Explosion der Leidenschaften Telemann rockt
Georg Philipp Telemanns einzige erhaltenen Opera seria: so gut wie unbekannt. Dabei ist der „Flavius Bertaridus“ ein Meisterwerk, wie Alessandro de Marchi und seine Musiker beweisen.
Wenn ein Komponist im Laufe eines langen Lebens geschätzte 3.600 Werke schrieb und dabei nahezu alle Genres bediente, dann verwundert es eigentlich nicht, wenn zu diesem gigantischen Output auch einige Opern gehören. Einige? Allein über vierzig Opern hat Georg Philipp Telemann für die Hamburgische Oper am Gänsemarkt komponiert, von seinen Opern für andere Auftraggeber mal ganz zu schweigen. Nur ein Bruchteil davon ist erhalten geblieben, einige mag man noch dem Namen nach kennen, "Der geduldige Sokrates" oder "Pimpione" etwa, aber wer hat schon einmal Gelegenheit gehabt, eine wirklich zu hören?
Umso größer die Neugier bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2011, denn da stand eine Oper Telemanns auf dem Programm, noch dazu eine, von deren Existenz nur die Experten wirklich gewußt haben dürften. Dabei handelt es sich bei "Flavius Bertaridus, König der Langobarden", uraufgeführt 1729 eben in Hamburg, um eines von Telemanns ehrgeizigsten Opern-Projekten, nämlich seine einzige erhaltene Oper auf ein durchgehend ernstes Libretto, also seine einzige wirkliche Opera seria. Ein Wagnis seinerzeit, denn die Hamburger Kaufleute bevorzugten zur Ablenkung von Rechenbrett, Kontor und Lagerhaus eigentlich Stücke mit wenigstens einem komödiantisch-klamaukigen Handlungsstrang. Hier nun aber eine Tragödie über den Langobardenkönig Flavius Bertaridus, der nur nach vielen Schicksalsschlägen und gegen abgefeimte Intrigen am Ende seinen Thron von dem tyrannischen Usurpator Grimoaldus zurückgewinnen kann. Diverse Nebenhandlungen, die zeittypischen Ränkespiele und komplizierten Liebesgeschichten, bringen das Stück auf satte über fünf Stunden Aufführungsdauer. Was in Innsbruck die Zuschauer nicht daran hinderte, einhellig hingerissen zu sein. Süffige Chöre, funkelnde Rezitative und Arien, Arien, Arien, eine schöner als die andere: In der pointierten Regie von Jens Daniel Herzog und unter der musikalischen Leitung von Alessandro de Marchi offenbarte sich der "Flavius Bertaridus" als ein Meisterwerk. Entscheidenden Anteil daran hatte de Marchis Orchester, das italienische Originalklang-Ensemble Academia Montis Regalis, dem de Marchi Telemanns Partitur mit maximalem Farbenreichtum auf den Leib arrangierte: Da zwitscherten die Sopranino-Blockflöten, schluchzte das Chalumeau, träumte das Solo-Cello vor sich hin, knurrte das Kontrafagott, da glitzerten und schimmerten im Continuo Gitarre und Harfe, da explodierten die Leidenschaften und Sehnsüchte, daß es alles eine wahre spätbarocke Pracht war. Wie phantasie- und geschmackvoll dabei de Marchi einrichtend und dirigierend zu Werke ging, und mit welcher Spiel- und Sangeslust und welcher Sensibilität seine Musiker ihm darin folgten, davon legt diese im Umfeld dieses Alte-Musik-Ereignisses entstandene Produktion eindrucksvoll Zeugnis ab.
Auf das Konto der Produktionsumstände und des partiellen Live-Charakters der Einspielung mag die eine oder andere klangliche Imbalance gehen, und sängerisch mag man sich trotz durchgehend hohen Niveaus für die eine oder andere Partie eine noch idealere Besetzung vorstellen können, auch eine geschliffenere Aussprache des Deutschen, aber die Entdeckung selbst und die musikantische Spiellust und Subtilität der Beteiligten machen alles wett. Das ist wirklich Telemann? Ja, es ist. Ein echtes Fundstück für alle Freunde der Barockoper, und für alle Telemann-Liebhaber – und das sollte man unbedingt sein – ein Muß.
CD-Info:
- Georg Philipp Telemann:Flavius Bertaridus
- Academia Montis Regalis
- Alessandro de Marchi
- deutsche harmonia mundi dhm 88691926052
- LC 00761

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