interessantesten Komponisten der Gegenwart. Opern und Orchestermusik hat er geschrieben, Streichquartette und zahlreiche Chorwerke. Zu seinen spannendsten Arbeiten aber zählen jene Stücke, die mit den Mitteln der Elektronik arbeiten (und für die er 2007 mit dem renommierten Giga-Hertz-Preis ausgezeichnet wurde).

Neue Techniken sind für Harvey dabei niemals Selbstzweck: Seit er 1980 am Pariser IRCAM für sein epochales Tonbandstück "Mortuos plango, vivos voco" die Stimme seines Sohns mit dem Glockenklang der Winchester Cathedral verschmelzen ließ, hat er die Elektronik als Medium spiritueller Erkenntnis für sich entdeckt. "Elektronik macht die Musik vieldeutig, fließend, durchlässig. Alles kann sich in alles verwandeln", erklärt der Komponist, der von seinen anglikanischen Wurzeln ebenso geprägt wurde wie von hinduistischen oder buddhistischen Meditationspraktiken. "Die spirituelle Qualität der Elektronik erscheint mir ganz offensichtlich."

Das lässt sich - auf ganz unterschiedliche, immer aber faszinierende Weise - den drei Werken anhören, die auf dieser CD versammelt sind. Sie alle - vom fünfminütigen Solostück bis zum halbstündigen Klavierkonzert - arbeiten mit Live-Elektronik. Das Werk, in dem Harvey diese Technik zum ersten Mal erprobte, "Ricercare una melodia" von 1984, ist sogar in zwei Versionen vertreten, einmal für Oboe, einmal für Violoncello. Der Titel spielt nicht nur auf die barocke Fugentechnik an, sondern versteht das "Ricercare" im wörtlichen Sinn zugleich als "Suche", in diesem Fall nach einer Melodie, die selbst tonale Anklänge nicht scheut. Es ist, als käme die Musik hier nach nervösem Herumtasten zu Beginn nach und nach zur Ruhe, zu sich selbst.

Kraftvolle, erdige Klänge

In "Other Presences", 2006 für den Trompeter Markus Stockhausen komponiert, lassen der Solist auf dem Podium und die elektronisch manipulierten Playback-Klänge aus den Lautsprechern an den Dualismus von sichtbarer und unsichtbarer Welt denken. Beeindruckend, wie Harvey hier gleich zu Beginn die wilden, kraftvollen, erdigen Klänge tibetischer Hörner heraufbeschwört, die er zuvor bei einem Reinigungsritual in einem buddhistischen Kloster kennengelernt hatte.

Im Kontrast dazu schlägt das Hauptwerk dieser CD eher lyrische Töne an. Vor einem über weite Strecken zurückhaltenden Orchesterhintergrund tritt hier das Klavier in einen Dialog mit den Stimmen von 40 Vögeln, die Harvey in Kalifornien gesammelt und gesampelt hat. "Bird Concerto with Pianosong" heißt das Stück, also eben gerade nicht "Klavierkonzert mit Vogelgesang": Natur und Kultur treten in einen gleichberechtigten Dialog, Rollenerwartungen werden im Verlauf der kurzweiligen halben Stunde (mit Reminiszenzen an die Konzertform, etwa durch eine wiederholte Exposition) durchkreuzt und in Frage gestellt. Das Klavier zwitschert fröhlich in den höchsten Tönen, während die Vögel (dank Synthesizer) zu wahren Riesen heranwachsen, ihre Gesänge auf menschliche Dimensionen gedehnt werden.

Vögel - die Musikanten Gottes

Es ist ein überaus lichtes Stück, zugleich eine Hommage an Olivier Messiaen, für den die Vögel bekanntlich die Musikanten Gottes waren. Dass - trotz des kompositorischen Anspruchs, trotz der avancierten Klangsprache - der Zugang zu dieser Art von "Neuer Musik" nicht schwer fällt, liegt vielleicht auch an Harveys Credo, demzufolge Musik "niemals neutral, sondern immer menschlich" sei - sie trage immer auch "eine Botschaft des Komponisten."

Jonathan Harvey: Bird Concerto with Pianosong

Bird Concerto with Pianosong
Ricercare una melodia
Other Presences
Gareth Hulse (Oboe)
Paul Archibald (Trompete)
Tim Gill (Violoncello)
Hidéki Nagano (Klavier)
London Sinfonietta
Leitung: David Atherton
Label: NMC