BR-KLASSIK - Tafel-Confect

Tafel-Confect-Jubiläum Thema
Von: Rainer Aul Stand: 02.11.2012

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Geschichte und Geschichten aus 60 Jahren

Willy Spilling mit einer Kopie von Valetin Rathgebers "Ohren-vergnügendem und Gemüth-ergötzenden Tafel-Confect" | Bild: BR-Studio Franken

Seit sechs Jahrzehnten wird aus dem BR-Studio Franken das Tafel-Confect gesendet. Was als halbstündige Sendung für eine kleine Gemeinde von Alte Musik-Fans begann, hat sich zur langlebigsten Sendereihe des Bayerischen Rundfunks entwickelt. Eine Zeitreise durch 60 Jahre.

Was hatten sie sich bloß dabei gedacht, die Herren Radiomacher? Sicherlich mit den besten Absichten hatten sie in den 1920er-Jahren damit begonnen, Hörfunkprogramme zu produzieren und auszustrahlen. Durch leere Luft sollten die Menschen mit Neuigkeiten aus aller Welt und – vor allem zur Unterhaltung – mit Musik versorgt werden. Damals dachte wohl niemand daran, dass diese Neuerung einer uralten Tradition den Garaus machen würde: dem häuslichen Musizieren.

Die Stimmen des Tafel-Confects

Willy Spilling, den ersten Abteilungsleiter Musik des Studio Nürnberg, trieben diese Gedanken Anfang der 1950er-Jahre um – so jedenfalls erinnerte sich sein damaliger Assistent und musikalischer Mitstreiter Josef Ulsamer 1975: "Dr. Spilling erkannte, dass die Schuld an der Hausmusizier-Flaute nach dem Krieg zum großen Teil der Rundfunk hatte." Was konnte getan werden, um diese Schuld zu begleichen? Spilling wollte die Lust am Musizieren zu Hause mit einer Rundfunksendung neu beleben – ausgerechnet.

Nach stundenlangen gemeinsamen Sitzungen in Spillings Büro, so Ulsamer weiter, reifte schließlich die Idee zum Tafel-Confect, damals "Musikalisches Tafel-Confect" genannt. Das Konzept der sonn- und feiertäglichen Sendung: die Präsentation von Musikstücken aus dem Mittelalter bis hin zur Neuzeit, gewürzt mit einer Prise Humor. Hauptaugenmerk sollte auf kurzen, fast – und manchmal auch ganz – vergessenen Stücken und Komponisten liegen, neu eingespielt von Solisten aus der Region.

Stichwort Tafel-Confect

Ausgabe des "Tafel-Confect"

Die Bezeichnung "Tafel-Confect" stammt von den gleichnamigen Musiksammlungen der Barock-Komponisten Wolfgang Carl Briegel und Johann Valentin Rathgeber. Letzterer war ein musikalischer und lebenslustiger Mönch im Kloster Banz, der auch selbst komponierte. Ab 1733 veröffentlichte Rathgeber unter dem Titel "Ohren-vergnügendes und Gemüth-ergötzendes Tafel-Confect" eine Sammlung von Liedern, die auf Banketten als Begleitung zur Nachspeise gespielt wurden, analog zu Tafelmusik beim Hauptgang. Es waren meist vergnügliche Stücke, teils mit recht derben Texten. Eine Verbindung der Wollust an weltlichen Genüssen mit der Erhabenheit künstlerischer Erbauung. Und Inspiration für Banz-Liebhaber und Genussmensch Willy Spilling.

Natürlich diente das alles nicht nur dazu, das schlechte Gewissen des Nürnberger Musik-Chefs Spilling zu beruhigen. Große Produktionen der sogenannten Alten Musik entstanden damals ausschließlich in München, entsprechend bekannt waren Interpreten und auch die Kompositionen selbst. Auch in Nürnberg gab es viele Musiker, allerdings "nicht weltberühmt, aber gut", erzählte 1985 Helmut Goldmann, damals verantwortlicher Redakteur des Tafel-Confects. Ihnen eine Plattform zu bieten, das sei ein Hauptgrund für die Einrichtung der Sendung gewesen. Erfahrung mit Sendungen über Alte Musik hatte man in Nürnberg zudem bereits gesammelt.

