Wieler, Morabito, Schaefer "Oper - ein Bilder-Lese-Buch"
Sie gelten vielen Musikfreunden als Dream-Team der Oper: die Regisseure Jossi Wieler und Sergio Morabito sowie die Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock. Nun ist ein Buch über sie erschienen - mit Fotografien von A.T. Schaefer.
Mozarts Opern-Figuren Don Giovanni, Vitellia, Osmin, und die Königin der Nacht oder auch Strauss' Elektra - Rätselgestalten allesamt, Ausgestoßene, nicht Integrierbare. Sie sind es, die die Regisseure Sergio Morabito und Jossi Wieler interessieren. Figuren, die Systeme und Konventionen in Frage stellen. Figuren, die gefährlich sind für die Gesellschaft, in der sie leben.
Welten prallten aufeinander
Um sie herum erzählen Wieler und Morabito ihre Geschichten. Geschichten, die sie gemeinsam erarbeiten. Die Geschichte dieser Zusammenarbeit erzählt dieses Buch - in Bildern, in Werkanalysen und in abgedruckten Gesprächen. Morabito hat Wieler, der vom Sprechtheater kam, zur Oper gebracht. Da prallten Welten aufeinander, wie Morabito erzählt:
"Da wir von völlig unterschiedlichen Erfahrungen geprägt waren, war es offen, ob wir zu einer gemeinsamen Sprache finden würden. Aber eine von Jossis großen Fähigkeiten ist die für ihn selbstverständliche Bereitschaft, sich seinen Partnern zu stellen, sich ihnen auszusetzen – auch schwierigen Partnern."
Sergio Morabito
Viebrock vermittelte
Die Kostümbildnerin Anna Viebrock hat zwischen den beiden ungleichen Partnern vermittelt - und sie hat auch 1994 den Anstoß gegeben für die erste gemeinsame Arbeit. Viebrock arbeitet oft mit Fotos, präsentiert Bilder als erste Idee zur Inszenierung. Ein Arbeiten mit Assoziationen, auf das sich Morabito erst einlassen musste:
"Man versucht, diese Bilder in einen Bezug zu setzen zu dem, was man gelesen hat; mit Hilfe dieser Fotos das Stück zu lesen und zu schauen, ob sie helfen können, das Stück zu verstehen."
Sergio Morabito
Der Moment, in dem das erste Bild gefunden ist, ist die immer wiederkehrende Schlüsselsituation in der Zusammenarbeit der Drei. In Mozarts "Titus" war das die Fotografie aus einem italienischen Modeatelier der 40er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Und so stand ein Hochzeitskleid im Mittelpunkt der Inszenierung, das laufend umgearbeitet werden musste, um es der immer wieder neuen Heiratskandidatin anzupassen.
"Figuren von innen heraus begreifen"
In sämtlichen Arbeiten von Jossi Wieler und Sergio Morabito geht die Analyse des musikalischen Materials einher mit einer Analyse der gesellschaftlichen Voraussetzungen des Werks und mit philosophischen Implikationen. Es kostet ein wenig Mühe, sich als Leser, als Opernbesucher für diese Verflechtungen zu öffnen, aber es lohnt sich, sich einzulassen auf eine Sichtweise, die sich unter die Oberfläche gräbt:
"Bei Jossi gibt es eine gewisse Gnadenlosigkeit in der Analyse (…) Er sperrt sich mit großer Konsequenz dagegen, Dinge auf Effekt hin zu arrangieren. Es geht ihm darum, (…) die Figuren von innen heraus zu begreifen, (…) immer wieder die Vorgänge daraufhin abzuklopfen, ob der gefundene Weg für die Figuren wirklich stimmt - oder ob man nur ein bestimmtes theatralisches Klischee reproduziert."
Sergio Morabito
Genau das wurde in der Rezeption der Arbeiten durch Publikum und Kritiker anfangs, also zu Beginn der 90er-Jahre, nicht wahrgenommen. Genauigkeit und Differenziertheit waren nicht gefragt. Die großen, schönen Bilder sollten es sein. Wieler und Viebrock unterlaufen diese stilistische Überhöhung - und erschließen der Opernbühne etwas, was dem Sprechtheater vorbehalten war: die alltägliche Poesie der Prosa, wie es Morabito formuliert.
Zwei Welten verschwimmen
Buch-Info
Jossi Wieler, Sergio Morabito, A.T. Schaefer: "Oper - ein Bilder-Lese-Buch".
Erschienen im B. Kühlen Verlag. 184 Seiten, 39 Euro
Das führt uns zu den Bildern, die die ersten gut 100 der 180 Seiten dieses opulenten Bilder-Lese-Buchs einnehmen: Eindrückliche Momentaufnahmen, wie die schwarz gewandete Vitellia vor der Vitrine mit dem weißen Hochzeitskleid, und sprechende Tableaus, wie die Don Giovanni-Bühne als dreifach abgestufter, braun tapezierter Schlafzimmer-Alptraum. Hier vermittelt ein Bild ganz viel vom Leben, das sich in der jeweiligen Szene abspielt.
Und dann blättert man eine Doppelseite auf und sieht eine Frau, die in einer Kirche, beobachtet von zwei Geistlichen, eine Kerze anzündet: Und da ist sie dann plötzlich, die "alltägliche Poesie der Prosa" mitten in Christoph Willibald Glucks "Alceste" - die als bildlich festgehaltener Opern-Augenblick befremdlich wirkt in ihrer Alltäglichkeit. Da verschwimmen zwei Welten - die der Bühne und die des Zuschauers. Dieses Buch über die Opernwelt von Jossi Wieler und Sergio Morabito ist ein schönes Buch, ein anregendes Buch, ein kluges Buch. Zum Lesen - und zum Schauen.

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