Buchtipp "Der kleine Wagnerianer"
16 Stunden Musik, vier Abende: Sie haben Wagners Ring schon oft gesehen und blicken immer noch nicht ganz durch - durch die Intrigen, Vertragsbrüche, Schwüre und Diebstähle? Dann ist dieses Buch genau das Richtige!
Meistens hilft auch die Inhaltsangabe nicht weiter: zu kompliziert, zu viel Mischmasch aus Erzählung, Verheißung und grauer Vorgeschichte. Es sei denn, sie kommt so klar, heiter und lakonisch daher wie bei Regine Müller und Enrik Lauer.
"Ein sichtlich abgehetzter Krieger sinkt nach einem hörbar abgehetzten Vorspiel in einem fremden Hause nieder. Wie fast immer bei Wagner wissen wir weder, wer er ist, noch, was er hier zu suchen hat. Der Fremde, so erfahren wir, hat im Kampf seine Waffen verloren. Überhaupt liegt er ständig mit aller Welt im Streit."
Der kleine Wagnerianer, Die Walküre zusammengefasst
Für Anfänger und Fortgeschrittene geeignet
Schon allein die Inhaltsangaben (Kapitelüberschrift: "Was gibt's zu sehen?") machen Regine Müllers und Enrik Lauers "Kleinen Wagnerianer" lesenswert, sind weit weg von monotonen Nacherzählungen, vielmehr die perfekte Mischung aus stringenter Geschichte, psychologisierender Deutung und akustischem Leitfaden. Der Kenner fühlt sich bestätigt, erinnert, auf eine neue Idee gebracht, der Neuling nicht überfordert. Und der, der sich vor Vorbehalten gegen Wagner und seine Opern gar nicht genug echauffieren kann, findet ebenfalls Gehör.
"Was bei Wagner durchaus häufiger nervt, das nervt im Lohengrin ganz besonders: Deutschtümelei, Männlichkeitskult, Aufmärsche, Huldigungschöre. Wagner neigt zu libertären Einsichten - und zu autoritären Ritualen."
Der kleine Wagnerianer, Ausschnitt
Warum Wagner funktioniert
Die Autoren versuchen angenehmerweise nichts zu retten, wo nichts zu retten ist. Und bleiben - das ist das größte Verdienst ihres amüsanten und unglaublich informativen Wagner-Handbuchs - nicht stehen: beim beliebten "bashing", bei alten Gräben und längst gefochtenen Gefechten. Sondern erklären vielmehr - auch hier: kurz, präzise, modern und wo immer möglich heiter - warum Wagners Musikdramen funktionieren. Warum der Fan zu Recht schwelgt, und sich dem Anti-Fan zu Recht die Nackenhaare sträuben. Warum es sich aber für beide lohnt, trotzdem genau hinzuhören und zu schauen. Etwa beim Lohengrin, der Individual- und Kollektivneurosen erbarmungslos ausstelle, des Volkes "Angstlust" entlarve.
"Gegen den Strich seiner propagandistischen Tendenzen gelesen, wird der Lohengrin daher zur deutschesten Oper Wagners in einem radikal aufklärerischen Sinne: zu einer Psychoanalyse unserer historischen Albträume."
Der kleine Wagnerianer, Ausschnitt
Oder in der Götterdämmerung, wo Wagner mit dem Trauermarsch "das infame Mirakel gelingt, dass sich seine Hörer am Dröhnen von Angst und Tod berauschen." So lassen sich die eigenen Lüste und die eigenen Bauchschmerzen bei der unweigerlichen Vereinnahmung durch Wagners Musik besser verstehen, besser aushalten. Ein Stück Versöhnung, ein Stück innere Aufklärung.
Fazit
Einziges kleines Manko des Buchs: die Exkurse zum Thema Kleiderordnung, Wagner-Witze und Pausenordnung. Die sind schlicht lau und Überlegungen von gestern. Das sei dem Autoren-Duo Müller/Lauer aber ebenso kulant verziehen, wie die Behauptung, Zeitungen und Radiosender setzten vermehrt auf Affirmation statt auf Kritik. Eine Stichprobe hätte hier ergebniskorrigierend gewirkt. Ansonsten läßt sich zusammenfassen: "Der kleine Wagnerianer" ist ganz große Oper!
Buchinfo
"Der kleine Wagnerianer"
Autoren:
Enrik Lauer / Regine Müller
261 Seiten
17,95 Euro
Erschienen: 21.01.2013
Verlag: C.H.Beck

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