"Die ersten Sendungen mit Alter Musik stießen in der Zentrale in München ein bisschen auf ein Lächeln. Denn man hat sich ja nicht vorgestellt, dass man mit Alter Musik irgendjemanden ans Radio locken könnte. Erst die vielen Hörerzuschriften, die auf unsere Sendungen mit Alter Musik gekommen sind – damals, nach dem Krieg, das war 1948/49, als wir damit angefangen haben – die haben gezeigt, dass das Interesse für Alte Musik sehr groß war."

Josef Ulsamer

Eingang des Studio Nürnberg in den 1950er-Jahren

Gleichzeitig bot das Tafel-Confect die Gelegenheit, nicht nur die "Charts" der Alten Musik, sondern auch unbekannte Werke ins Programm zu bringen, betonte Goldmann. Genau das sollte die neue Sendung bieten: Kleine, feine musikalische Leckerbissen, kurzweilige Raritäten, kreiert von Komponisten und serviert von Musikern, die jeweils etwas außerhalb des Rampenlichtes stehen. Das Verhältnis zwischen München und Nürnberg als Städte und Rundfunk-Standorte passt da nicht zufällig ins Bild.

"Nürnbergerisch bis zum Eigensinn, ein Mikrokosmos historischer Gelegenheitskompositionen aller Musikepochen, vom 11. Jahrhundert bis zur Gegenwart, von den Anfängen der Gotik über den Minnesang und unzähligen Beispielen aus Renaissance und Barock bis Romantik und Neuromantik."

Wolfgang Buhl, 1978 bis 1990 Leiter des BR-Studio Franken, über das Musikalische Tafel-Confect

Das erste Musikalische Tafel-Confect wird am 2. November 1952 ausgestrahlt, damals noch im aus Nürnberg gesendeten zweiten Hörfunkprogramm des Bayerischen Rundfunks. Das in der Sendung angebotene musikalische Spektrum von Mittelalter bis Spätromantik kommt bei den Hörern aber gar nicht gut an. "Ab der Klassik schalten wir ab", ist in einer der vielen Zuschriften zu lesen, von denen Tafel-Confect-Mitbegründer Josef Ulsamer 1975 zu berichten wusste. Deshalb ist bald Schluss mit Spielmannszügen und Strawinski in einer Sendung. Die Macher beschränkten sich nach einigen Sendungen auf Musik aus der Zeit vom 12. bis ins späte 18. Jahrhundert. Das neue Konzept schlägt ein, wie wiederum Briefe von Zuhörern bestätigen, die Nürnberg sogar aus der DDR erreichten.

Was 1952 noch so geschah

25. April

Wahlergebnisse aus den vier Wahlzonen nach der Abstimmung über die Gründung eines gemeinsamen Bundeslandes Baden-Württemberg | Bild: picture-alliance/dpa

Das Bundesland Baden-Württemberg wird durch die Vereinigung der Länder Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern gegründet.

26. Mai

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Die westlichen Besatzungsmächte und die Bundesrepublik besiegeln den Deutschland-Vertrag. Er regelt das Ende des Besatzungsstatuts und verschafft der jungen Republik "die volle Macht über ihre inneren und äußeren Angelegenheiten".

24. Juni

Titelblatt der Bild-Zeitung | Bild: BR-Studio Franken/Rainer Aul

Die erste Ausgabe der Bild-Zeitung erscheint. Preis: 10 Pfennig.

23. Juli

Verarbeitung von geschmolzenem Stahl | Bild: colourbox.com

Die Montanunion, ein Vorfahr der EU, tritt in Kraft.

6. Mai

Historische Aufnahme einer Bundeswehr-Kapelle | Bild: picture-alliance/dpa

Die dritte Strophe des Deutschlandliedes wird zur Nationalhymne der BRD.

21. Dezember

Weltgeschehen 1952 | Bild: colourbox.com

Erster Sendetag des DDR-Fernsehprogramms. Vier Tage später startet das offizielle regelmäßige Fernsehprogramm in der BRD.

