BR-KLASSIK - Buch-Tipps

Vesselina Kasarova "Ich singe mit Leib und Seele"

Seit fast 20 Jahren ist die Mezzosopranistin Vesselina Kasarova eine der führenden Sängerinnen unserer Zeit – jetzt ist eine Art Biografie erschienen: in Form von Gesprächen, die die Journalistin Marianne Zelger-Vogt mit Vesselina Kasarova geführt hat.

Von: Michael Atzinger Stand: 27.03.2012

Sopran, nein, Sopran wollte sie eigentlich nie sein:

"Ich empfinde die Mezzo-Rollen oft als die spannenderen, interessanteren, sie sind nicht primär die Liebenden und Leidenden, die Opfer und Sympathieträgerinnen, sondern eher die gebrochenen, zwiespältigen Charaktere."

Vesselina Kasarova

Nachdenkliche Interviewpartnerin

Man kennt Vesselina Kasarova als nachdenkliche, sehr reflektiert und fast vorsichtig formulierende Gesprächspartnerin. Dieser Ton bestimmt auch von der ersten Seite an die schriftlich fixierten Interviews, die den Großteil dieses Buchs ausmachen. Vorsicht begleitet sie seit Beginn ihrer Karriere, als man ihr, der vermeintlich dramatischen slawischen Stimme, immer wieder zu schwere Rollen anbot. Angebote, die sie ablehnte – um ihre Stimme nicht zu gefährden. Die politische Wende öffnet ihr 1989 den Weg in den Westen – und in die Welt Mozarts, Rossinis und Donizettis. Eine Platte mit Aufnahmen Giulietta Simionatos wird für die junge Bulgarin zur Offenbarung:

"Da hörte ich zum ersten Mal eine Mezzostimme, die nicht künstlich verdunkelt war und die auch mühelos über die hohen Register verfügte. Wenn man die Stimme in der Tiefe dunkler macht, also ‚verbreitert‘, leidet die Höhe. Und umgekehrt: Wenn man die Stimme nach oben zwingt, geht dies zulasten der Tiefe."

Vesselina Kasarova

Eine Künstlerin braucht Persönlichkeit

Eine Künstlerin mit Profil: Vesselina Kasarova

Vesselina Kasarova argumentiert in den aufgezeichneten Gesprächen klug – und immer künstlerisch. Schubladendenken ist ihr ebenso fremd wie falsch verstandene Authentizität. Das Frage- und Antwort-Spiel in diesem Buch ist kein beliebiges Sammelsurium, sondern wird geschickt in elf Kapiteln gebündelt: "Die Stimme finden", "Selbstbestimmung und Fremdbestimmung", "Das Leben als Star" – die Kasarova hat viel zu sagen. Und hält mit Kritik nicht hinterm Berg:

"Wenn ich neue Aufnahmen im Radio höre, kann ich die Stimmen oft nicht identifizieren, weil sie alle ähnlich klingen."

Vesselina Kasarova

Persönlichkeit – dieses Wort fällt immer wieder. Persönlichkeit, Unverwechselbarkeit. Und der Mut, persönlich und unverwechselbar zu werden. Wenn es sein muss, auch gegen den Regisseur.

Chronologischer Abriss über Lebensstationen

Wichtiger Impulsgeber für Vesselina Kasarowa: Nikolaus Harnoncourt

Ein sehr sorgfältig recherchierter und formulierter 50-seitiger Anhang rekapituliert die Stationen dieser Weltkarriere, listet die Debüts und die Diskografie auf. Traumhaft schöne Bühnenfotos machen diese "dialogische" Biografie auch zu einem optischen Vergnügen. Und man sieht: diese so uneitle Künstlerin hat tausend Gesichter. Und man erkennt ihr künstlerisches Credo, das ihr der Dirigent Nikolaus Harnoncourt mitgegeben hat: "Singe nicht einfach Töne. Erzähle eine Geschichte."

Buch-Infos

Vesselina Kasarova: "Ich singe mit Leib und Seele"
Über die Kunst, Sängerin zu sein Gespräche mit Marianne Zelger-Vogt

Bärenreiter-Verlag
217 Seiten, gebunden
24,95 Euro


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