Das Konzept der Sendung war für die frühen 1950er eher ungewöhnlich: Erforschung und Darbietung historischer Stücke der sogenannten E-Musik, der "ernsten Musik", waren damals nicht gerade im Trend, höchstens eine Nische für eine Personengruppe, die heute wahrscheinlich als Freaks bezeichnet würde. Tonaufnahmen gab es kaum, und auch sonst war die Quellenlage prekär: Wer Alte Musik hören wollte, musste sich selbst behelfen, in Bibliotheken und Archiven nach Notenblättern stöbern und diese oft auch noch mühsam bearbeiten, um sie spielbar zu machen.

"Begabter Nachwuchscellist von feiner Musikalität mit hochentwickeltem Klangsinn. Routinierter Kammermusikspieler, besonders brauchbar als Continuo-Cellist."

Eintrag im BR-Personalbogen von Josef Ulsamer

Josef Ulsamer 1959

"Gute Leute aus der Region, die damals noch in Nürnberg wirkten, waren die Kerngruppe für das Tafel-Confect", erinnert sich Willy Spillings Assistent Josef Ulsamer 1975 an die Anfangszeit. Er selbst war eine treibende Kraft in Sachen Alte Musik. Er gilt als einer der Ersten in der "historischen Aufnahmepraxis", eine Koryphäe des Musizierens mit originalen Instrumenten. Der Musikwissenschaftler nahm ein gewaltiges Repertoire auf – mangels eigener Ausstattung zunächst mit geliehenen Pretiosen aus der musikhistorischen Sammlung des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, später mit Instrumenten, die er anhand historischer Abbildungen selbst nachbaute.

Gemeinsam mit seiner Frau Elza van der Ven-Ulsamer und dem Ulsamer-Collegium erarbeitete er sich weltweit einen hervorragenden Ruf in seinem Fach. Und legte den Grundstein für den Erfolg desTafel-Confects. "Als wir sahen, dass es eine Resonanz fand, wie es bei einer E-Musik-Sendung nicht bekannt war", so Ulsamer, "haben wir uns im Laufe der 1950er-Jahre zu einem Spezialitätenstudio der Alten Musik entwickelt." Dieser Ruf brachte Interpreten von Weltruhm nach Nürnberg – "aus Kollegialität und Freundschaft", war Ulsamer überzeugt. Denn angemessene finanzielle Anreize konnte das stets klamme Studio Nürnberg kaum bieten.

Hörfunkarbeit in den 1960er-Jahren

In den Anfangsjahren waren Willy Spilling und Josef Ulsamer gemeinsam zuständig für die Programmgestaltung der Sendung. Sie versammelten Musiker in Nürnberg, reisten nach Italien, um das Spiel historischer Orgeln aufzunehmen, spielten eigenhändig Stücke ein und moderierten das Tafel-Confect. Bis zur 500. Sendung 1962 entstanden so 750 Kilometer Bandmaterial. 1965 fand die Zusammenarbeit mit dem Tod Spillings ein jähes Ende. Zwei Jahre wechselte Ulsamer an den Gamben-Lehrstuhl der Musikhochschule Würzburg.

Die nachfolgenden verantwortlichen Redakteure führten die Tradition des sonn- und feiertäglichen Musikalischen Tafel-Confects fort. Es hat seinen Sendeplatz trotz zahlreicher Programmreformen behalten und gilt inzwischen sie als älteste Sendereihe des Bayerischen Rundfunks. Natürlich kam es über die Jahrzehnte immer wieder zu Veränderungen: Die Sendung läuft längst auf BR-Klassik, zudem werden die einzelnen Stücke nicht mehr nur angekündigt, sondern konsequent anmoderiert.

Mit der Alten Musik-Szene änderte sich auch die Musik im Tafel-Confect: Inzwischen besteht die Sendung fast nur noch aus professionell gespielten Stücken von Interpreten aus aller Welt. Die ursprüngliche Intention Spillings, die Förderung des häuslichen Musizierens, ging im Laufe der Zeit verloren. Gleich blieb dagegen das Konzept der Sendung: Auch nach 60 Jahren und mehr als 3.000 Folgen werden kleine Köstlichkeiten für den vergnüglichen, nach-mittäglichen Hörgenuss präsentiert. Auch weiterhin guten Appetit!


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